von Hubertus Mynarek

Was war das für eine Freude, für eine blitzartig anberaumte Hochstimmung in allen Medien, als Josef Ratzinger Papst wurde! Unsere nicht bloß auf politische, sondern auch auf kirchliche Korrektheit getrimmte Presse konnte sich nicht genug tun im überschwänglichen Lob über die brillante, geniale Intelligenz dieses Mannes, der sofort zum geistigen Führer gegen den postmodernen Relativismus, gegen den Atheismus, den materialistischen und lasziven Zeitgeist ausgerufen wurde. Überregionale Tageszeitungen wie die „Frankfurter Allgemeine“, „Die Welt“, die „Süddeutsche“ verwandelten sich für eine Zeitlang geradezu in Kirchenblätter, die monatelang völlig kritiklos Jubelarien für diesen Papst gen Himmel schmetterten. Kein Wunder, dass fast alle Provinzblätter die „Großen“ fleißig nachäfften.

Völlig vergessen schien die Tatsache, dass dieser Mann vor seiner Papstwahl der Großinquisitor der katholischen Kirche war, dass er die für die armen Volksschichten eintretende südamerikanische und südostasiatische Befreiungstheologie diffamiert, diszipliniert und unter Verbot gestellt hatte, dass er über 150 Theologen, die auch nur ein wenig von der vatikanischen Standard-Dogmatik und –Moraltheologie abgewichen waren, mit Redeverbot, Suspension, Entzug des Lehrstuhls usw. belegte, dass er gnadenlos den kleinsten Ungehorsam gegenüber der Hierarchie, der „heiligen Herrschaft“, verfolgte, dass er jede Gleichberechtigung der Frau in der Kirche verurteilte und die wenigen Frauen, die es gewagt hatten, sich von einem „abtrünnigen“ Bischof zu Priestern weihen zu lassen, sofort mit herzlicher Billigung Johannes Pauls II. exkommunizieren ließ.

Wie gesagt, das alles und vieles mehr war vergessen! Oder nein, es war nicht einfach vergessen, denn plötzlich meldeten sich korrupte Journalisten en masse zu Wort, die die wunderbare Wandlung des Josef Ratzinger voraussagten, die Wandlung vom gestrengen, rigorosen Inquisitor zum gütigen, sanften Hirten und Vater aller christlichen Schafe, nicht bloß der katholischen. Das Amt schaffe den Charakter, als Papst werde er also ganz anders, vor allem viel menschlicher sein, als er als Kardinal und Chef der Inquisitionsbehörde notgedrungen sein musste. Als Papst Benedikt werde Ratzinger einen neuen Frühling über die starr, steif, verkrustet und veraltet erscheinende Kirche hereinbrechen lassen. Es war plötzlich alles wunderbar einmütig und kritiklos in den Zeitungen und Magazinen, im Fernsehen und Rundfunk. Alle waren sich sicher: Dieser Papst eröffnet eine neue Ära, eine neue Epoche in der Kirchengeschichte des 21. Jahrhunderts“

Es fehlte auch nicht an „Beweisen“ für die wundersame Wandlung des Josef Ratzinger. Gab es z.B. nicht ein Treffen zwischen ihm und Hans Küng, den die Kirche in der gesamten Amtszeit Johannes Pauls II. als persona non grata behandelt hatte? Ein Treffen der feindlichen Brüder Josef und Hans, die sich noch als Lehrstuhlinhaber in Tübingen mächtig beharkt hatten – war das nicht ein großartiger Schachzug vatikanischer Kirchendiplomatie? Weit öffnete Papa Josef dem verlorenen Sohn Hans die Tore des Vatikans bzw. der päpstlichen Sommerresidenz Castel Grandolfo, nicht ohne zu betonen, dass man alle Streitfragen des Glaubens dabei wohlweislich ausgeklammert habe.

Für den unabhängigen Kenner der Materie war das Ganze aber gar nicht so großartig und der verlorene Sohn gar nicht so verloren. Denn die „Liebe“ der Kirche macht stets an ihren Grenzen halt, geht nie darüber hinaus. Und Küng hatte ja in der Vergangenheit immer wieder von neuem betont, dass er ein Kind der Kirche sei und nie daran gedacht habe, aus ihr auszutreten. So war auch seine Kritik an der Kirche immer gemäßigt, nie radikal, bis an die Wurzel vordringend. Die Unfehlbarkeit des Papstes und der Kirche z.B. leugnete er nicht etwa grundsätzlich, er ersetzte sie lediglich durch einen neuen Begriff, den der »Indefektibilität«, was auf das Gleiche herauskommt. Insofern war Küng zwar ein blindes, aber nie ein verlorenes Schaf der Kirche! Theologieprofessoren wie den Verfasser dieses Artikels, die aus der Kirche ausgetreten sind und die Absurdität ihrer Lehren bis ins Letzte nachgewiesen haben, würde der Ratzinger-Papst nie einladen. Sie würden aber auch seiner Einladung nicht Folge leisten, ganz abgesehen davon, dass Küng vom Papst erst eingeladen wurde, nachdem er selbst um eine Audienz ersucht hatte. Küng handelte dabei wie ein abgebrühter Politiker, den sein Geschwätz von gestern nicht mehr interessiert. Denn noch unmittelbar nach Ratzingers Wahl zum Papst hatte Küng großspurig im Magazin „Der Spiegel“ erklärt, dieser Mann eigne sich überhaupt nicht zum Leiter der Weltkirche des 21. Jahrhunderts. Wie sagte es doch kürzlich ein an sich treuer Katholik, der katholische Pfarrer Rudolf Schermann, seines Zeichens Herausgeber und Chefredakteur der österreichischen Zeitschrift »Kirche In«: „... ich musste auch lernen, dass nirgendwo so flott offenkundige Tatsachen verschwiegen, verdrängt, verleugnet, unter den Teppich gekehrt, Opfer zu Tätern, Täter zu Opfern ernannt und das Schwarze auf weiß umgelogen wird, wie an der Spitze dieser Institution, die ansonsten unentwegt die Wahrheit im Munde führt ... für sie sind noch die schwärzesten Nächte die weißen Nächte von St. Petersburg.“

Für eine solche Kirche ist Ratzinger der absolut geeignete Papst. Da irrt Küng mit seiner damaligen Aussage im „Spiegel“-Magazin, an die er heute aber auch gar nicht mehr erinnert werden möchte. Zwangsläufig musste die Wahl zum Papst auf jenen Kardinal fallen, der mit seinem ganzen Naturell, seinem Typus eines realitätsblassen Theoretikers die beste Gewähr bot, die Fassade der Kirche am glänzendsten zu putzen, zu legitimieren, zu verteidigen, ohne dabei den Dreck, den Schutt, den Moder, die gangsterhaften, verbrecherischen Verhaltensweisen in ihrem Innern anzutasten.

Noch einmal wollte man sich einen Papst wie Johannes Paul I. nicht antun, der nach dreißig Tagen des Umschauens im Finanzdreck des Vatikans am Abend seinen Entschluss mitteilte, die mafiosen Strukturen der kurialen Finanzpolitik zu zerstören und den dafür zuständigen Präfekten im Kardinalsrang zu entmachten, und der am nächsten Morgen tot in seinem Bett lag. So etwas wird dem kirchlichen Fassadenreiniger Ratzinger nicht passieren, denn dieser Schönredner (lat. benedicens, deshalb Benediktus XVI., der 16. Schöngeredete!) wird nie an den hochheiligen Kern, die sakrosankte Substanz der Kirche rühren, geschweige denn daran rütteln. Dieser Kern – das ist nicht nur die tabuisierte, total antidemokratische Hierarchie der Kirche mit den Fortsetzern der imperialen Macht des antiken römischen Staates im Papst-, Kardinals- und Bischofsrang, sondern auch die Vatikan-Bank, mit frommem Augenaufschlag offiziell als „Institut für religiöse Werke“ tituliert, in die die Gelder der geschorenen Schafe aus der ganzen katholischen Welt fließen, aber auch Gelder aus den diversesten mafiosen Deals, die in dieser Bank reingewaschen werden. Wie sagte es doch der im Zusammenhang mit der Calvi- und Sindona-Affäre von der italienischen Justiz und Polizei gejagte und gesuchte damalige Chef der Vatikan-Bank, Erzbischof Paul Marcinkus: „Man kann die Kirche doch nicht mit Ave Marias in Gang halten.“ Für die Ave Marias wird der Ratzinger-Papst schon sorgen, auch wenn er wegen seines anders gearteten Naturells nicht so verrückt und erotisch wie sein Vorgänger mit der „Gottesmutter“ verschmelzen wird, für die Inganghaltung der ständigen Geldströme in den Vatikan werden andere Eminenzen und Exzellenzen Sorge tragen. Die dürfen weiter unter der gnädig-nachsichtigen Schirmherrschaft des 16. Benedikts im Trüben fischen, nicht ohne den päpstlichen Segen urbi et orbi, der auch ihnen gilt.

Die finanzstärkste Organisation innerhalb der katholischen Kirche ist das berüchtigte »Opus Dei«, das deshalb auch im Vatikan über den größten Einfluss verfügt. Dieses „Werk Gottes“ hatte bereits entscheidenden Einfluss auf die Wahl Papst Johannes Pauls II., der schon als Erzbischof in Krakau von ihm unterstützt wurde. Auch Josef Ratzinger wurde Papst, weil das »Opus Dei« das so wollte und die vielen Kardinäle, die zum Opus gehören oder ihm nahestehen, in die Richtung seiner Wahl dirigierte. Zeit genug hatte es noch während der Amtszeit des Wojtyla-Papstes, dessen Ende aber abzusehen war, einen Theologen wie Ratzinger für das künftige Pontifikat zu präparieren.

Eine gewisse Arbeit war da aber schon zu leisten, denn noch vor etwa 25 Jahren hatte Ratzinger eine gesunde Aversion gegen das »Opus Dei«. Die „theologische Öde und Langweiligkeit“ dieser Organisation gehe ihm „auf die Nerven“, hörte man von ihm. Gerade aus München, wo er Erzbischof gewesen war, in den Vatikan gewechselt, erschrak er, als er die von Opus Dei beeinflussten Machtverhältnisse in der römischen Kurie wahrzunehmen begann. Vor ehemaligen Schülern erklärte er, er wolle die äußerst schnell zunehmende Macht des Opus Dei einschränken, um einen Staat im Staat, d.h. eine Kirche in der Kirche zu verhindern. Er lobte sich auch, dazu beigetragen zu haben, dass das »Opus Dei« nicht die angestrebte Rechtsform einer Personaldiözese, sondern nur die einer Personalprälatur erhielt.

Wie konnten auch einem halbwegs normalen Menschen die Methoden und Strukturen des »Opus Dei«, im spanischen Ursprungsland auch die „Heilige Mafia“ genannt, gefallen: die Formen der Geheimhaltung von allem und jedem, die Bußpraxis mit Bußgürtel und täglicher Selbstverabreichung von Schlägen, die Indoktrination und Dressur schon von Kindern und Jugendlichen, die permanent gepredigte Kreuzes- und Kampfestheorie, die Forderung, möglichst an jedem Tag jemanden zu bekehren, weil man sonst ein unnützer Leichnam sei, das ständig befohlene Aufschauen zum Gründer des »Opus Dei«, dem von Johannes Paul II. im Eiltempo heiliggesprochenen Josemaria Escrivá de Balaguer, der nicht anders denn als geistlicher Diktator und Tyrann charakterisiert werden kann. „Aufwärts mit heiliger Unverschämtheit“ hatte er seinen Anhängern zugerufen, drei Punkte hatte er ihnen als über Leben und Heiligkeit entscheidend ans Herz gelegt: „Heilige Unnachgiebigkeit, heiliger Zwang und heilige Unverschämtheit“. Aber ebenso eine raffinierte Diplomatie: „Sei konziliant in der Form. Eine mächtige stählerne Keule in einem gepolsterten Futteral.“ Und ebenso die Waffe der Diskretion: „Vielleicht ist sie nicht die Spitze deiner Waffe, aber zumindest der Griff.“ Pardon kannte dieser Mann nicht, wenn es um das Wachsen seiner Organisation und ihre Durchsetzung in Kirche und Welt ging, Pardon sollten auch seine zu totalem Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten verpflichteten Jünger nicht kennen.

Andererseits fühlte sich der nach eigener Aussage „eher schüchterne und recht unpraktische ... weder sportlich noch organisatorisch oder administrativ begabte“ Ratzinger von der robusten Stärke und Durchsetzungskraft, dem unbedingten Führungs- und Herrschaftswillen des »Opus Dei« offenbar magisch angezogen. Mit der Zeit musste jedenfalls dem allmählich immer konservativer, autoritärer und reaktionärer denkenden obersten Glaubenswächter Ratzinger die Ideologie des »Opus Dei« zunehmend gefallen. Beide, Ratzinger wie »Opus Dei«, waren sich einig in der Verteufelung der vermeintlich marxistisch angehauchten südamerikanischen Befreiungstheologie, in der Notwendigkeit der Rechristianisierung, sprich: Rekatholisierung der heidnisch gewordenen Gesellschaft in Europa, im energischen Bemühen, jeden Hauch einer Aufwertung oder größeren Selbstständigkeit der Laien in der Kirche kompromisslos im Keim zu ersticken (Stichwort: Niederschlagung oder Ächtung der Kirchenvolksbegehren!). Beide wollten eine die gläubigen Schafe patriarchalisch bevormundende, gegen alle Aufweichungen des „Glaubensguts“ sich hermetisch abschließende Macho-Kirche, die sich allen autoritären Regierungen dieser Welt (und welche sind das nicht?) als stärkste und stabilste ideologisch-religiöse Stütze anbietet.

Die innere Übereinstimmung der Gesinnungen Ratzingers und des »Opus Dei« musste daher zwangsläufig und konsequenterweise auch öffentlich effektiv werden. Dem Werben der Organisation um Ratzinger entsprach dessen Bemühen, sie, die über soviel Macht und Einfluss in der Kirche und im Vatikan verfügt, für sich zu gewinnen. Was macht ein Schreibtischmensch wie Ratzinger, wenn er etwas erreichen, jemandem gefallen will? Er verfasst entsprechende Artikel. So mancher Theologe war erstaunt, sogar befremdet, als Kardinal Ratzinger 1992 einen Beitrag zum Propaganda-Klassiker des »Opus Dei« schrieb, dem Buch „Die Welt – eine Leidenschaft, Charme und Charisma des Seligen Josemaria Escrivá“, herausgegeben von den »Opus Dei«-Priestern Becker und Eberle. Die waren dankbar und hocherfreut. Sie setzten Ratzingers Beitrag sogleich an die Spitze des ganzen Propaganda-Werks. Beitragende dieses Werks waren fast nur »Opus Dei«-Leute, sieben von neun! Und Ratzinger sparte nicht mit Lob. Für Escrivá , so der Kardinal, sei „der Gehorsam zur hierarchischen Kirche und das Einssein mit ihr grundlegender Maßstab seiner Sendung“ gewesen.

Na bitte! Genau so versteht sich Ratzinger doch auch selbst, und daher musste »Opus Dei« ihn eines Tages logischerweise vom Sitz des obersten Glaubenswächters in Rom auf eine noch höhere Stufe katapultieren, auf den Papstthron. Vorher noch aber schmückte der ganz auf der Linie des Opus angekommene Ratzinger zahlreiche Kongresse dieser mächtigen Organisation mit seiner Anwesenheit und seinen stets Sympathie für sie bekundenden Vorträgen. Und die Manager des »Opus Dei« zitierten allenthalben Ratzingers Zustimmung zu ihm, brauchten sie doch seine Autorität, um ihrer obskuren Organisation immer mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Denn „wie eine Krake wuchs ja ... der ‚Octopus Dei‘“ wie selbst innerkirchliche Kritiker beanstandeten. So wusch eine Hand die andere. Ratzinger dem »Opus«, das »Opus« ihm. 1983 hält er in Rom den Eröffnungsvortrag auf dem theologischen Symposion über den Gründer des »Opus Dei«. 2002 ist er es, der der Öffentlichkeit einen weiteren, von der Geheimorganisation initiierten „Klassiker“ vorstellt und empfiehlt, das Buch „Opus Dei – Botschaft, Werke, Personen“. Klar, dass man ihm nun auch feierlich die theologische Ehrendoktorwürde der »Opus Dei«-Universität im spanischen Pamplona verleiht, womit er ja nun auch Mitglied ihrer Dozentenschaft geworden war.

Natürlich reicht es nicht, das »Opus Dei« öffentlich zu preisen, um von ihm in seiner Karriere unterstützt zu werden. Diese Organisation durchleuchtet einen unbarmherzig und eiskalt auf Herz und Nieren, ehe sie ihn für förderungswürdig erklärt. Bei Ratzinger war sie sich aber bald sicher: Dieser Mann hat genau die Intelligenz, die wir brauchen: ein blendender Apologet der päpstlichen Lehre in Dogmatik und Moraltheologie, aber mit genau begrenzter, exakt eingegrenzter und beschränkter Intelligenz, die nie in Gefahr gerät, über den Tellerrand der Kirche hinauszuschauen oder etwa die Zentralpfeiler päpstlicher Macht in Frage zu stellen oder die Absurdität der Hauptdogmen der Kirche, der Erbsünde als der ganzen Menschheit eingeimpftem Schuldkomplex, der Taufe und Beichte als gnädig von der Kirche ausgeübten Befreiungsritualen von Schuld, der Eucharistie als kannibalistischem Opferritus, der unmöglichen, widersprüchlichen »1 = 3-Konzeption« ihres Gottes aufzudecken. Dieser Mann interessiert sich nicht einmal für den Jesus der Historie, wie ihn die Evangelien schattenhaft (re)konstruieren. Ihm gilt nur der Christus der Kirche etwas, also das, was aus dem Jesus der Evangelien die Machtinteressen der Kirche gemacht haben. „Die Grundentscheidung meines Lebens“, so Ratzinger wörtlich, „ist kontinuierlich, dass ich an Gott in Christus in der Kirche glaube und darauf hinzuleben versuche“. Er würde nicht einmal in philosophischer Fragestellung, unabhängig von der Kirche, nach Gott fragen. Nein, es muss der Gott und der Christus sein, wie sie von der Kirche Roms im Interesse von Herrschaft, Profit und Massenbeneblung ersonnen und hergerichtet wurden.

Selbstverständlich wusste »Opus Dei« auch um Ratzingers die Enge seines Weltbildes mitbedingende Herkunft. Er wuchs auf dem Lande auf in Dörfern und Kleinstädten, in einer kleinbürgerlichen Familie, in der Schmalhans Küchenmeister war. Er ist noch heute „sehr dankbar“, wie er dem Journalisten Peter Seewald im Interview gestand, dass „wir doch sehr sparsam und einfach leben mussten“, dass es „dieses Klima einer großen Einfachheit“ gab. Die Mutter war „von Beruf Köchin“, eine biedere, aber „sehr warmherzige“ Frau mit engem, jedoch fundiert tyrolisch-katholischem Gesichtskreis, der Vater Gendarm, Dorfpolizist mit sehr frommem niederbayerisch-katholischen Hintergrund. „Mein Vater war ein sehr gerechter, aber auch ein sehr strenger Mann ... streng war es (bei uns), das muss ich sagen.“ Der „einfache Kommissär“ hatte auch eine sehr einfache Vorstellung von seiner Aufgabe: Strenge Ordnung, absolute Disziplin musste in dem Ort herrschen, wo er Dienst tat! Ordnung auf katholischer Basis. Josefs Vater selbst erfüllte sie vorbildlich: „Mein Vater war ein sehr gläubiger Mann. Er ist am Sonntag um sechs Uhr in die Messe gegangen, dann um neun Uhr in den Hauptgottesdienst und nachmittag nochmal ... Religion war ganz zentral.“ (Man beachte das Formalistische, Äußerliche in dieser Aussage des künftigen Papstes: Gläubigkeit und Religiosität werden schlichtweg mit der Disziplin, x-mal an einem Tag in die Kirche zu laufen, gleichgesetzt!). Deshalb ging auch der kleine Josef, „wenn es irgendwie vom Schulrhythmus her möglich war, natürlich auch jeden Tag in die Messe.“ Zu allem Überfluss wurde in der Familie noch „meistens auch der Rosenkranz gebetet“, also die monotonste, magischste Gebetsmühle, über die die katholische Kirche verfügt. „Familiengebet und ... Kirchenbesuch“ – das war die intime Enge der religiösen Familiensituation der Ratzingers. „Wir haben versucht, einfach gläubig, katholisch zu sein. Aber seine Farbe hatte unser Glaube zunächst auf dem Land und dann in dieser kleinen Stadt Traunstein gewonnen.“

Etwas jedoch fehlte noch in der Charakteristik dieser Ratzingerschen Religiosität. Sonst hätte dem Josef die letzte Motivation, Priester zu werden, gefehlt. Es musste das hinzukommen, was den Ausschlag dafür gibt, dass der Katholizismus so sehr die Augen der Masse auf sich zieht: der liturgische Pomp. „Als später einmal der Kardinal Faulhaber in unsere Gegend kam, mit seinem gewaltigen Purpur, hat der mir natürlich um so mehr imponiert, so dass ich gesagt habe, sowas möchte ich werden.“ Den Josef Ratzinger haben „die liturgischen Feste fasziniert, mit der Musik und mit allem, was an Schmuck und Bildern da war.“ Das ist es, was den Katholizismus zu einer im Grunde so äußerlichen, primitiven, massenkonformen Religion macht: er braucht Bilder über Bilder und theatralische Szenen in Gestalt von Messen, Hochämtern, Pontifikalmessen etc., um die Absurdität seiner Dogmen der Phantasie des Volkes nahezubringen, um diese abstrusen Lehren ins Einfach-Naive zu übersetzen. Natürlich taten die grundkatholischen Eltern alles, um von früh an den kleinen Josef in diese Richtung zu lenken. „Meine Eltern hatten mir schon in der zweiten Schulklasse mein erstes Missale gekauft.“ Man vergegenwärtige sich: Der Junge ist gerade sieben oder acht Jahre alt und kriegt schon „das Messbuch, das der Priester am Altar benutzt“. Dem wurde die Berufung zum Priester ins Gehirn gehämmert, noch bevor er sich überhaupt das, was da mit ihm geschah, selbst klar machen konnte!

Also auch von seiner Herkunft her war Josef Ratzinger der in den Augen des »Opus Dei« für das Papstamt geeignete Mann. Da konnte gar nichts schiefgehen, der hatte sich die kirchliche Doktrin und Atmosphäre von Kindesbeinen an einverleibt. Das Vorbild des Vaters, des Dorfpolizisten vor Augen, hatte ja schon der Kardinal Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation die katholische Weltkirche wie ein Dorf mit ihm als Chefkommissar von oben herab behandelt. Da konnten Bischöfe bzw. Theologen, die mal etwas freimütiger predigten bzw. etwas abweichende Glaubenstheorien publizierten, noch so weit entfernt von Rom leben, in den USA, Mittel- oder Südamerika oder in Asien, sie wurden alle in Ratzingers Inquisitionsbüro zitiert, um da ihre volle Unterwerfung zu unterzeichnen. Sonst bestrafte sie der oberste Gendarm der Kirche mit Rede- und Schreibverbot, Entzug des Bischofsamtes oder des Lehrstuhls, mit Exkommunikation und Suspension, eben mit Existenzvernichtung. Ein eintöniges, monotones, monolithisches Dorf – das sollte die Kirche in der Vorstellung Ratzingers werden.

Und um das zu erreichen, musste die Kontrolle über das Ganze perfekt sein, mussten die Kontrollmechanismen immer lückenloser funktionieren, eben so, wie in einem Dorf der Dorfgendarm alles weiß, was da vor sich geht. So theoretisch und unpraktisch der Mann sonst war und ist, wenn’s um sein Spezialgebiet, die Glaubensdinge ging, konnte Ratzinger ganz praktisch, geradezu hemdsärmelig werden, da verfolgte er jede auch nur ein wenig freiheitlichere Bewegung in der Kirche rigoros. Pardon wird nicht gegeben, Pardon – das gibt es nicht! Und dieser fanatische Glaubenskommissar gibt nun als frischgebackener Papst seine erste Enzyklika unter dem Titel „Deus Caritas est“ (Gott ist die Liebe) heraus. Ein Gipfel der Heuchelei! Gnade den Gläubigen vor dem Gott Josef Ratzingers! Die spezifische Enge eines dorfpolizeilich strukturierten Inquisitors, der in allen Akten aufmüpfiger Theologen und Laien herumschnüffelte – dieses Image Ratzingers muss natürlich aus den Köpfen der Menschen verschwinden. Also schreibt er eine süßlich-sanfte Enzyklika über die wahre Liebe, von der er bisher nicht mal eine Spur von Ahnung erkennen ließ. Diese Enzyklika, so die niederländische Zeitung „Trouw“, wirft „Fragen auf wegen seiner früher eher kläffenden und beißenden Erscheinung. Wie verhalten sich seine liebevollen Worte dazu?“, etwa zum „Verbot der Pille, der Frau in kirchlichen Ämtern und dem Zölibat“, denn in all diesen Dingen ist er ja weiterhin der stockkonservative Rigorist und Fundamentalist.
Die Enge von Ratzingers Bild eines liebenden Gottes wird anhand des folgenden gravierenden Sachverhalts noch deutlicher: Er ist strikt dagegen, den Tieren ein eigenständiges Lebensrecht zuzubilligen. Das demonstrierte er bereits in dem von seinem Vorgänger 1993 herausgegebenen „Katechismus der katholischen Kirche“, bei dessen Abfassung Ratzinger die leitende Funktion innehatte. In diesem Katechismus werden die Tiere zum Abschuss freigegeben, nämlich zur Verwertung für Kleidung und Nahrungsmittel, zu Laborversuchen, zu allen möglichen den Menschen vermeintlich dienenden Zwecken. Der „liebende“ Gott habe den Menschen zum einzigen Aristokraten auf Erden gemacht, dem alle Tiere als seine Sklaven unterworfen seien. Was hat da ein Mann wie Ratzinger für einen Begriff von der Liebe des Schöpfers, wenn dieser einen Großteil seiner Schöpfung der Grausamkeit des Raubtiers Mensch anheimgibt?! Aber Ratzinger praktiziert auch selbst seine tierfeindliche Ideologie (sprich: kirchenkonforme Dogmatik), indem er beim eigenen Genuss der Tiere keine Hemmungen kennt. Weihnachten 2005 ließ er sich eine ganz besondere Form der Tierquälerei schmecken: einen Kapaun. Ein Kapaun ist ein junger, kastrierter Masthahn, dem im Alter von etwa 6 Wochen der Bauchraum aufgeschnitten wurde, und das in der Regel bei vollem Bewusstsein, also ohne Betäubung. Die im Bauchraum liegenden Hoden werden mit einer Zange gepackt und mit 5 bis 20 Umdrehungen abgedreht. Man muss schon ein Gefühlsrohling sein, um dann noch Geschmack und Genuss am Kapaunschen Festtagsbraten zu haben.

Aber diese Roheit muss Papst Ratzinger gar nicht so empfinden. Er ist schließlich das treu-brave Kind einer Kirche, die jahrhundertelang predigte, Tiere hätten keine Seele. Haben sie keine Seele, dann haben sie auch kein Gefühl, auch kein Schmerzempfinden, und dann darf man ihnen getrost jede Qual zumuten. Hatte nicht schon der junge Theologieprofessor Ratzinger, damals also noch nicht Bischof, Kardinal oder Papst, in seinen Vorlesungen vor seinen Theologiestudenten vollmundig getönt, es könne dem Reh oder Hasen gar nichts Besseres passieren, als geschossen zu werden und auf dem Teller des Menschen zu landen, denn damit erfülle er seine Bestimmung, die der Schöpfergott ihm zugeteilt habe. Es geht eben nichts über ein katholisches Gewissen. Das deckt alle Schuld zu, und wenn es sich wirklich einmal meldet, gibt’s ja die Beichte, die einem endgültig alle Skrupel nimmt.

Vielleicht ist es ja auch so, dass der so gern Schweinefleisch mit Knödeln, Weißwurst etc. verzehrende Ratzinger obendrein spezielle Botschaften aus dem Jenseits erhält, die sein katholisches Gewissen zusätzlich gegen das Leid der Tiere immunisieren. Steht er doch nach eigener Aussage in engem Kontakt mit seinem Vorgänger, Johannes Paul II. „Ich höre ihn und sehe ihn sprechen ... somit kann ich in einem ständigen Dialog mit ihm stehen“, erklärte Benedikt XVI. in einem Interview mit dem polnischen Fernsehen. Bekannt ist, dass der Wojtyla-Papst sich den Genuss einer gut gebratenen polnischen Gans nie entgehen ließ. Und so haben wir auch hier ein herzliches Einvernehmen des verstorbenen und des lebenden Papstes!

Päpste dürfen sich auch – trotz ihrer „Unfehlbarkeit“ – in Widersprüche verwickeln, ohne wie andere Leute an Glaubwürdigkeit bei den gläubigen Schafen oder den dem Papst hinterherhechelnden Journalisten zu verlieren. Denn derselbe Papst Ratzinger, der seinen Vorgänger aus dem Jenseits sprechen hört und ihn dort sieht, brandmarkte, als er noch Kardinal und Großinquisitor war, „die Suche nach Erscheinungen, nach Botschaften aus dem Jenseits und ähnliches mehr“ als „pathologische Formen der Religiosität“, als „enge oder kranke Religionsformen“. Aber offenbar darf ein Papst, was seine Untergebenen nicht dürfen. Wenn diese mit dem Jenseits Kontakt suchen, ist das pathologisch und krankhaft, auch von der Bibel her verboten, wenn er es als Papst tut, ist das lediglich der Beweis, dass er aufgrund seines Amtes einen besseren und direkteren Draht zu den metaphysischen, jenseitigen Tiefen des Seins hat als seine auf seine Vermittlung angewiesenen Schafe.

Auch wenn der Papst als oberster Chef im Vatikan fungiert, gehört es dennoch zum Wesen eines totalitären geistlichen Staates, wie es die Kirche ist, dass dieses System noch weitere Sicherungen einbaut. Einfacher gesagt: Auch der Papst als Chefkontrolleur und oberster Diktator unterliegt noch der Kontrolle. Bei Ratzinger führt sie »Opus Dei« mit Hilfe ergebenster Diener dieser Organisation durch. Da ist gleich an erster Stelle der ständig in unmittelbarer, nächster Nähe Ratzingers agierende Prälat Dr. Georg Gänswein („Don Giorgio“), der persönliche oder Privatsekretär des heiligen Vaters, der „den Tag vom Morgengebet bis zum Abendspaziergang mit Papst Benedikt XVI. verbringt“ und sein Büro in der Terza Loggia des Palazzo Apostolico, dem „Appartamento privato“ des Papstes, gleich neben dem des Chefs hat. Gänswein war Dozent an der theologischen Fakultät der römischen »Opus Dei«-Universität, ehe er zu Ratzinger kam. Jetzt kontrolliert, sortiert, sichtet und koordiniert er alles, was zum Papst kommt, alle Anfragen und Anliegen, natürlich nur „damit nicht die ganze Lawine auf den Heiligen Vater niedergeht.“ Kenner der Materie sagen, „Pater Gänswein habe mehr Einfluss und Macht als jeder andere Papstberater vor ihm“. Das Magazin „Der Stern“ erklärt als Ergebnis seiner Recherchen: „Don Giorgio hat jetzt im Vatikan enormen Einfluss.“ Schon als Ratzinger als Dekan der Kardinäle ins Konklave zieht, darf er als Einziger seinen Sekretär Gänswein mitnehmen. Der muss ja dabei sein, um alles beobachten zu können.

Aber das Joch mit ihm ist für Ratzinger süß und sanft, denn dem zarten, femininen, mit schwacher Konstitution ausgestatteten Papst ist der männliche, kraftvolle Playboy-Typ Gänswein von vornherein äußerst sympathisch. Als „der schönste Diener des Herrn“, als „Benedettos Beau“, als „Adonis aus dem Schwarzwald“ und „George Clooney des Vatikans“ tituliert man ihn in Rom und anderswo. Der stets elegant und teuer Gekleidete hat mit seinem „graumelierten Römerschnitt, bescheidenen Lächeln, makellosen Zähnen, der Lady-Di-Kopfhaltung beim Nach-oben-Schauen, dem marienblauen Blick“, mehr Starqualitäten als jeder andere Vaticano, mehr Sexappeal als die meisten eher grau in grau daherkommenden Kurienbeamten.

Mit ihm kann der Vatikan der alt und grau gewordenen, wenig attraktiv wirkenden Papstkirche ein neues Image verpassen. Das Äußere, Äußerliche, die Fassade ist ja für die Herren der Kirche seit jeher alles, aber diese Fassade muss ständig der sich wandelnden Zeit angepasst werden, muss immer wieder einen neuen Anstrich bekommen. Dafür steht momentan in erster Linie ein so smarter Typ wie der ehemalige Skilehrer Gänswein, aber mit ihm und in seinem Gefolge eine ganze Menge junger, eleganter, oberflächlicher Schwarzröcke aus der »Opus Dei«-Ecke, die immer öfter und häufiger in den Gängen und Amtsstuben des Vatikans auffallen und zu dominieren beginnen. Leute ohne Seele, ohne Tiefendimension, aber mit der Attraktivität und Effektivität moderner, aalglatter Kirchenmanager, wobei es dann auch keine gravierende Rolle mehr spielt, ob sie Heteros oder Homos sind. „Der Priesternotstand hat die Schwelle für die Zulassung zum Priesteramt von der wissenschaftlichen bis zur charakterlichen Qualifikation dramatisch abgesenkt. Wer mit Kennern dieser Szene spricht, erfährt, dass selbst hinter den vatikanischen Mauern bis in die engste Umgebung des Papstes Homosexualität ein Thema ist. Man schaue sich nur die hübschen Jünglinge an, die um den Papst herumscharwenzeln!“

Das schreibt nicht irgendein Kirchenhasser, sondern der seiner Kirche treu ergebene Ressortleiter »Kulturelles Wort / Aktuelle Kultur« im Südwestfunk Baden-Baden, Jürgen Hoeren. Angesichts der Zustände im Vatikan und anderswo in der Kirche nennt »Die Zeit« das neueste römische Papier zur Sexualität „ein Glanzstück leibfeindlichen Pharisäertums“, und Hoeren sekundiert: „Mit kaum einem anderen Thema gehen Bischöfe und Kardinäle“ (warum nicht auch der Papst?) „so unglaubwürdig um, wie mit der Frage der Sexualität in den eigenen Reihen ... Tatsache ist, dass manche Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe, selbst im Vatikan, homosexuelle Priester in ihrer engsten Umgebung wissen ... Über ihre homoerotischen Veranlagungen wird hinweggesehen, solange diese nur nicht öffentlich werden“. Vor Jahren bereits ließ die Deutsche Bischofskonferenz zu diesem Themenkomplex ein Gutachten anfertigen. Im engsten Kreis der Bischöfe zwar besprochen, blieb es bis heute strikt geheim, ebenso wie die überaus zahlreichen sexuellen Missbrauchsskandale von katholischen und evangelischen Priestern an Kindern und Jugendlichen, die selten das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Sicherlich darf man auch das Verhältnis zwischen „dem Schönen und dem Papst“ („Der Stern“) ohne jegliche Sensationslust oder Klatschsucht als ein homophiles bezeichnen. Wenn zwei Männer über viele Jahre „unzertrennlich“ sind, dann entsteht eben eine erotisch gefärbte Männerfreundschaft, die nichts Anrüchiges hat, auch nicht notwendig mit homosexuellen Wünschen oder homosexuellen Handlungen verbunden sein muss. Dagegen haben ja auch die offiziellen Verlautbarungen des Vatikans nichts. Sonst könnte die neueste Verordnung zur Homosexualität von Priesteramtskandidaten nicht von ihnen verlangen, sich die letzten drei Jahres ihres bisherigen Lebens von allen homosexuellen Praktiken ferngehalten zu haben. Gegen eine homoerotische Atmosphäre in den Priesterseminaren, die zweifellos bei einer solchen homosexuellen Enthaltung entsteht, haben die Verantwortlichen im Vatikan mit dem Papst an der Spitze aber ganz offenbar nichts einzuwenden. Allerdings schon etwas süffisant erklärt das Magazin „Der Stern“, auf das Verhältnis Ratzinger-Gänswein anspielend: „Und was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden.“

Eine weitere Figur des »Opus Dei«, die sich eifrig um den Ratzinger-Papst kümmert, ist der vatikanische Pressesprecher Joaquin Navarro Vals, der als sogenannter Numerarius zur Führungselite des »Opus Dei« gehört. Der hatte schon als Pressesprecher des vorherigen Papstes alles systematisch geschönt, was das Pontifikat und die langwierige Krankheit Wojtylas in einem negativen Licht hätte erscheinen lassen können. Weitere Förderer, Unterstützer, aber auch kontrollierende Helfer des Papstes sind sodann drei mächtige Kurienkardinäle: Julian Herranz Casado, »Opus Dei«-Mitglied und Präsident des Päpstlichen Rates zur Auslegung des Kanonischen Rechts; Alfonso Lopez Trujillo, Präsident des Päpstlichen Familienrates, zwar nicht Mitglied, aber mächtiger Förderer von »Opus Dei«; ebenso wie Dario Castrillon Hoyos, Präfekt der Kongregation für den Klerus, der als einer der gewichtigsten Helfer dieser innerkirchlichen Sekte gilt. Die Drei hatten sich besonders nachdrücklich für die Papstkandidatur Ratzingers eingesetzt. Aber eine Hand wäscht die andere! Jetzt muss dieser sich ihnen auch dankbar erweisen.

Und er tut es. Jedenfalls lässt er es an deutlichen Gunsterweisen für das »Opus Dei« nicht fehlen. Kaum drei Monate im Amt, lässt er an der Außenseite des Petersdomes in Rom eine fünf Meter hohe Marmorskulptur des »Opus Dei«-Gründers aufstellen. Escrivá gehört nun zu jenen 150 von der Kirche besonders herausgehobenen Heiligen, deren Standbilder die Außenseite von St. Peter schmücken. „Am Sockel Escrivás sind zwei päpstliche Wappen eingemeißelt – das eine von Johannes Paul II., der die Idee hatte, Escrivá im Herzen der katholischen Zentrale steinern zu verewigen; das andere von Benedikt XVI., der sie vollendete.“ »Opus Dei«-Kontinuität zweier Päpste! Ratzinger ließ es sich auch nicht nehmen, die Statue Escrivás persönlich zu segnen.

Weiterer Gunsterweis: Anfang September 2005 weiht der neue Papst einen Priester der »Opus Dei«-Sekte zum Bischof, den Franzosen Philippe Jourdan, und bestätigt ihn in seinem Amt als Generalvikar für Estland und Attaché in der Päpstlichen Nuntiatur in Tallinn. Zusammen mit dem päpstlichen Nuntius Erzbischof Justo Mullor Garcia, Mitglied der Priestergemeinschaft vom Heiligen Kreuz des »Opus Dei«, versucht er nun sehr robust und gegen den Willen und Widerstand der meisten Katholischen Estlands die estnische Kirche total umzugestalten, und zwar genau nach den fundamentalistisch-rigorosen Vorgaben des »Opus Dei« und seines Gründers. Enge Zusammenarbeit Jourdan auch mit Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz aus Moskau, denn »Opus Dei« will natürlich im Einvernehmen mit dem inzwischen verstorbenen Wojtyla- und dem Ratzinger-Papst den Einfluss der orthodoxen Kirche in den baltischen Ländern und in Russland zurückdrängen und auch dort dem Katholizismus zum Siege verhelfen. Ein Punkt, der weder dem Moskauer Patriarchen noch Putin gefallen kann, denn die enge Liaison von Staat und orthodoxer Kirche in Russland war stets ein Standard-Modell für die weißen wie die roten Zaren und nun auch für Putin.

Auf dem Mitte August stattgefundenen Weltjugendtag in Köln demonstriert Benedikt XVI. wiederum seine spezielle Nähe zum »Opus Dei«. Als einzige Kölner Pfarrei besucht er die Kirchengemeinde St. Pantaleon, die seinerzeit von dem Opus Dei-Förderer Joachim Meisner, Erzbischof von Köln, unter Missbilligung vieler Katholiken dem »Opus Dei« anvertraut worden war. Die Kirchengemeinde St. Pantaleon ist inzwischen ein geistliches Zentrum des »Opus Dei« in Deutschland, auch seiner autoritären, militaristischen Gehorsamsideologie. Acht der zwölf demokratisch gewählten Mitglieder des Pfarrgemeinderates, die mit dem Gebaren des »Opus Dei«-Pfarrers der Gemeinde nicht einverstanden waren, traten zurück, viele Gemeindemitglieder besuchen nicht mehr die Kirche St. Pantaleon. Meisner und seine »Opus Dei«-Freunde ficht das nicht an, dem Ratzinger- Papst mit seinem „brillanten Rationalismus“ offensichtlich auch nicht, wie sein Besuch in St. Pantaleon beweist. „Wie ein Ölfleck“, sagte bereits vor Jahren der katholische Theologe Knut Walf, habe sich das »Opus Dei« über die ganze Kirche gelegt. Die »Opus Deisierung« derselben ist nicht mehr aufzuhalten. Aber sie stimmt ja auch mit den Weltherrschaftszielen der katholischen Hierarchie bestens überein. Ratzinger sieht das mit Sicherheit genau so!

Alles das und vieles andere, das hier aus Raumgründen unerwähnt bleiben muss, beweist: Der Ratzinger-Papst wird an der skandalösen Substanz der Kirche nichts ändern, kosmetische Prozeduren und Korrekturen wird er ihr en masse angedeihen lassen, wie jetzt die Verneblungsenzyklika „Deus Caritas est“. Bei jedem „Reförmchen“ wird die Presse wieder jubeln, was für ein großer Reformer doch da in Rom auf dem Thron sitzt! „So als schrieben unsere Zeitungen Idioten.“