Dieter Potzel, Moderator:

(Evangelischer Theologe, ehemaliger Pfarrer)
... Diese Milliarden, mit denen der Staat die Kirchen subventioniert, die könnte man doch sinnvollerweise für soziale Zwecke einsetzen. Oder man könnte dem Bürger mehr Geld geben, z.B. durch Steuernachlässe. Es gibt da sehr viele Möglichkeiten. Die wenigsten Menschen wissen, daß die Bischofsgehälter vom Staat bezahlt werden oder die komplette Priesterausbildung. Das ist an und für sich ein Unding, was überhaupt nicht in unser Jahrhundert paßt. Aber wehe, man spricht es an!

Die Gewerkschaft kuscht ...
... Heute, kurz vor 14 Uhr kam ein Fax von der Treuhandverwaltung der IG Metall: Fristlose Kündigung. Wir würden hier unsachgemäß über die Kirchen aufklären. Und in einer nachfolgenden Presseerklärung entschuldigt sich der Deutsche Gewerkschaftsbund bei allen Ingolstädtern, die jetzt durch diese Handzettel in ihrem religiösen Empfinden vielleicht verletzt sein könnten, und sie erwägen Schadenersatzklage gegen uns, weil praktisch die Gewerkschaft in die Nähe derer gerückt wurde, die über die Kirchen aufklären.
Ich habe mich einmal über die kirchenkritische Geschichte der Gewerkschaft informiert. Nur - was ist davon noch übrig? Ich habe das Gefühl, die Zeit geht hier zurück Richtung Mittelalter und nicht nach vorne.

Es geht nicht gegen die Gläubigen
Ich muß noch einmal klar sagen: Es geht heute nicht darum, irgendwelche katholischen oder evangelischen Christen in ihrem Glauben in Frage zu stellen. Es kann ja in unserem Land jeder glauben, was er will. Es geht auch nicht darum, in Frage zu stellen, daß die Mitglieder der Kirchen natürlich auch ihre Institution finanzieren dürfen, das ist doch selbstverständlich. Aber wir kreiden hier an, daß der Staat, daß alle Bürger, ob Moslems, ob ausgetreten, ob Jude, ob Anhänger von kleineren Gemeinschaften, daß wir alle diese Amtskirchen und ihre Amtsträger finanzieren müssen. Das wollen wir nicht mehr haben...

Matthias Holzbauer:

(Dipl.-Sozialwirt und Journalist)
Auf den Tischen liegt ein Blatt aus, da sind einige Opfer aus Ingolstadt genannt [Siehe Mahnmal in Ingolstadt!]. Ein Opfer ist nicht drauf, das ist der Deutsche Gewerkschaftsbund. Auch das ist hier ein Opfer der Kirche, wenn man so will. Als ich das vorhin gelesen habe, diese Presse-Erklärung des Gewerkschaftsbundes, die da angeschlagen war – die haben sich ja derartig selber erniedrigt, haben da um Verzeihung gebeten die Leute, die da irgendwie jetzt in Verlegenheit gekommen sind oder die irritiert wurden durch so eine Veranstaltung, die da im Gewerkschaftshaus stattfinden sollte. Sie sind praktisch auf dem Bauch gekrochen vor dem Bischof von Eichstätt. Und das hat mich dann erinnert ans Mittelalter. Das kann man sich nur erklären, wenn man das Mittelalter kennt. Im Mittelalter, wenn man mit einem Ketzer Geschäfte gemacht hat, dann war man in höchster Lebensgefahr. Wenn man mit einem Ketzer nur gesprochen hat, war man in Lebensgefahr. Wenn man ihm was abgekauft hat, wenn man ihm ein Nachtlager gegeben hat, war man in Lebensgefahr. Denn mit einem Ketzer durfte man nicht verkehren. Wer mit ihnen, oder übrigens auch mit den Juden, verkehrte, der kam in die Mühlen der Inquisition, wurde gefoltert, mußte weitere benennen usw. Und ich denke, das steckt im kollektiven Unterbewußtsein der Menschen bis heute drin, gerade in so einer Stadt wie Ingolstadt. Nur so ist es zu erklären, daß der Gewerkschaftsbund so eine Pressemeldung abgibt. Das ist wirklich nur so zu erklären. Das ist tiefstes Mittelalter.

Warum kann das in Ingolstadt passieren?
Jetzt einmal die Frage: Warum kann das in Ingolstadt passieren? Ich denke, es hängt schon auch damit zusammen, wir hatten ja hier die erste bayerische Universität, die durch die Jesuiten geprägt wurde. Und an dieser Universität wurden ab 1590 auch immer wieder Gutachten erstellt, die den Hexenwahn auf eine angeblich juristische Grundlage gestellt haben. ...

Dieter Potzel, Moderator:

Ich meine, in einer Demokratie sollte es selbstverständlich sein, daß es unterschiedliche Glaubensrichtungen gibt, und daß es auch einen normalen Dialog dieser Richtungen geben sollte. Aber in unserem Land gibt es Privilegien für zwei große Konfessionen, die quasi auf diese Weise zu Staatskirchen geworden sind. In der Weimarer Reichsverfassung und im deutschen Grundgesetz steht es aber ganz anders. Dort ist festgelegt, daß die garantierten staatlichen Milliardenzahlungen an die Kirchen abgelöst werden sollen. Die Kirche ist aber sehr raffiniert, sie sagt: Na ja, wenn ihr nicht mehr zahlen wollt, dann kostet euch das eine hohe Ablösesumme, oft von vielen Millionen Euro, so daß z. B. die politischen Gemeinden lieber Jahr für Jahr weiter Gelder an die Kirche zahlen, weil sie sich die hohen Ablösesummen nicht leisten können. Das sind ganz groteske Sachen, die es in Deutschland nach wie vor gibt. ... weiter ...

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