Hubertus Mynarek

Eine kritische Nachbetrachtung zur Rolle des Papstums in Deutschland

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Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz vorstellen als den zwischen dem schlicht auf einem Esel in Jerusalem einreitenden Jesus der Evangelien, der diese symbolische messianische Aktion am Ende mit seinem Leben bezahlt, das ihm die Obrigkeiten seines Landes, der römische Prokurator und die jüdischen Hohenpriester, in vereinter Staats- und Religionsfürsorge genommen haben, und dem Bayernbesuch des Ratzinger-Papstes im September 2006 unter der Sonne des größtmöglichen Wohlwollens und enorm aufwendigen Staatsschutzes seitens der Obrigkeiten des Freistaates Bayern. Jesus hatte den Staat, die Obrigkeiten gegen sich – der Papst hat sie für sich; jener wird von der Obrigkeit verfolgt – dieser von ihr kostspieligst beschützt und gehätschelt als oberstes Symbol ihrer Macht und Stabilisierungsfaktor ihrer Legitimität; für jenen wird kein Aufwand betrieben – für diesen ein in die Millionen gehender, bei dem keine Kosten gescheut werden („man gönnt ja den Steuer zahlenden Bürgern, die dafür aufkommen müssen, auch sonst nichts!“). Warum sollte man also hier sparen, wo doch der Nachfolger der römischen Imperatoren und des höchsten Religionspriesters des antiken Roms, der Pontifex Maximus, in nicht weniger aufwendigen, protzigen Gewändern als damals diese in die bayrische Provinz kommt.

Es geht hier um ganz Grundsätzliches, weil der gerade geschilderte eklatante Gegensatz kein äußerlicher Zufall ist, sondern einen ganz grundsätzlichen Widerspruch offenbart. Die ersten Christen sahen jedenfalls ihre staatsneutrale bis staatsfeindliche, nonkonformistische Einstellung in einem Meister grundgelegt und vorgelebt, der für das unopportunistische Festhalten an seiner Botschaft zwischen den Mühlsteinen einer selbstgerechten jüdischen Priesterhierarchie und einem fast allmächtig daherkommenden Imperium Romanum, also durch das Zusammengehen von religiöser und staatlicher Herrschaft und Herrschsucht, zerrieben worden war. Die in den Evangelien geschilderte Armut Jesu, seine Absage an Prunk, Kult, Liturgie, Weltherrschaft und Luxus, seine Heimatlosigkeit, sein Außenseitertum, seine Ablehnung jeglicher Liaison mit den herrschenden Mächten, seine Hinwendung zu den zu kurz Gekommenen und Unterdrückten betrachteten seine Anhänger als Symbolelemente und Symbolfiguren der tieferen Sinnwahrheit und Hoffnung, dass wahrer Glaube auf äußere Macht verzichten könne, dass sich die innere Qualität der Botschaft ihres Meisters ohne die Hilfe der sonst stets auf dieser Erde praktizierten Herrschaftsmethoden durchsetzen werde, auch ohne alle Privilegierungen durch die gerade an der Macht befindlichen Staatsmänner.

Über diese „Ideologie‘“ der frühen Christen können die im Vatikan, können die Päpste und auch der jetzige Papst Benedikt XVI. nur überlegen lächeln. Sie halten den auf jede Macht verzichtenden Jesus und dessen frühe Anhänger für Trottel, günstigstenfalls für Naivlinge, die die Mechanismen der Macht nicht durchschaut, die nicht kapiert hätten, dass keine Religion ohne weltliche Stützen und Geldzuwendungen bestehen kann. Wer nicht glauben kann, dass die Herren im Vatikan so denken, der sehe sich die durchgehende Kontinuität der zahllosen Bündnisse von Thron und Alter in der Kirchengeschichte seit Kaiser Konstantin Anfang des 4. Jahrhunderts an. Und wenn ihm das zu mühsam erscheint, dann lasse er die hier ausgebreiteten nachfolgenden Beobachtungen über die Bayernreise Benedikts XVI. vor seinen Augen Revue passieren, denn allein schon diese Reise ist der schroffste, krasseste Gegensatz zu der „Ideologie“ der frühen Christen.

Was der Jesus der Evangelien von den Regierenden, von den Herrschenden, den Männern des Staates hält, sagt er mit aller Klarheit und Deutlichkeit: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein“ (Mt. 20, 25-27). Was der Ratzinger-Papst von den Herrschenden hält, ist auch klar: Er ist ihr Freund, er lässt sich von ihnen hofieren und seine Kirche von ihnen großzügig unterhalten, wie wir noch detaillierter sehen werden. An seine enge persönliche Freundschaft zu den bayerischen Ministerpräsidenten Strauß und Stoiber sei hier erinnert, ebenso an das freundschaftliche Verhältnis zu den Mächtigen in Adel, Wirtschaft und Finanzwelt und ebenfalls an seine Nähe zur reichsten Organisation in der Kirche, dem »Opus Dei«.

Es ist merkwürdig, kurios, trotzdem wahr, dass ein Atheist und „Antichrist“ wie Nietzsche in der hier behandelten Hinsicht dem Jesus der Evangelien nähersteht als der vermeintliche Nachfolger und Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, der Ratzinger-Papst. Nietzsche hat nämlich dieselbe radikale Aversion gegen Staat und Kirche als hierarchisch organisierte Religion wie Jesus: „Staat“, so Nietzsche, „heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: ‚Ich, der Staat, bin das Volk.‘ Lüge ist’s! ... Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für viele und heißen sie Staat ... der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt – und was er auch hat, gestohlen hat er’s. Falsch ist alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beißt er, der Bissige ... ‚Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der ordnende Finger bin ich Gottes‘ – also brüllt das Untier ... Staat nenne ich’s, wo alle Gifttrinker sind ... Staat, wo alle sich selber verlieren ... Staat, wo der langsame Selbstmord aller – ‚das Leben‘ heißt ... Hin zum Throne wollen sie alle: ihr Wahnsinn ist es – als ob das Glück auf dem Throne säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron – und oft auch der Thron auf dem Schlamme ... Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch ... da beginnt das Lied des Notwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise.“

Vor allem große Philosophen und Psychologen des 20. Jahrhunderts haben in genauester Sachkenntnis des palästinensischen Milieus zur Zeit Jesu das Rebellische, Staatsfeindliche, Staatsumstürzende der ersten Christen und von Jesus selbst herausgearbeitet. Nach Ernst Bloch arbeitet die Kirche mit einem von ihr gefälschten, „gemilderten“ Jesus. Dieser sei das Werk der Priester, der „Wölfe“. „Wie ihn die Wölfe vor allem für die Schafe zurecht gemacht haben, damit sie es doppelt bleiben. So still, so unbegrenzt duldsam wird ihr angeblicher Hirte dargestellt, als wäre er sonst wirklich nichts anderes.“ In Wirklichkeit war Jesus „der Rebell und Erzketzer“, ein „Empörer ..., dem die gesamte Priester-Theokratie und Gesetzesreligion ... zur vernichtungsreifen Welt gehörte“. Seine Feinde habe er „durchaus nicht“ geliebt, weil diese Feinde „die Feinde der Mühseligen und Beladenen, die Reichen“ waren, „die so wenig ins Himmelreich kommen wie – mit voller Ironie des Unmöglichen – das Kamel durchs Nadelöhr. Die Kirche hat das Nadelöhr hernach sehr erweitert und so gewiss ihren Jesus aus dem Blick des Aufruhrs herausgenommen“. Jesus sei ein „Unruhestifter“ gegen Priesterreligion, Kirche, Familienbande, Establishment. Seine eigene Religion ist eine Religion „plebejischer Bewegungen, Protestaktionen“. Sie konnte „nur durch nachfolgende Kirchenkompromisse (oder Schlauheiten der Auslegung) konforme Ideologie werden. Die Predigt Jesu, als eine eschatologische, machte mit dem >vorhandenen Äon< am wenigsten Frieden, ebendeshalb machte sie auch gegen bloßen Lippendienst und Kirchenkompromisse am meisten empfindlich“. Mit ihrem „kräftigen Startpunkt“ als „soziale Bewegung unter Mühseligen und Beladenen“ sei die ursprüngliche Religion Jesu der schärfste Gegensatz zur Kirche, die ihrem Wesen nach stets »Staatsreligion« sei also Religion, die der Staat braucht, um seinen Untertanen in einem annehmbareren Licht zu erscheinen. Auch der jetzige Papst steht einer Staatsreligion vor, und genau deshalb wurden vom bayerischen Staat bei seinem Bayernbesuch keine Kosten und Anstrengungen gescheut, um den Papst in dieser Funktion als Hohenpriester der Staatsreligion zu bestätigen und dem Volk zu präsentieren.

Nur Ketzer und Sektierer haben nach Bloch Elemente der ursprünglichen Religion Jesu bewahrt. Deswegen seien sie auch stets von Kirche und Staat gleichermaßen verfolgt worden. Die Ethik Jesu ist „Moral des Weltuntergangs. Als diese Adventsmoral ist sie ... in den Kompromiss-Moralen der auf Dauer eingerichteten Kirchen verschwunden“. Noch eher ist sie „in den Soziallehren des Ketzer- und Sektenchristentums“ zu finden. Dort freilich auch „geschwächt; es sei denn ... es hat erneut an unmittelbar bevorstehende Apokalypse geglaubt.“

Die Stunde der Priester schlug, als der römische Kaiser Konstantin die Kirche zur Staatsreligion erhob: „Der Klerus (etablierte sich) als neuer Stand; über der kommunistischen Urgemeinde schlug wiederum die Priesterkirche zusammen, wenig von den Priesterbauten aller anderen Völker und Zeiten verschieden ... der Klerus wuchs in den Rang höchster Staatswürdenträger empor, und die Welt blieb, wie sie war.“

Die Klerikerklasse war „dazu unentbehrlich, die Sklaven zu beruhigen ... jeden möglichen Aufruhr abzufangen. Dass für die heidnischen Kaiser gebetet wurde, ist früh bezeugt.“ Die Kaiser ihrerseits wussten es zu schätzen, dass die Kirche „die treuesten Untertanen“ heranzog. Die „gegenrevolutionäre Nützlichkeit“ war „ein gemeinsames Interesse mit dem Staat“. Zwangsläufig musste so das Christentum „zum Triumph der Staatsreligion“ verkommen. Kaum hatte sie diesen Machtrang erreicht, konnte sie gegen alle anderen Sekten und Religionen „Glaubensverfolgung durch Staatsgesetz“ verordnen und durchführen. Kirche und Staat waren „Komplizen ... in der Ausübung doppelter Theokratie“ geworden. Wenn heute die Kirchen, insbesondere ihre Sektenbeauftragten gegen die neuen Religionen und Sekten nach dem starken Arm des Staates rufen, Überwachungsmaßnahmen für sie verlangen, wenn Bundes- und Länderministerien den Forderungen mehr oder minder nachzugeben geneigt sind, dann zeigt sich darin eine bemerkenswerte Kontinuität des „Komplizentums“ von der ausgehenden Antike bis in unsere Zeit.
Spätestens seit Kaiser Konstantin, also immerhin schon mindestens 1600 Jahre lang, sieht die Kirche eine ihrer Zentralaufgaben darin, dass „die Obrigkeit fromm verschönt wird, als hätte sie ihr Schwert durch die Bank von Drüben ... Die Kirche fügt dem unter anderem noch die ihr sehr praktische durchgängige Vertröstung aufs Jenseits hinzu; das, wie Brecht sagt, mit gerechter Verteilung der überirdischen Güter, ungerechter der irdischen. Also hat die Kirche, seit das ehedem rebellische dogmenlose Urchristentum endgültig von Konstantin ab durchs Christentum als römische Staatsreligion abgelöst wurde, dem Staat überwiegend dazu gedient, die Mühseligen und Beladenen bei der Stange zu halten“. Die neuzeitliche Aufklärung musste sich also zwangsläufig „gegen die Kirche wie ... gegen die Obrigkeit“ wenden.

Der Dienst am Staat macht sich natürlich bezahlt: er bringt der Kirche Macht und Reichtum. „Die Hirten huldigten liebend gern der Macht, die den ersten christlichen Ketzer gekreuzigt hat: war es doch oft ihre eigene Macht. Den Armen, Ausgebeuteten, Unternommenen dagegen predigten sie Dulden, Geduld und ja keine Gewalt. An den Unterdrückern störte sie die Gewalt nicht, weder die statische, einschüchternde Tag für Tag, noch auch die ausbrechende, entlarvt brutale, wenn die Geduld unten bricht. Sobald diese bricht, heißen Gas und Pistole nur Abwehr, hochverursachter Aufruhr dagegen Terror. Und zur Gewalt von oben trat ihre ideologische Draperie, die entsicherten Revolver mit Gott- und Jubelweisen rechtfertigend“. Der Großteil der Presse macht das kritiklos mit: „Und diese unsere Sonntagsschreiber, bald weltelnd, bald geistelnd, doch herrentreu, geben ihren Segen“.

Auch der Psychoanalytiker Erich Fromm ist zutiefst überzeugt, dass Kirche seit dem Beginn der konstantinischen Ära bis zum heutigen Tag die Funktion einer »Staatsreligion« ausübt und erfüllt. Kirche hat auch heute noch „die Aufgabe, die psychische Selbstständigkeit der Masse zu verhindern, sie intellektuell einzuschüchtern“ (man denke an die ständigen Lobeshymnen der Zeitungsschreiber auf die Ausnahme-Intelligenz Ratzingers, ohne jeglichen überzeugenden Beweis dafür zu liefern), „sie in die gesellschaftlich notwendige infantile Gefügigkeit den Herrschenden gegenüber zu bringen“. Diese Aufgabe ist nach Fromm, genauer betrachtet, „eine dreifache Funktion: für alle Menschen die des Trostes für die allen vom Leben aufgezwungenen Versagungen, für die große Masse die der suggestiven Beeinflussung im Sinne ihres psychischen Abfindens mit ihrer Klassensituation und für die herrschende Klasse die der Entlastung vom Schuldgefühl gegenüber der Not der von ihr Unterdrückten.“

Besonders dankbar ist Fromm zufolge der Staat der Kirche dafür, dass sie ihm den angeblich von ihm gewollten »mündigen Bürger« infantil zubereitet, herrichtet. Der infantil gebliebene Erwachsene „überträgt einen Teil der kindlichen Liebe und Angst ... auf die Repräsentanten der herrschenden Klasse“, seien es nun Staatsmänner oder Kirchenfürsten wie der Papst und die Bischöfe. Er „sieht in den Herrschenden die Mächtigen, Starken, Weisen, Ehrfurchtgebietenden, glaubt daran, dass sie es gut mit ihm meinen und nur sein Bestes wollen, weiß, dass jede Auflehnung gegen sie bestraft wird, und ist befriedigt, wenn er durch Gefügigkeit ihr Lob erringen kann. Es sind ganz die gleichen Gefühle, die er als Kind dem Vater gegenüber hatte, und es versteht sich, dass er ebenso geneigt ist, kritiklos an das zu glauben, was ihm von den Herrschenden als richtig und wahr dargestellt wird, wie er als Kind gewohnt war, dem Vater für jede Behauptung kritiklos Glauben zu schenken“. Natürlich tut auch die herrschende Klasse in Staat und Kirche alles, um sich „dem Unbewussten der Masse als Vaterfigur suggestiv aufzunötigen“. Und sie tut es mit der Droge »autoritäre Religion«: „Eines der wesentlichsten Mittel zu diesem Zweck ist die Religion“, schreibt Fromm, und er fügt hinzu, dass „in dieser psychologischen Situation, der der infantilen Gebundenheit der Beherrschten an die Herrschenden, eine der wesentlichsten Garantien der gesellschaftlichen Stabilität liegt.“

Man versteht immer besser, warum es den Regierenden so sehr daran liegt, in ihrem Staat vom Papst, dem „Vater der Menschheit“, besucht zu werden; warum auch der Bayernbesuch des Ratzinger-Papstes von der bayerischen Regierung so überdimensional pompös und aufwendig organisiert wurde. Aber bleiben wir noch eine Weile bei Fromm. Genetisch, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, ist Kirche nach ihm die Umkehrung, die Perversion der (christlichen) Religion. Denn diese ist zunächst einmal keine Religion der Herren, der Mächtigen, der Unterdrücker, sondern der Knechte und Unterdrückten. „Die Träger des Urchristentums“ – das „war die Masse des ungebildeten, armen Volkes, des Proletariats von Jerusalem und der Kleinbauern des Landes, die durch die wachsende politische und wirtschaftliche Unterdrückung, durch die gesellschaftliche Verfemung und Verachtung in ebenso wachsendem Maße erfüllt waren von dem Drang und der Sehnsucht nach Änderung der bestehenden Verhältnisse, nach Anbruch einer für sie selbst glücklichen Zeit und von Hass- und Rachewünschen gegen die Herrschenden des eigenen und fremden Volkes“. Das Urchristentum ist nur eine der vielen damals bestehenden rebellischen jüdischen Sekten, die alle „dieser Schicht der armen, ungebildeten revolutionären Masse entstammten“, aber es ist unter ihnen „die historisch bedeutungsvollste, messianisch-revolutionäre Bewegung“.

Nach Fromm waren „die ersten Christen eine Brüderschaft gesellschaftlich und wirtschaftlich gleich unterdrückter, von Hoffnung und Hass zusammengehaltener Enthusiasten“. Es war für sie „ein beglückender und befriedigender Traum, davon zu phantasieren, dass die gehassten Autoritäten bald stürzen und sie selber, die jetzt Armen und Leidenden, zur Herrschaft und zum Glück gelangen würden“. Es ist „die beglückende Verheißung einer nahen Zukunft, in der die Armen reich, die Hungernden satt wären und die Unterdrückten zur Herrschaft gelangten. Diese Hoffnung wurde im ganz realen und materiellen Sinne verstanden“. Auch in den Äußerungen der Bergpredigt in der lukanischen Fassung (Lk. 6,20-25) „drückt sich nicht nur die ganze Sehnsucht und Erwartung der Unterdrückten und Armen auf eine neue und bessere, sie befriedigende Welt aus, sondern auch ihr ganzer Hass gegen die Autoritäten, die Reichen, Gelehrten und Mächtigen“.
Die Sicht Blochs und Fromms auf Ursprung und Frühentwicklung des Christentums wird zwar von einigen Theologen angezweifelt, teilweise scharf kritisiert, enthält aber viele Wahrheitselemente. Die Kirche hat so einiges getan, um möglichst alle nonkonformistischen, rebellischen, staatskritischen und –feindlichen Texte aus den frühchristlichen Zeugnissen, auch den Evangelien, zu eliminieren. Aber die noch verbliebenen diesbezüglichen Textfragmente stellen eine Bestätigung der Sicht der beiden jüdischen Denker dar. Das Lukasevangelium beispielsweise lässt Maria, die Mutter Jesu, darüber jubeln, dass Gott „die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht, die Hungernden beschenkt ... und die Reichen leer ausgehen lässt“ (Lk. 1, 52f). In den sogenannten „Seligpreisungen und Weherufen“ heißt es: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“ (Lk. 6,20), das ja bei Jesus diesseitig, nicht jenseitig gedacht war. Wie sollte ein Ratzinger-Papst einen solchen Satz aussprechen können, wo doch bei seiner Regensburger Vorlesung, Höhepunkt seines Bayernbesuchs, nur finanzstarke und einflussreiche, sorgfältig ausgesuchte Honoratioren aus Gesellschaft, Wirtschaft, Adel und Politik im Saal anwesend waren? Arme waren da nicht erwünscht, sondern eben nur staatstragende Elemente, entsprechend der Tatsache, dass hier der höchste Priester der staatstragendsten Religion des Erdkreises seine erhabenen Gedanken über den Gott der Vernunft vortrug, einen Gott, der selbstredend auch so vernünftig ist, seiner Kirche die profitable Ehe mit dem Staat zu gebieten.

Was Ratzinger von den Armen hält, hat er ja überdeutlich und dokumentarisch klargemacht: Er hat die Priester und Theologen, die sich für die Befreiung der Armen in Südamerika und Südostasien aus Verhältnissen unvorstellbarer Unterdrückung und Ausbeutung einsetzten, gemaßregelt, suspendiert, unter Rede-, Schreib- und Berufsverbot gestellt.

Was der Ratzinger-Papst über die Armen denkt, könnte man so ausdrücken: Sie haben Gott, und das ist mehr als alles andere. Die „armen“ Reichen aber müssen mühselig die Güter dieser Erde verwalten, damit die gottgegebene Ordnung aufrechterhalten bleibt. Ihre Aufgabe ist also im Grunde viel schwerer als die der Armen, die sich nur um ein gutes Gottesverhältnis zu kümmern haben. Ist das eine zu zynische Interpretation der Gedanken Ratzingers zu diesem Thema? Der Leser vergleiche meine Auslegung mit dem, was Ratzinger selbst wortwörtlich sagt: „Das Merkwürdige ist, dass gerade bei den Armen ... der Hunger nach Gott sehr groß ist. Sie sind keineswegs der Meinung so vieler Europäer, zuerst müsse das Irdische geklärt werden, dann könne man auch über Dinge wie die Gottesfrage reden.“

Der Ratzinger-Papst weiß natürlich, was Sache ist. Es lässt sich ja viel leichter über einen Gott reden, der so vernünftig ist, dass er die bestehende Ordnung nicht antastet, als über einen Jesus, der im Lukasevangelium die harten Worte ausspricht: „Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern“ (Lk. 6,24f). Außerdem könnten sich die Worte Jesu nicht bloß gegen die Reichen, sondern auch gegen Ratzinger selbst wenden, wenn er an die Worte denkt: „Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht“ (Lk. 6,26). Wir hören ja seit Ratzingers Wahl zum Papst die ständigen Lobeshymnen der Medien auf ihn. Er ist halt Teil des gesamtstaatlichen , gesamtgesellschaftlich-medialen Systems, ein vornehmer, stützender Teil und Pfeiler. Deswegen wird er gelobt. Aber deswegen kann er auch nicht die Wahrheit repräsentieren, denn: »Wahre Worte sind nicht angenehm. Angenehme Worte sind nicht wahr« (Laotse).

Papst Benedikt XVI. kann zwar lang und breit über den Gott Logos sprechen und gegen alle Relativismen wettern, die die einzige Absolutheit, das Papsttum, in Frage stellen könnten. Das tut den Reichen und Mächtigen dieser Erde nicht weh. Die ökologischen Katastrophen, an denen diese und nicht die Armen und Ohnmächtigen dieser Erde schuld sind, spricht er nicht an, ebensowenig die Rüstungsexporte aller reichen und mächtigen Staaten unseres Globus in die ohnehin schon von kriegerischen Auseinandersetzungen geplagten armen Regionen Afrikas und Asiens.

Gern gebärden sich die Ratzingers, Lehmanns, Meisners, Kaspers, Müllers und andere Bischöfe und Kardinäle als unerschrockene Künder der Wahrheit. Die wirkliche Wahrheit sieht anders aus, denn sie verkünden keine einzige Wahrheit, die der Großindustrie, den Konzernen, Banken oder dem Staat wehtun könnte. Davon hält sie die Angst vor dem Verlust ihrer Pfründe und Privilegien ab, die sie diesen Institutionen verdanken. Deswegen haben diese lavierenden, hier die eine, dort die andere Rücksicht nehmenden Kirchenleute durchaus das Etikett: „Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt“ (Lk. 7,24), verdient. Und ebenso die Verachtung des Jesus des Lukasevangeliums für ihre „feine Kleidung“: „Leute, die vornehm gekleidet sind und üppig leben, findet man in den Palästen der Könige“ (Lk. 7,25). Wer denkt da nicht an die teuren Gewänder des Papstes und der Kardinäle, hergestellt von den besten Schneidermeistern Roms. Mit dem, was das alles kostet, könnte man ganze Scharen hungernder Kinder ernähren und ausbilden. Aber viel wichtiger scheint das Prinzip zu sein, den Massen auch mit Hilfe der aufwendigen Eleganz der Kleidung, der Talare, Soutanen, Ornate, Mitren, Bauchbinden, goldenen Kreuze auf der Brust und dicken Ringe auf den Fingern Respekt einzuflößen.

Als Staatsreligion kann die Kirche Ratzingers über Jesu Seligpreisung derer, „die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden“ (Mt. 5,10), nur müde lächeln. Ihr droht diesbezüglich keinerlei Gefahr, weil sie sich stets mit allen Mächten, unabhängig von deren Moral oder Unmoral, arrangiert hat. Der langjährige Rom-Korrespondent der »Zeit« hat das trotz äußerster Sympathie für den Vatikan früher einmal so ausgedrückt: „Die Päpste suchten vor Freimaurern und Freidenkern ... Zuflucht bei den Faschisten, angesichts der Bolschewiken erschienen ihnen die Nazis vorübergehend als kleineres Übel, schließlich setzten sie auf christliche, versöhnten sie sich mit den liberalen und sozialistischen Demokraten, mit dem Judentum und mit der Feuerbestattung. Der theologische Waffenstillstand mit Orthodoxen und Protestanten, der Dialog mit regierenden Marxisten ... – all dies war nur die Konsequenz einer neuartigen, doch uralten Tendenz zu universaler Weltumarmung“.

Manche der Ketzer, Sektierer und „Hexen“, die vor die Inquisitionstribunale der Staatsreligion Kirche geschleppt wurden, dachten an das Wort Jesu: „Denn sie werden euch vor die Gerichte bringen und in ihren Synagogen auspeitschen. Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt ... und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden ... Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe“ (Mt. 10, 16-22). Die Kirche sprach die armen Leute schuldig, der Staat richtete sie hin. Die verfolgte Frühkirche der Armen, Schwachen, Verachteten, Unterdrückten und Ausgebeuteten war zur verfolgenden Staatskirche geworden, ganz im Sinne der „Perversion“ des Christentums, wie sie Erich Fromm oben charakterisiert hat.

Doch Ratzinger hat bekanntlich die gerichtlich durchgeführten Inquisitionsverfahren als humanen Fortschritt gegenüber den vorherigen Verfolgungen der Abweichler von der »gesunden Lehre« bezeichnet. Zwar gab es auch bei diesen Gerichtsprozessen kein Entrinnen der einmal Verdächtigten, sie wurden allesamt zu schwersten Strafen bis hin zur Todesstrafe verurteilt. Aber sie konnten doch wenigstens mit dem Bewusstsein leiden oder sterben, von einem „ordentlichen“ Gericht abgeurteilt worden zu sein! Inzwischen erscheint in relativ kurzen Abständen immer wieder mal ein Buch, geschrieben von linien- und papsttreuen Autoren, das die Inquisition verharmlost, ihre Verbrechen minimalisiert.

Man sieht den gewaltigen Gegensatz zwischen der Verkündigung und den Mahnungen Jesu in den Evangelien und dem, was der Ratzinger-Papst verkündet und moniert. Jesus sagt: „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe ... Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden ... Wenn man euch in der einen Stadt verfolgt, so flieht in eine andere ... Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können ...“ (Mt. 10,16; 22f; 28). Den Leibern des Papstes und der Kardinäle droht keinerlei Gefahr seitens der „Wölfe“. Hat sich doch die Kirche immer auf deren Seite gestellt, ist sie doch stets „zu den Potentesten ins Bett geschlüpft“ (K. H. Deschner), konnte sie doch fast immer den „Wölfen“, den Machthabern, beweisen, dass sie die beste Stütze und Rechtfertigung ihrer Herrschaft ist. Deswegen spricht der Ratzinger-Papst in seiner wichtigsten Rede während seines Bayernbesuchs auch lieber über Gott als über die Nöte der Menschen. Was wäre das für eine revolutionäre Rede gewesen, wenn er die Verteidigung der Menschenrechte ins Zentrum seiner Vorlesung gerückt hätte und Kirchen und Staaten wegen deren ständiger Verletzung dieser Rechte angeprangert hätte. Fehlanzeige! Ihm ging es viel mehr darum, der vor ihm versammelten obersten Kaste des Staates und der Gesellschaft klarzumachen, dass der Gott der Vernunft alles so ordentlich für sie eingerichtet hat, weswegen sie doch alle nur profitieren, wenn sie an diesen weisen Gott glauben.

Im Moment erscheint in der polnischen Presse eine Enthüllung nach der anderen über die massive Kollaboration zahlreicher katholischer Priester und Bischöfe mit Regierung und Geheimdienst während der Zeit der Herrschaft des Kommunismus in Polen (1945 – 1989). Der Ratzinger-Papst handelt durchaus logisch-konsequent im Rahmen seiner kirchlichen Staatsreligion, die sich den jeweils Herrschenden stets ans kalte Herz geworfen hat, wenn er jetzt „davor warnt, die ‚Dekommunisierung‘ der Kirche (in Polen), ihre Reinigung von früheren Spitzeln allzu entschlossen voranzutreiben.“ Die klerikalen Kollaborateure haben doch nur im Kleinen befolgt und besorgt, was die »Heilige Mutter Kirche« ständig im großen Stil vormacht: die charakterlose Anbiederung an jedes Staats- und Gesellschaftssystem, das ihr Vorteile verschafft. Die Heuchelei war dabei wie fast immer schlimmer als jede Form der Kollaboration. Der Autor dieses Buches hat als Priester in Polen persönlich erlebt, wie man in geschlossenen Klerikerkreisen, wo man sich vor Spitzeln sicher wähnte, den Kommunismus ärgstens verteufelte, während man öffentlich ein ums andere Mal beteuerte, dass man sich trotz der anderen Weltanschauung für die guten Ziele des Sozialismus auch in den eigenen Reihe einsetzen werde.

Die schneidende Kritik des Jesus der Evangelien an der religiös verbrämten Heuchelei von damals trifft ohne alle Abstriche und Einschränkungen auch die heutigen Vorsteher der Kirchen, die Ratzingers, Lehmanns, Hubers, Meisners, Kaspers usw. Sie haben sich auf „des Moses Stuhl gesetzt“, das heißt: Sie spielen sich als moralische Gesetzgeber der Menschheit auf, erlassen Gebote und Verbote als vermeintlich von Gott Beauftragte, geben »Weltkatechismen« und »Moralenzykliken« heraus. Sie sagen viel „und tun es selbst nicht“; „sie binden schwere Bürden und legen sie auf die Schultern der Menschen; doch sie selbst wollen sie nicht einmal mit dem Finger bewegen. All ihre Werke aber tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden ... sie lieben den obersten Platz bei den Festessen und den Vorsitz in den Kirchen und die Begrüßungen auf den Märkten und dass sie von den Leuten Rabbi (»Hochwürden«, »Monsignore«, »Exzellenz«, »Eminenz«, »Eure Heiligkeit« etc.) genannt werden“ (Mt. 23,2-7). Deswegen bezeichnet sie Jesus als „geweißte Gräber, die außen schön scheinen, innen aber voll von Totengebeinen und allem Unrat sind ... voll von Heuchelei ... gefüllt mit Raub und Unmäßigkeit“; als „blinde Führer, die die Mücke seien, das Kamel aber verschlucken!“; als „Schlangen und Natterngezücht“; als „Heuchler, die das Reich der Himmel vor den Menschen zuschließen und selbst nicht hineinkommen werden“; als falsche Missionare, die „Meer und Land durchziehen“, um „Genossen zu gewinnen“, die sie dann aber, kaum dass sie im Schafstall der Kirche drin sind, zu „Söhnen der Hölle“ machen (Mt. 23,13-34); als öffentliche Beter, die sich, in tiefe Andacht versunken, vor den Menschenmassen zur Schau stellen und fotografieren lassen, in kostbaren kultischen Gewändern an ihnen demütig-angeberisch vorbeidefilieren, eben „um sich vor den Leuten sehen zu lassen“ (Mt. 6,5); die ihre guten Werke herausposaunen, „damit sie von den Leuten gepriesen werden“ (Mt. 6,2). Wobei noch hinzuzufügen wäre, dass die Mittel für diese guten Werke der Kirche meist von anderen kommen, heute vorzugsweise vom Staat, mit einem lediglich »kosmetischen« Zuschuss der kirchlichen Finanzverwalter, die peinlich darauf achten, dass das Kirchenvermögen keine Einbußen erleidet.

Wir können im Rahmen eines Aufsatzes nicht alle Gegensätze zwischen dem Jesus der Evangelien einerseits und der Staatsreligion von päpstlichen Gnaden andererseits zur Sprache bringen. Aber das dazu bisher Ausgeführte genügt für den Nachweis, dass Jesus und Kirche, Jesusreligion und Staatsreligion à la Ratzinger sich schärfstens widersprechen, das eine das andere strikt und präzise ausschließt.

Keiner hat diesen unerhörten Gegensatz literarisch so überzeugend in Szene gesetzt wie der russische Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski, einer der ganz großen Klassiker der Weltliteratur, der im »Pro und Contra« überschriebenen »Fünften Buch« seines wohl wichtigsten Romans „Die Brüder Karamasow“ den Kardinal und Großinquisitor zu dem wiedererschienenen Christus jene Worte sagen lässt, die in exemplarischer Weise die Ziele und Absichten der katholischen Staatsreligion charakterisieren. Nachdem der Großinquisitor arrogant und von oben herab dem schweigenden Jesus klargemacht hat, dass er sich geirrt habe, als er den Menschen die Freiheit bringen wollte, da sie gar nicht fähig seien, diese richtig zu gebrauchen, hebt er im Gegensatz dazu die Weisheit der Kirche hervor, die genau wisse, dass die Menschen „selbstverständlich Sklaven sind ... Der Mensch ist schwächer und niedriger, als Du gedacht hast! ... Er ist schwach und gemein“, und deshalb müsse er zu seinem eigenen Besten und Heil die übermenschliche Autorität der Kirche blind anerkennen, ihr blind gehorchen.
Ein weiterer Irrtum, ja ein noch schwerer wiegender Fehler Jesu besteht nach dem Großinquisitor darin, Macht und Herrschaft abgelehnt zu haben. Auch da sei die Kirche cleverer gewesen. Der Großinquisitor gibt in aller Offenheit vor dem schweigenden Christus, der es ja nicht weitersagt, zu, dass alles, was die Kirche tut, der Macht dient. Nicht der Vertiefung der Religiosität, nicht der Selbstverwirklichung, nicht der ethischen Entwicklung des Menschen und seiner sittlichen Entscheidungsfreiheit, sondern letztlich, einzig und allein der Vermehrung der Macht, und dass sich die Kirche damit dem Teufel ausgeliefert hat. „So höre denn“, wendet sich der Kardinal-Großinquisitor geradezu brüsk-brutal an Christus, „wir sind nicht mit Dir, sondern mit ihm, das ist unser Geheimnis! Wir sind schon längst nicht mehr mit Dir, sondern mit ihm ... wir haben von ihm das angenommen, was Du entrüstet zurückgewiesen hattest, jene letzte Gabe, die er Dir anbot, als er Dir alle Reiche der Welt zeigte: wir nahmen von ihm Rom und das Schwert des Kaisers und erklärten uns selbst zu irdischen Königen, zu den einzigen Königen, wenn es uns auch bis heute nicht gelungen ist, unser Werk zu vollenden ... aber wir werden unser Ziel erreichen und werden Kaiser ... der ganzen Menschheit sein.“

Oberlehrerhaft tadelt der Großinquisitor Christus, wobei er zugleich den Teufel als den „mächtigen Geist“ hervorhebt: „Dabei hättest Du schon damals das Schwert des Kaisers in die Hand nehmen können. Warum hast Du diese letzte Gabe zurückgewiesen? Hättest Du diesen dritten Rat des mächtigen Geistes angenommen, so hättest Du alles erfüllen können, wonach es den Menschen hienieden verlangt: Du hättest ihm gezeigt, wen er anbeten, wem er sein Gewissen überantworten könnte und auf welche Weise alle sich endlich zu einem einzigen allgemeinen und einträchtigen Ameisenhaufen vereinigen könnten ... Hättest Du die Welt und den Purpur des Kaisers angenommen, so hättest Du ein Weltreich begründen ... können ... Wir haben das Schwert des Kaisers genommen, und damit verwarfen wir natürlich Dich und folgten ihm.“

Ja, wir werden, schwelgt der Großinquisitor in seiner utopischen Herrschaftssucht, ein die ganze Welt umfassendes Großreich errichten, dem selbst unser Verbündeter, das Tier, das »Untier Satan« seine Bewunderung nicht wird versagen können.

Aljoscha, der Frömmste und Tugendhafteste der Brüder Karamasow, kommentiert und korrigiert noch ein wenig diese Aussage des Großinquisitors. Ja, sagt er, es gibt diese „römische Armee für ein künftiges irdisches Weltreich, mit einem Imperator – dem Oberhaupt der römischen Kirche – an der Spitze ... das ist ihr Ideal ... Ihr Geheimnis besteht ganz einfach in dem Verlangen nach Macht, nach schmutzigen irdischen Gütern, nach Knechtung ... in der Art einer künftigen Leibeigenschaft, bei der sie die Gutsherren wären ... das ist alles, was sie wollen. An Gott glauben sie vielleicht nicht einmal ... Sie haben gar keinen so großen Verstand und gar keine solchen Geheimnisse ... es sei denn alleine die Gottlosigkeit, darin besteht ihr ganzes Geheimnis.“

Es liegt in der mörderischen Logik und Konsequenz der bösen Macht der Kirche, dass zuletzt auch Christus selbst beseitigt werden muss. Nicht der Christus als Mythos, den braucht die Kirche zur Stabilisierung und Vermehrung ihrer Macht. Wohl aber kann sie keinen wieder auf der Erde auftauchenden Christus, allgemeiner gesprochen: keinen Menschen, der die persongewordene Güte und Menschlichkeit ist, brauchen, denn der könnte ihr ja in ihre Herrschaftsgelüste und ihr tyrannisches Treiben hineinpfuschen. Daher informiert der Kardinal-Großinquisitor am Ende seines Gesprächs mit Christus diesen über dessen für den nächsten Tag geplante Hinrichtung, wobei der Inquisitor ihm prophezeit, dass das Volk sich dienstbeflissen an der Errichtung des Scheiterhaufens beteiligen werde: „Ich sage Dir nochmals: morgen noch wirst Du diese gehorsame Herde sehen, die auf meinen ersten Wink herbeistürzen wird, um glühende Kohlen auf den Scheiterhaufen zu schaufeln, auf dem ich Dich verbrennen werde, weil Du gekommen bist, uns zu stören. Denn wenn jemand den Scheiterhaufen verdient, so bist Du es. Morgen werde ich Dich verbrennen. Dixi!“

Dazu kommt es allerdings nicht: Christus hatte die ganze Zeit über geschwiegen, und nun möchte der Inquisitor, der ihm ja zunächst das Recht zu reden abgesprochen hatte, wenigstens irgend etwas, und sei es noch so wenig in des Kirchenmannes Sinne, von ihm zu hören bekommen. Doch Christus geht nur auf ihn zu und küsst ihn schweigend auf die blutleeren, zusammengepressten Lippen, woraufhin der Neunzigjährige zusammenfährt, Christus die Tür öffnet und sagt: „‘Geh und komm nicht wieder ... komm nie, nie mehr wieder ... niemals, niemals!‘ Und er lässt ihn hinaus auf die dunklen Straßen und Plätze der Stadt. Der Gefangene geht.“

Über den Inquisitor sagt Iwan Karamasow: „Der Kuss brennt in seinem Herzen, doch der Greis bleibt seiner Idee treu.“

Wie schwer ist es doch für machtbesessene Menschen und Institutionen, sich zu bekehren! Seit 381, als der römische Imperator Konstantin das Christentum zur Staatsreligion erhob, wartet die Menschheit auf die Bekehrung der römisch-katholischen Kirche!

Lange vor Dostojewski hat Martin Luther den Papst „den letzten und mächtigsten Antichrist“ genannt und das Papsttum nebst Kurie als „Gewürm des römischen Sodom“ bezeichnet. „Der wahre Antichrist“, so Luther, „sitzt in Gottes Tempel und regiert in dem roten Babel Rom und die römische Kurie ist die Synagoge des Satans.“ „Wenn wir“, so Luther weiter, „Diebe strafen mit dem Galgen, Räuber mit dem Schwert, Ketzer mit dem Feuer, warum brauchen wir da nicht jeder Art Waffen wider solche Lehrer der Verderbtheit, wider diese Kardinäle, Päpste und die ganze Grundsuppe des römischen Sodoms und waschen unsere Hände in ihrem Blut?“

Die Herren und Herrinnen der evangelischen Kirche, die Hubers, Friedrichs, Käsemanns etc. möchten im Rahmen ihrer ökumenischen Anbiederungen an die römisch-katholische Kirche an diese Worte Luthers am liebsten gar nicht mehr erinnert werden oder tun sie als zeitbedingt ab. Ihre Kirche gebärdet sich ja in Deutschland ebenso wie die katholische als Staatsreligion mit allen Privilegien und staatlichen Finanzspritzen. Und Luther selbst wich zwar bis zu seinem Tod von seiner Sicht des Papstes als Antichrist, als Nachfolger der babylonischen, ägyptischen und römischen Imperatoren nicht ab, hatte aber selbst die Weichen für das Luthertum als Staatsreligion gestellt.

Aus der widernatürlichen Vermengung der christlichen Religion mit dem Staat folgt, dass diese Religion ständig heucheln und lügen muss, um weiterhin behaupten zu können, sie sei die Kirche Jesu, der doch laut den Evangelien durch und durch herrschafts- und reichtumskritisch war. Wiederum war es Nietzsche, der diesen Sachverhalt auf den kürzesten und markantesten Nenner gebracht hat: „Kirche? ... das ist eine Art von Staat, und zwar die verlogenste.“

Die Papstreise durch Bayern im September 2006 bestätigt in allen Hinsichten und selbst in kleinsten Details die Richtigkeit der vorhergehenden Ausführungen über die Kirche als Staatsreligion. Nichts war dem Freistaat Bayern zu teuer, nichts zu aufwendig, nichts zu kostenintensiv, als es galt, das römische Oberhaupt der deutschen Staatskirche so glanzvoll wie möglich zu empfangen. Zwar „will durchaus das wichtigste Tier auf Erden der Staat sein“, sagt Nietzsche, aber er will es nicht ohne die Staatsreligion Kirche, weil diese die Gehorsamsideologie für die Bürger des Staates liefern soll, ganz nach dem Motto: »Du halt sie dumm, ich halt‘ sie arm!«

Die Papst-Schäfchen hält man also arm, den Papst selbst aber reich, weil er und die von ihm präsidierte Institution ja sonst nicht ihre Mission für den Staat zu erfüllen bereit wäre. Die Kosten des Staatsbesuchs Benedikts XVI. in Bayern waren so enorm, dass sich Bayerns Regierende über die Höhe dieser Kosten bis heute lieber ausschweigen. Aber es genügt die Aufzählung dessen, was alles für den Papst-Besuch bereitet, gerichtet, gebaut, verschönt, verboten, gesperrt, umgeleitet, überklebt etc. pp. wurde, um auf eine Unkostensumme zwischen 70 und 100 Millionen Euro zu kommen. Man denke allein an die Sicherheitsvorkehrungen, die Polizeieinsätze für den Schutz des Papstes, denn ohne tausendfache Vorsichtsnahmen reitet nur ein Jesus (auf einem Esel) in eine Stadt (Jerusalem) ein, aber doch nicht sein angeblicher Stellvertreter, dessen Leben offenbar tausendmal wichtiger ist als das seines Meisters. Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Bayern, Harald Schneider, sprach von 50 Millionen Euro allein für diese Sicherheitsmaßnahmen rund um den Bayernbesuch des Papstes und steckte dafür Rüffel von höchster Behördenseite ein, übrigens auch dafür, dass er im Anblick dieser Summe geradezu gotteslästerlich empfohlen hatte, dann doch lieber die den Papst unbedingt sehen Wollenden mit dem Pilgerzug nach Rom zu transportieren. »Pfui!« schrieen ihm da einige fromme und sonst ganz brave Gemüter per Telefon entgegen, einige sogar drohten – natürlich nur aus richtig verstandener Nächstenliebe, die der »Caritas«-Papst Ratzinger doch so empfiehlt – mit der ewigen Höllenstrafe.

Der Papst besuchte drei bayerische Städte München, Altötting und Regensburg, dazu noch seinen Geburtsort Marktl am Inn. Das bedeutete: viermal immer neue Sicherheitsvorkehrungen und Polizeieinsätze. War es die Angst des Papstes selbst oder die der vatikanischen Planer der Reise oder nur die der staatlichen Stellen? Jedenfalls bezog sich der kostspielige Aufwand für den Papstbesuch sogar auf die Verschweißung von Kanaldeckeln in Regensburg und auf die Errichtung zahlreicher Sperrzonen in den besagten Städten. Nicht auszudenken, wenn irgendein Vertreter der »Kirche von unten« aus einer Kanalöffnung gekrochen wäre und vom Papst den Dialog gefordert hätte, den er ihr wie sein Vorgänger Wojtyla beharrlich verweigert. Mit Habermas diskutiert Ratzinger, aber doch nicht mit den Parias seiner Kirche! Aber die treten dennoch nicht aus der Kirche aus. Eine Nano-Dosis Sklavenblut schleppt selbst noch der aufmüpfigste Katholik in seinen Adern mit!

Aber auch aus einem Güterzug kann ja ein dem Papst übel Gesinnter herausspringen. Also setzten sich die Behörden locker über die enormen volkswirtschaftlichen Einbußen hinweg und hielten auf der langen Strecke zwischen Frankfurt und Wien einen ganzen Tag lang alle Güterzüge auf. Nachdem man einmal diesen Weg des Irrsinns beschritten hatte, kannte man kein Zurück mehr: S-Bahn-Linien und Nahverkehrszüge in den Großräumen München und Regensburg wurden teils gesperrt, teils umgeleitet, teils nur im Einbahnverkehr zugelassen. Viele Pendler konnten ihre Arbeitsplätze nicht erreichen. Der ADAC warnte vergeblich: Die A3 bei Regensburg, eine wichtige Autobahnstrecke, wurde trotzdem für einen Tag einfach gesperrt. Die Bürger von Regensburg und der umliegenden Dörfer, die deswegen eine enorme Abgas- und Lärmbelästigung in Kauf nehmen mussten, waren »denen da oben« nicht so wichtig wie der greise Papst. Quälten sich doch wegen der Sperrung der Autobahn Tausende von Lastwagen durch Stadt und Dorf. »Alles zur größeren Ehre Gottes!« Der wollte sich natürlich auch Innenminister Beckstein, ohnehin evangelischer Synodaler, also von der benachbarten Zunft, nicht verschließen. Als selbst behördenintern Bedenken gegen die Sperrung der Autobahn aufkam, sprach er sein Machtwort. Es blieb bei der Sperrung.

Der Papst hätte ja ein Einsehen haben können, aber das Gegenteil war der Fall. Er setzte noch eins drauf und bestand darauf, ausgerechnet am Samstag Nachmittag zur besten Geschäftszeit auf dem Marienplatz ein Gebet zu sprechen – mitten in der Fußgängerzone! Fast die ganze Münchner Innenstadt durch „Pilger“ überschwemmt, durch Sicherheitsvorkehrungen eingeschnürt! Die Verluste, die die Münchner Geschäftsleute durch die Gebetsaktion des Papstes erlitten, wird ihnen niemand ersetzen. Pilger sind keine Konsumenten. An ihnen „ist nichts zu verdienen, die bringen ihre Brotzeit mit“ – so gab die »Süddeutsche Zeitung« die diesbezügliche Meinung der Wirtschaftsverbände wieder. Und die Verluste waren beträchtlich, weil der besagte Samstag in den Sommerschlussverkauf am Ende der Ferien in Bayern fiel.

Zwar ist bekannt, dass Kirche und Gesellschaft in Deutschland eine Menge tun, um brave Journalisten heranzubilden, die sich dann aus „eigenem“ Antrieb der »politischen und kirchlichen Korrektheit« verpflichtet fühlen. Aber man kann dennoch nie wissen! Die Kirche trägt es seit den – je nach Gesichtspunkt – seligen oder unseligen Zeiten der Inquisition gleichsam als Essential in sich: sie verdächtigt jeden, misstraut jedem, glaubt niemandem. Immerhin könnte es ja doch irgendeinen Schreiberling geben, der aus dem Rahmen der journalistischen Jubelschreier herausfällt und diesen ganzen Klimbim um den Papstbesuch verhöhnt.

Der Glaube, natürlich der „vernünftige“ Glaube im Sinne Ratzingers, ist zwar auch nach dessen Verkündigung das Wichtigste, aber in ihrer gesamten Praxis setzen er und sein Vatikan lieber auf das Prinzip: »Glauben bzw. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser«. Darin zeigen sich Kirche und Staat ja auch wieder in voller geschwisterlicher Übereinstimmung. Also wurde eine gewaltige Maschinerie ins Werk gesetzt, um alle Journalisten nach allen Regeln der geheimdienstlichen Kunst zu kontrollieren, damit ja auch keiner durch die Maschen des „Gesetzes“ schlüpft und etwa dem „Heiligen“ Vater am Zeug flickt oder gar sein Leben bedroht. Die Sicherheitsbehörden nahmen ohne Ausnahme jeden Medienvertreter strengstens unter die Lupe. Er musste – das war noch das Harmloseste – ein sauberes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Aber er hatte auch vorsorglich auf laufende und sogar bereits abgeschlossene Ermittlungsverfahren gegen sich hinzuweisen, weil die Sicherheitsüberprüfung dieser Verfahren durch Landes- und Bundeskriminalamt (LKA; BKA) zu einer »negativen Empfehlung« und der Nichterteilung der Akkreditierung führen konnte. Selbst wenn ein Medienvertreter darauf aufmerksam machen konnte, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt worden war oder ohne Verurteilung beendet wurde, war er nicht aus dem Schneider. Das werde trotzdem bei der Frage der Akkreditierung auch berücksichtigt, bedeutete man ihm.

Der bürokratische Aufwand war enorm. Die Kriminalämter hatten die Daten aller Medienvertreter, die für den Papstbesuch akkreditiert werden wollten, mit verschiedenen polizeilichen Dateien abzugleichen, jenen Dateien, die für Zwecke der Gefahrenabwehr und Strafverfolgung geführt werden. Dabei wurden auch Informationen verwertet, die gar nicht im Bundeszentralregister, wohl aber in diesen polizeilichen Dateien stehen. Beim bayerischen Landeskriminalamt hatte man jedoch „mit den Daten der Journalisten offenbar (sogar) noch mehr vor, worüber man aber nicht reden möchte. Mit dem Verweis auf den ‚Datenschutz‘ verweigert LKA-Sprecher Ludwig Waldinger jedenfalls nähere Angaben zum amtsinternen Prüfverfahren der bayerischen Ermittler. Was in die ‚Zuverlässigkeitsprüfung‘ einfließt, ‚werde ich Ihnen nicht sagen‘, so Waldinger.“ Es bedarf schon einer extraordinären Phantasie, um sich noch Raffinierteres bei der einstigen Zuverlässigkeitsüberprüfung der Volksgenossen durch die Nazis vorstellen zu können! Der alles umfassende, alles durchdringende Orwellsche Schnüffelstaat der beiden »Big Brothers«, Staat und Kirche, feierte beim Bayernbesuch des Ratzinger-Papstes glänzende Triumphe! Jedenfalls wurden die Daten der Medienvertreter auch mit dem »Nachrichtendienstlichen Informationssystem« der Geheimdienste abgeglichen. Das Prädikat »Lückenlose Auskundschaftung« war im höchsten Maß angebracht!

Die Freiheit der Journalisten, könnte man zynischerweise sagen, blieb dennoch gewahrt. Sie konnten ja auf die Berichterstattung über den Papstbesuch in Bayern verzichten und folglich eventuell ihren Arbeitsplatz verlieren. Eiskalt erklärte das Erzbischöfliche Ordinariat München, dass eine Akkreditierung nicht erfolgen könne, wenn ein Journalist die Zuverlässigkeitsprüfung nicht über sich ergehen lassen wolle, wenn er in die Weitergabe und Verarbeitung seiner Daten nicht einwillige. Eiskalt auch die Nichtbeantwortung der Frage, die an das Erzbischöfliche Ordinariat gerichtet worden war, was denn zur Versagung der Akkreditierung führen könnte. Schweigen! Schweigen auch über die Gründe, wenn einer der Medienvertreter allen Überprüfungen zustimmte und dennoch nicht akkrediiert wurde. Pech gehabt! Aber kein Recht, irgendetwas zu erfahren!

Frauke Ancker, Geschäftsführerin des Bayerischen Journalistenverbands (BJV), kritisierte die staatskirchlichen Recherchiermethoden im Zusammenhang mit dem Papstbesuch in Bayern als „völlig überzogen“, erwog sogar eine Klage: „Wir würden sehr gerne einmal dagegen klagen.“ Aber welcher Richter in Bayern hätte schon den Mut, ein Urteil gegen die übermächtige staatskirchlich-bayerische Allianz zu sprechen?

Es ist ein weiterer Hinweis auf den pompösen staatskirchlichen Charakter der Papstreligion, dass die bayerischen Behörden ein Gleichheitszeichen zwischen päpstlichem Bayernbesuch und einem weltweiten Großereignis wie der Fußball-WM 2006 setzten, indem sie darauf aufmerksam machten, dass sie im Prinzip nur die gleichen Zulassungsbedingungen für die Akkreditierung von Journalisten wie die Fifa bei der WM angewandt hätten. „‘Schleichend‘, so BJV-Geschäftsführerin Ancker, werde damit für immer mehr Großveranstaltungen eine bürokratisch aufwändige Zuverlässigkeitsüberprüfung für Journalisten eingeführt, die noch dazu nicht im Geringsten transparent sei. Auch die Datenschutzbeauftragten hegten gegen diese Praxis erhebliche Bedenken.“

Die Kirchenvertreter haben mit alledem keinerlei Probleme. Der Sprecher der Diözese Regensburg, Phillip Hockerts: „Wenn US-Präsident George W. Bush nach Stralsund kommt, müssen (doch) auch das Land und der Bund die Kosten übernehmen“ und eben auch alle Maßnahmen für die Sicherheit des hohen Gastes. Immerhin handele es sich beim Papst um ein „Staatsoberhaupt“. Kurios! Man stelle sich den Jesus, wie ihn die Evangelien schildern, als »Staatsoberhaupt« vor. Stattdessen wurde er vom Staat hingerichtet. Sein vermeintlicher Stellvertreter und „Nachfolger“ aber hat es weit gebracht! Er ist einfach auf die andere Seite übergewechselt. Jetzt steht er an der Spitze eines Staates, der zwar klein, aber milliardenschwer ist und sich der Unterstützung der meisten Staaten sicher sein kann. Eine Verfolgung, geschweige Hinrichtung, droht seinem Staatsoberhaupt nicht! Wie sehr hat doch Dostojewski rechtbehalten, als er in »Die Brüder Karamasow« zeigte, dass und wie die Kirche ihre Seele an die Macht verkaufte, damit zu einem Staat nach dem Muster aller anderen Staaten avancierte, aber, mit Privilegien vollgefressen, keine echte Spiritualität mehr zu beheimaten und auszustrahlen vermag. Der Papst, der die Liebe, die »Caritas« und die »Agape«, ständig im Munde führt, hat nicht die geringste Barmherzigkeit für die Bürger, die gläubigen wie die ungläubigen, die ja für den ganzen Papstzauber aufkommen müssen, denn der Freistaat Bayern zahlt zwar verschwenderisch, holt sich’s aber wieder von seinen Untertanen zurück. Wenn alle Stricke reißen, muss halt wieder eine Reform her.

Köhler, Merkel, die Regierenden der Bundesrepublik und der einzelnen Bundesländer nennen es beschwörend Reformen. Und das sind sie tatsächlich: Reformen der Abgabesysteme hin zur immer clevereren Erfindung neuer Steuerlasten für die Bürger! An eine Reform ihrer eigenen überdimensionalen Einnahmen denken sie dabei nie! Da kommt, während der Unmut der Bürger ständig wächst, die Kirche, dieser »Staat im Staat«, den Politikern gerade recht. Sie, d.h. die beiden Großkirchen, müssen dem Bürger die „Reformen“ plausibel machen. Und sie tun es, z.B. mit einem »Gemeinsamen Wort« der EKD und der katholischen Bischofskonferenz vom 24.11.2006, das sofort den „frenetischen Beifall der Regierenden“ findet, weil es sie in wundersamer Weise moralisch entlastet. Denn „das >Wort< von Evangelischer Kirche und katholischer Bischofskonferenz enthält halt Worte, auf die Politiker reagieren wie der Pawlowsche Hund aufs Glöckchen. Zwar mag der Titel >Demokratie braucht Tugenden< zunächst abschrecken und unbillige Forderungen vermuten lassen. Dem ist mitnichten so. Den deutschen Kirchenführungen geht das, was neoliberale Politik seit Jahren – erst in rot-grüner, nun in schwarz-roter Färbung – an >Reformen< betreibt, einfach zu langsam. Der Preis für das Ausbleiben fälliger Reformen, so heißt es in der Verlautbarung, sei >sehr hoch geworden<. Wer den Preis für den bislang unter diesem Etikett exekutierten Sozialabbau bezahlen muss – dafür fehlen dem >Gemeinsamen Wort< zwar die Worte. Aber es wettert wider die angebliche Erwartung einer Rundumversorgung. In einer Zeit, da viele um das Nötigste bangen. Die Zukunft, so die Kirchenschrift, hänge davon ab, dass >die Politiker den Mut zu einer langfristig orientierten Politik aufbringen und die Bürger bereit sind, die daraus entstehenden Lasten für die Gegenwart zu tragen<. Den einen der Mut, den anderen die Lasten. Und vor allem: >Jede Bürgerin, jeder Bürger ist mitverantwortlich für das Wohl des Ganzen.< Die Volksgemeinschaft als moralische Entlastung der Herrschenden. Der Beifall für das Papier ist verständlich.“
Ein Schelm, der jetzt in verbaler Anlehnung an alte Zeiten sagen wollte: »Der Führer weiß von alledem nichts«, das heißt, die Lehmanns, Hubers und ihre schwarzen Genossen hätten das »Gemeinsame Wort« ohne Zustimmung des päpstlichen Staatsoberhaupts in Rom auf eigene Faust initiiert und kreiert. Nein, dieses hatte ja gerade die ideale Zusammenarbeit von Staat und Kirche zwei Monate vorher bei seinem Bayernbesuch vorexerziert. Wir sehen wieder : Auf allen Ebenen, in allen Hinsichten braucht der Staat die Kirche, die Kirche den Staat. Eine ideale, perfekte Kooperation! Mit einem einzigen Schönheitsfehler: Die Zeche zahlt der Bürger. Aber das tut den obersten Herren beider Institutionen nicht weh. „Demokratie ist die Kunst, dem Volk im Namen des Volkes feierlich das Fell über die Ohren zu ziehen“ (K. H. Deschner).

Es fällt dann kaum mehr ins Gewicht bei all dem Geklotze, wenn man dazu noch ein bisschen kleckert. Was sind schon angesichts der vielen Millionen für den »Staatsbesuch« Ratzingers in Bayern die „kümmerlichen“ 500.000 Euro für die Streichung der Fassaden der Uni Regensburg, die der Papst bei seinem Besuch passieren sollte. Zwar gibt es inzwischen einen echten Bildungsnotstand an den Universitäten, überfüllte Hörsäle, Geldknappheit an allen Ecken und Enden, auch Löcher in den Dächern einiger Gebäude der Uni Regensburg, aber „wichtiger“ ist da doch, dass das vatikanische Staatsoberhaupt einen guten (wenn auch falschen, der Wahrheit nicht entsprechenden) Eindruck bekommt. Ratzinger, der erste Fassadenstreicher seiner Kirche, müsste vollstes Verständnis dafür haben, dass auch der Staat bisweilen nur die Fassaden seiner Universitäten putzt und die massiven Defizite dahinter unangetastet lässt.

Für einen Papst der wirklichen Liebe für die vernachlässigten Kinder dieser Erde, der die fortlaufenden Kürzungen in allen Sozialbereichen durch den Staat und die dem Bürger durch seinen eigenen Staatsbesuch auferlegten Kosten mit fühlendem Herzen empfunden hätte, wäre es ein Leichtes gewesen, seinen Reiseplan anders zu gestalten, etwa so, wie es ein Leserbrief an die »Süddeutsche Zeitung« beschrieb: „Man wagt es kaum mehr zu träumen, aber die Papstreise hätte auch ganz anders verlaufen können. Eine Reise in einem Zweite-Klasse-Abteil von Rom nach München oder wenigstens von München nach Altötting und Regensburg hätte Zeit zu Gesprächen mit anderen Zugreisenden gegeben. Statt zu dozieren, zu richten und zu predigen hätte der Papst einmal zuhören und erfahren können – der Glaube kommt vom Hören -, was die Menschen heute wirklich beschäftigt.

Er hätte sich dabei von Gandhi leiten lassen können, der im Zug Indien durchreist hat, um sein Volk besser kennen zu lernen. Oder von einer der zentralen Aussagen des letzten Konzils: ‚Freude und Hoffnung, Trauer und Angst, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.‘ (Pastoralkonstitution über die Kirche).

In München angekommen, hätte Josef Ratzinger dann gleich – auf einem (Draht)-Esel wie Jesus – die ‚Armen und Bedrängten‘ aufsuchen können: zum Beispiel in Gefängnissen, Obdachlosen- und Altenheimen und Aidshospizen. Die circa 60 Papamobile wären zugunsten dieser Armen versteigert worden. Mit Hartz-IV-Empfängern hätte sich Papst Benedikt in einem Münchner Biergarten über die zunehmende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten und die Auswirkungen des Neoliberalismus unterhalten können. Und warum nicht auch zusammen mit einigen arbeitslosen Damen aus dem Rotlichtmilieu? Der, als dessen Stellvertreter er sich bezeichnet, hatte es zumindest so gehalten. Auch den Sicherheitsbeamten hätte er etwas Gutes tun können, indem er sie nach Hause zu ihren Lieben geschickt hätte. Er wäre immer noch weniger gefährdet gewesen als sein Meister und die vielen Christen ..., die Tag für Tag im Einsatz für die Rechte der Ärmsten in Lateinamerika, Afrika und anderswo ihr Leben riskieren.

Dann hätte man auch mit den 30 Millionen Euro, die für die Papstreise ausgegeben wurden, für viele dieser Bedrängten einen Rechtsbeistand gegen die korrupte Justiz finanzieren können. Nach diesen ersten vertrauensbildenden Schritten hätte es schließlich sogar anerkennende Worte für die Kirche der Armen und die Theologie der Befreiung geben können, auch wenn diese vom jetzigen Papst in den letzten Jahrzehnten Hand in Hand mit der US-Regierung rigoros bekämpft worden sind. Bei Gott ist ja bekanntlich kein Ding unmöglich, nicht einmal – und das hätte sich als krönender Abschluss der Reise angeboten – eine großmütige Entschuldigung des Papstes Benedikt XVI. bei all den Theologinnen und Theologen, die er als Präfekt der Glaubenskongregation ohne rechtsstaatliches Verfahren verurteilt hat.“

An diesem Leserbrief stimmt alles, nur die 30 bei den Millionen für die Papstreise durch Bayern hätte er ruhig durch eine 100 ersetzen können. Dann wäre er in diesem einen Punkt der Wahrheit noch näher gekommen.

Aber auch 100 Millionen sind an sich nichts im Vergleich zum Reichtum der Kirchen in Deutschland. Ein großherziger Papst, ja ein auch nur einigermaßen gerecht denkender hätte angesichts der wachsenden Armut in Deutschland und der Engpässe in den Staatskassen auf die Staatszuschüsse verzichten und seine Bayernreise mit kircheneigenem Geld finanzieren können. „Sparen, sparen, sparen, denn der Staat ist klamm. Wo immer es irgendwie geht, wird gestrichen. Nur eins bleibt heilig – im wahrsten Sinne des Wortes -: die Kirche, das reichste Unternehmen der Republik. Experten schätzen ihr Gesamtvermögen auf fast eine halbe Billion Euro ... bei Finanzen oder im Arbeitsrecht (gilt): Der Staat hat’s gegeben, die Kirche lässt sich’s nicht nehmen.“

Die Schamlosigkeit, mit der sich die Kirche die Bayernreise des Papstes mit einem gewaltigen Kostenaufwand seitens des Staates ermöglichen ließ, wird noch durch die Tatsache gesteigert, dass Bayern ohnehin schon jährlich viele Millionen für die kirchlichen Würdenträger aufbringt. Die Gehälter seiner sieben Bischöfe und Erzbischöfe zahlt nicht etwa die Kirche, sondern brav, ergeben, von Herzen und komplett Jahr für Jahr der Freistaat Bayern. Im Jahr 2002 waren das immerhin 655.000 Euro. Damit nicht genug. Es gab auch noch Zulagen für 12 Weihbischöfe (= 99.000 Euro), Gehälter für 14 Dignitäre (= 737.000 Euro), für 60 Kanoniker (= 3. 914.000 Euro). „Endlos die staatlich finanzierte Lohnliste des Kirchenpersonals. Selbst Weihrauch wird vom Staat bezahlt.“ Die Gesamtsumme der Zahlungen des Staates an die beiden großen Kirchen in Bayern: über 85 Millionen Euro im Jahr 2002, genauer: 85.932.000 Euro. Und so geht das jährlich weiter, endlos! Oder wird der Bayern-Staat einmal zur Vernunft kommen?

Wird ein neuer Bischof in Bayern inthronisiert, wer zahlt? Natürlich der Staat mit dem Geld seiner Steuerzahler. „Viel Pomp“, als seinerzeit der neue Bischof von Eichstätt, Walter Mixa (inzwischen schon wieder als Bischof nach Augsburg übergewechselt), geweiht wurde. „Alles auf Staatskosten – versteht sich.“

Politisch verantwortliche Minister oder Staatssekretäre stehen für Fragen zu diesen horrenden Zahlungen des Freistaats Bayern an die Kirchen nicht zur Verfügung. Die TV-Mitarbeiter, die für die »Panorama«-Sendung vom 17.10.2002 ermittelten, pochten vergeblich an deren Türen. „Der einzige, der sich für zuständig erklärte und der nicht krank war oder aus Termingründen leider verhindert – ein Beamter. Und der stellt ganz nüchtern fest, dass das, was er da treibt, eigentlich verfassungswidrig ist.“

Wie steht es eigentlich um das Gewissen bayerischer Bischöfe, die ein Gehalt von mindestens 7.500 Euro monatlich von gläubigen und nichtgläubigen Steuerzahlern auf dem Weg über den Staat beziehen? Wie um das Gewissen Ratzingers, der ja als Münchner Erzbischof etwa 10.000 Euro monatlich bezog, wohlgemerkt von solchen, die nicht einmal an ein Zehntel seines Gehalts heranreichten? Es geht eben nichts über die sture Ruhe eines katholischen Gewissens. Da ist alles, und besonders für Papst und Bischöfe, von Gott gnädiglich gefügt. Und wenn tatsächlich mal Skrupel auftauchen ... Wozu hat man denn die Beichte, diesen bequemen Ethik-Ersatz, reserviert nur für Katholiken?

Benedikt XVI. hat beim Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe im November 2006 die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat in Deutschland als „weitgehend gut“ bezeichnet, obwohl doch sein Bayernbesuch im September den Staat so viel gekostet hatte. Nicht als sehr gut, geschweige denn als exzellent bezeichnete er die Zusammenarbeit. Nein, nur als mit Abstrichen gut. In der Finanzstrategie der Kirche ginge das auch gar nicht anders. Sie ist ja mit nichts zufrieden, will immer noch mehr. Deshalb soll sich der Staat stets schuldig fühlen, weil er eben niemals genug für die sich von ihm aushalten lassende »Hure Kirche« getan hat. Schon die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte des Christentums nannten daher die Kirche tatsächlich eine Hure (ecclesia meretrix). Der Kirchenrechtler und Soziologe Horst Herrmann sprach 1974 von einem »prostitutiven Verhältnis« zwischen Staat und Kirche in Deutschland. Es war das Jahr, in dem die FDP noch einmal (zum letzten Mal!) versuchte, die Vorgaben des Grundgesetzes zu erfüllen und eine strenge Trennung von Staat und Kirche zu realisieren. Das scheiterte am heftigen Einspruch der Großparteien CDU und SPD. „Mit uns ist das nicht zu machen“ war die in diesem Zusammenhang am häufigsten gelieferte Phrase der führenden Herren dieser Parteien. Aber selbst diesen Ergebenheitsakt der staatlichen Vasallen der Kirche würde diese wohl höchstens mit der Note »weitgehend gut« bedacht haben.

Es ist also auch nur »weitgehend gut« in den Augen des Papstes Benedikt XVI., wenn die Bundesrepublik Deutschland pro Jahr Subventionen in Höhe von mindestens 14 Milliarden Euro an die Kirchen zahlt. Wohlgemerkt: Das sind nicht die neun Milliarden Euro an Kirchensteuern, die der Staat für die beiden Großkirchen einzieht. Auch nicht die zehn Milliarden Euro, die der Staat jährlich an die kirchlichen Sozialeinrichtungen zahlt, die er mit weit über 90 % finanziert, die Kirche selbst lediglich mit 7 bis 9 %. Die 14 Milliarden sind Gelder, die der Staat dem Bürger stiehlt, um sie der reichen Kirche in den unersättlichen Schlund zu werfen. Mit dem »Bürger« sind alle Bürger der Bundesrepublik gemeint: Muslime, Juden, Atheisten, Agnostiker, Konfessionslose, alle durch die Bank. Das ist „ein ungeheuerlicher Skandal, dass die Politiker unseres Landes, die immer vom ‚Sparen‘ und von der dringend notwendigen ‚Überprüfung der Subventionen‘ sprechen, sich an dieses goldene Kalb bisher nicht herangetraut haben. Das ist geheimer Diebstahl am Steuerzahler durch Staat und Kirche. Die Regierung verlangt vom Volk immer mehr, um die Kirchen subventionieren zu können.“
Es ist ebenfalls nur »weitgehend gut« nach Benedikt XVI., dass die Kirche, die in Deutschland nach dem Staat der größte Grundbesitzer ist (geschätztes Gesamtvermögen: 500 Milliarden Euro), für ihre theologischen Fakultäten nicht selber aufkommt, sondern sich auch diese vom Staat bezahlen lässt. Etwa 620 Millionen Euro pro Jahr lässt es sich der Staat kosten, dass Dogmatikprofessoren die abstrusen Dogmen der Kirche an den Universitäten „wissenschaftlich“ kommentieren und begründen; dass Moraltheologen den Studenten „beweisen“, dass es die Erbsünde gibt und es deshalb auch Sünde ist, wenn das „schwache Fleisch“ vor- oder außerehelichen Geschlechtsverkehr vollzieht; dass aber der katholische aidskranke Ehepartner keine Sünde begeht, wenn er ohne Kondom mit seiner Frau schläft. Denn Kondome sind nun mal von der Papstkirche verboten. „Bis heute darf etwa ein Gemeindepriester in Botswana oder Swasiland einer Frau das Drängen auf Nutzung eines Präservativs nicht absegnen, auch wenn ihr Ehemann ein notorisch untreuer, an Aids erkrankter Junkie ist. Empfängnisverhütung ist für den Vatikan ein Akt gegen den Primat des Lebens ... Nach wie vor ist ‚jeder eheliche Akt‘ dem Prinzip des Lebens verpflichtet ... Da darf sich kein Gummi zwischenschieben, und das wird auch so bleiben.“

Aber Ratzinger wäre nicht Ratzinger, wenn er das Belassen beim alten nicht „wissenschaftlich-neu“ begründete. Der Gute ist ganz ehrlich „sehr besorgt“ über die Ausbreitung von Aids-Infektionen. Also muss eine Untersuchung her. Er beauftragt den Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gesundheitsfragen, den Kardinal Javier Lozano Barragán, sozusagen die Ulla Schmidt des Vatikans, „eine akkurate Studie über das Präservativ“ zu verfassen, und zwar „sowohl vom wissenschaftlichen als auch vom moralischen Standpunkt“ aus. Der Kardinal hat relativ schnell gearbeitet. Er hat ja seine Zuarbeiter, legt also dem Papst ein Elaborat von 200 Seiten vor, „ein ganzes ‚Handbuch‘ für die Verwendung von Verhütern in Zeiten der Aids-Pandemie“, das von Zitaten der Kirchenväter und Aussagen aus Enzykliken, auch Statistiken über die Ausbreitung von Aids nur so wimmelt, aber sich letztlich als das herausstellt, wozu es im Rahmen der »immer gleichbleibenden Lehre der Kirche« gedacht war, nämlich als Mittel, die Verhütung im Prinzip weiter zu verhüten. Alles andere wäre ja Einladung zu sexueller Zügellosigkeit! Ein paar streng definierte Ausnahmen vom Prinzip des Nicht-Verhüten-Dürfens sind gestattet: bei wirklich tödlicher Gefahr soll das Präservativ als das „kleinere Übel“ toleriert werden. Bravo, welch unermessliche Güte der Mutter Kirche!

Diese Herren im Vatikan mit Papst Benedikt an der Spitze leben in einer anderen Welt jenseits aller Realität, schreiben bzw. lassen Theorien über Aids schreiben, während die reale Epidemie einen neuen Höchststand mit fast 40 Millionen Infizierten und 8.000 täglich an der Krankheit Sterbenden erreicht. Pereat mundus, fiat iustitia! (Mag doch die Welt vergehen, Hauptsache der Gerechtigkeit – im Sinne der päpstlichen Moral – wird Genüge getan!)

Noch etwas anderes ist sich gleichgeblieben: die Kasuistik. Jahrhundertelang hat die kirchliche Sexuallehre den sexuellen Akt in wirklich allen nur vorstellbaren Fällen (Kasussen) bis in die obszönsten Details hinein untersucht, um genau herauszubekommen, was gerade noch als leichte, lässliche Sünde und was schon als schwere, als Todsünde zu gelten habe. Ich bin Priestern und Theologiestudenten begegnet, die sich an solchen „ehrbaren“ moraltheologischen „Pornografien“ geradezu geweidet haben, mehr als an Pornos aus dem Internet. In dieser kasuistischen Kontinuität steht nun auch die neue Vatikan-Studie über Aids, „eine Art Kondom-Katechismus in bester kasuistischer Tradition“.

Noch hat Papst Benedikt den Text, den ihm Kardinal Javier Lozano Barragán vorgelegt hat, nicht endgültig abgesegnet. Jetzt soll noch die päpstliche Glaubenskongregation entsprechend ihrem Auftrag seit den selig-unseligen Zeiten der Inquisition die Vorlage auf ihre doktrinale Verlässlichkeit überprüfen. Aber dass die Liberaleres als der Kardinal vorgeschlagen könnte, erwartet niemand. Ein „Gutes“ aber hat das Ganze. Wenn die Vorlage so oder so vom Papst abgesegnet sein wird, können die Professoren der staatlich bezahlten Moraltheologie an deutschen Universitäten wieder nach Herzenslust das kirchliche Aids-Handbuch analysieren und kommentieren, es eventuell sogar als ungeheuren Fortschritt in der kirchlichen Sicht der Aids-Problematik proklamieren.

Wenn jetzt aber ein in der Materie nicht so Bewanderter meinen sollte: Damit, d.h. mit der staatlichen Besoldung der Dogmatik- und Moraltheologieprofessuren der theologischen Fakultäten in der Bundesrepublik Deutschland ist es genug, dann täuschte er sich schwer. Diese Fakultäten haben meist mehr Lehrstühle als die anderen Fachbereiche. Schließlich soll ja nach Maßgabe der Kirche, an der ebenfalls der neue Papst unerschütterlich festhält, auch noch der Pastoraltheologe vom Staat bezahlt werden, also der Professor, der die dogmatischen und moraltheologischen Vorgaben seiner beiden diesbezüglichen Kollegen kunstgerecht für die Seelsorge am Menschen zurechtschneidert und schmackhaft macht; ebenso der Ordinarius für Fundamentaltheologie, der seinen Studenten und Priesteramtskandidaten klarzumachen hat, dass das mit der Erschütterung der Fundamente der Kirche und des Papsttums durch die historisch-kritische Erforschung der Frühzeit des Christentums so gar nicht stimmt (nicht stimmen darf, sonst hat er ein Problem mit dem Papst und seinen Glaubensoffizium!).

Aber auch mit dem Pastoral- und Fundamentaltheologen ist die Liste derer, die sich vom Staat aushalten lassen, ohne einen erkennbaren Bezug zur reinen, unabhängigen, kirchenfreien Wissenschaft zu haben, längst nicht beendet. Da ist noch der Liturgieprofessor, der die Rituale der Kirche kommentiert; der Homiletikprofessor, der das Predigen lehrt, der den Theologiestudenten beibringt, wie man den Hörern Inhalte suggeriert; der Professor für Kirchengeschichte (ganz wichtig! Denn er muss ja unter anderem die rechtfertigende Sicht der Kirche auf Kreuzzüge, Inquisition, Ketzerverfolgung, Hexenverbrennung, Zwangsmissionierung ganzer Völker usw. vertreten); der Professor für Dogmengeschichte (die könnte zwar im Rahmen der Dogmatik abgehandelt werden, aber wozu sparen? Der Staat zahlt ja beide Lehrstühle, den für Dogmatik und den für Dogmengeschichte). Es gibt auch noch den Ordinarius fürs Alte und den fürs Neue Testament (obwohl die Kirche ständig behauptet, dass beide Testamente eine gottgefügte Einheit bilden. Aber, wie gehabt, die Kirche fordert zwei Lehrstühle, der Staat bewilligt und zahlt!) An manchen theologischen Universitätsfakultäten finden wir auch noch den Lehrstuhl für Konfessionskunde; den für „Missionswissenschaft“, ja sogar einen für Pastoralmedizin oder auch einen für Patrologie, auf dem ein Theologe ausbreitet, was die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte so dachten.

So kommt man leicht auf 14, 16, bisweilen 18 Lehrstühle an einer theologischen Fakultät, die alle der „Wissenschaft“ des Glaubens gewidmet sind, denn sie setzen alle die „Tatsache“ der Offenbarung, wie sie die Amtskirche interpretiert, und den Glauben an sie voraus und haben alle den Zweck, diese Offenbarung und diesen Glauben zu rechtfertigen. Das geht auch schon daraus hervor, dass der zuständige Ortsbischof sein Plazet erteilen muss, wenn einer Professor an einer theologischen Fakultät werden will. Nicht selten hat aber auch Ratzinger selbst sowohl in seiner Zeit als Professor als auch nachher als Erzbischof von München und als oberster Glaubenswächter in Rom seinen Einfluss bei der Besetzung von Lehrstühlen spielen lassen. Immer deutlicher wird, dass auch bei der Neubesetzung von Bischofsstühlen in Deutschland in der letzten Zeit nur noch ganz konservative Kleriker zum Zuge kommen.

Nun kommt zu alledem aber noch eine Absurdität hinzu, die sich der Staat aufschwatzen lässt: die Verdoppelung des Ganzen! Denn zu jeder katholisch-theologischen Fakultät mit 14 bis 18 Lehrstühlen kommt ja noch eine ähnlich strukturierte evangelisch-theologische Fakultät hinzu. Nur wenige Universitätsstädte beherbergen nur eine theologische Fakultät, in den meisten gibt es eine katholisch- und eine evangelisch-theologische Fakultät, weil eben der „christliche“ Glaube in Deutschland zwiegespalten daherkommt, d.h. aufgeteilt in zwei Konfessionen, die sich trotz allen ökumenischen Versöhnungsgesäusels nicht zu einigen vermögen.

Aber, wie gehabt, der Staat trägt auch diese doppelte Finanzlast. Wohlgemerkt: Gegen das Grundgesetz, das ihn zur Neutralität und Gleichbehandlung aller weltanschaulichen und religiösen Gruppierungen verpflichtet. Nicht auszudenken, wie hysterisch er reagieren würde, wenn der Islam, der Buddhismus oder irgendeine andere Religion bzw. irgendeine nichtkonfessionelle christliche oder nichtchristliche Sekte bzw. eine agnostische oder atheistische Gruppe dem Grundgesetz entsprechend die Errichtung eigener Fakultäten an den Universitäten verlangte.

Auch hier wird wieder deutlich: Wir haben in Deutschland einen Kirchenstaat, eine Staatskirche mit eindeutiger, überdimensionaler Bevorzugung und Privilegierung der beiden Großkirchen, und kein Politiker denkt auch nur daran, an diesem Zustand etwas zu ändern und dementsprechend die Bürger von solchen horrenden und geradezu absurden Lasten zu befreien. Aber für den Ratzinger-Papst, der diesbezüglich kaum Dankbarkeit kennt, sind die Beziehungen zwischen Staat und Kirche trotzdem nur „weitgehend gut“! Es gibt gerade in Bezug auf das Thema »Staat und Kirche« eine typische Dickhäutigkeit und Abgebrühtheit des Klerus, ja auch von sonst liberaleren Theologen. Sobald dieses Thema aufkommt, verschließen sich ihre Mienen, entsteht eine Mauer. An ihren Privilegien in „ihrem“ Staat lassen sie nicht rütteln, darüber gibt es keine Debatte. Beim Geld wird’s der Kirche ernst, todernst, viel ernster als in Glaubensfragen! Da hört’s mit der Progressivität auch bei Küng, Drewermann, Metz, Moltmann usw. auf!

Die Politiker merken noch nicht einmal, welch komische Rolle sie in diesem absurden Theater spielen! Sie haben nur das Geld zu liefern, inhaltlich haben sie nichts zu sagen, Direktiven nicht zu erteilen. Die erteilt von höchster Warte aus der Papst. Beim »Ad-limina-Besuch« der deutschen Bischöfe im November 2006 ermahnt sie Benedikt, die kirchliche Lehrbefugnis für Dozenten und Professoren an theologischen Fakultäten „nur nach gewissenhafter Prüfung“ zu erteilen. Das wichtigste Kriterium bei dieser Prüfung sei die „Treue zur Überlieferung der Kirche, wie sie vom Lehramt vorgelegt wird“. Sie sei „die Voraussetzung für seriöse theologische Forschung und Lehre schlechthin und zugleich eine Forderung der intellektuellen Redlichkeit für jeden, der ein akademisches Lehramt im Auftrag der Kirche ausübt.“

Man sieht wiederum: Der Ratzingersche Gott der Vernunft ist keineswegs ein Gott, der den Theologen an den Universitäten die uneingeschränkte freie Vernunftforschung erlaubt, sondern einer, der sie an die Kandare der „Treue zur Überlieferung der Kirche, wie sie vom Lehramt vorgelegt wird“, nimmt. Wehe, ein Theologe kommt auf Grund seiner Vernunft und vernünftigen Forschung zu anderen Ergebnissen, als sie das kirchliche Lehramt vorschreibt. Er wird an der theologischen Fakultät nicht mehr geduldet beziehungsweise, wenn er noch keinen Lehrstuhl hat, wird er einen solchen nie erhalten. Das ist also »Freiheit der Wissenschaft« im Verständnis Ratzingers. „Voraussetzung für seriöse theologische Forschung und Lehre“ ist nicht etwa die Vernunft und ihr vernünftiger Gebrauch, sondern nach dem Ratzinger-Papst die Treue zur Kirche, zu ihrer „nur von ihr richtig interpretierten“ Überlieferung. Und das ist nach ihm sogar „eine Forderung der intellektuellen Redlichkeit“! Armer Intellekt, der sich an die dogmatischen Vorgaben der Kirche zu halten, an ihnen zu orientieren hat. Er wird seiner Autonomie beraubt, wird entmündigt. Theologie an den Universitäten ist entmündigte Vernunft! Ratzinger bestätigt es und will es so. Und da kommen die Schwachköpfe der großen Zeitungen und Magazine und preisen ihn als den „Intellektuellsten“ unter den Theologen, der die jahrhundertelang abgebrochene Brücke zwischen Glaube und Vernunft, Religion und Wissenschaft wieder hergestellt habe.

Die Angst vor der freien Vernunftforschung, wie sie an den nichttheologischen Fakultäten praktiziert wird, sitzt dem Papst schwer im Nacken. Deshalb lobt er vor den Bischöfen aus Deutschland besonders die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt. Denn das ist eine rein kirchliche, keine staatliche Universität, für die sich seine Kirche aber dennoch nicht schämt, stattliche Summen aus der bayerischen Staatskasse entgegenzunehmen. Doch hier kann die Kirche die Studenten von jeder Beeinflussung durch die »weltliche«, die säkulare Vernunft freihalten, weil hier alle Fakultäten, auch die nichttheologischen, die Treue zur Überlieferung der Kirche, zum Papst und seinem „unfehlbaren“ Lehramt auf ihre Fahnen geschrieben haben. Daher ermahnt auch Benedikt die Bischöfe dringend, den Teilbetrag, den die Kirche neben dem Staat für diese Universität zahlt, nicht lediglich von den bayerischen Bischöfen erbringen zu lassen, sondern von allen deutschen Bistümern. Obwohl jeder Eingeweihte weiß, dass diese kirchliche Universität (die natürlich – wer würde sich da widersetzen? – staatlich anerkannt ist) bisher nichts Großes hervorgebracht hat, bezeichnet sie Benedikt aus erkenntlichen Gründen als „eine hervorragende Stätte zur Ausbildung einer geistigen Elite, die den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft im Geist des Evangeliums begegnen kann.“ »Geistige Elite« bedeutet im Sprachgebrauch Ratzingers immer nur eine Elite, die ihren Geist niemals frei forschen und entfalten lässt, sondern ihre Kapazitäten einzig und allein für die Ziele der Kirche einsetzt und sie von dieser begrenzen lässt.

Deswegen klingt es für den Kenner der ganzen Szenerie geradezu lächerlich, wenn ein Mitarbeiter der »FAZ« pathetisch behauptet, „dass es der Theologie und der Philosophie bedarf, um die Phänomene des menschlichen Geistes zu verstehen“. Man nenne mir ein einziges Phänomen des menschlichen Geistes, zu dessen Entdeckung allein die Theologie gelangt ist oder zu dessen Verstehen sie entscheidend beigetragen hat. Es gibt keins. Vielmehr hat sie immer jedes Phänomen des Geistes von der Philosophie oder den Einzelwissenschaften abgeguckt und übernommen. Theologischer Geist ist kirchlich eingezäunter, kirchlich zurechtgestutzter Geist und als solcher wertlos, weil ohne Freiheit und unter Vormundschaft kein Erkennen, Entdecken, Erforschen gelingen und gedeihen kann.

Der »FAZ«- Mann hätte sich einmal in den theologischen Fakultäten der beiden Konfessionen umschauen sollen. Dann hätte er bemerkt, dass »Geist« in ihnen kaum eine Rolle spielt, nicht thematisiert, definiert, geschweige denn reflektiert wird. »Geist« ist dort schon sozusagen von Natur aus ein anstößiges Wort. Hören nur die Theologen das Wort Geist, sind sie aufgescheucht. Dann denken sie sofort an die „bösen“ Geister der Aufklärung, die Voltaires, Diderots, D’Alemberts, Lessings und Rousseaus, an Kant, den „Alleszermahner unserer Gottesbeweise“, oder an den pan-entheistischen Weltgeist Hegels. Oder sie assoziieren »Geist« sofort mit »freiem Geist«, »Freidenkertum« und ähnlichem. »Geist« ist jedenfalls für sie ein Synonym für »autonomen Geist« und als solcher der stärkste Gegensatz zum Heiligen Geist, der dritten Person der Gottheit, denn die erteilt die Gnade der Erleuchtung nur den Demütigen und Gehorsamen in der Kirche, motiviert und motorisiert aber nicht den Menschen zum autonomen, selbstständigen Gebrauch seiner eigenen Vernunft.

Was die kirchlichen Theologen von »Geist«, beispielsweise dem genialen Geist eines Giordano Bruno oder eines Galileo Galilei halten, demonstrierte noch kürzlich Herr Walter Brandmüller. Der Herr ist nicht irgendwer in den Augen der Kirchenbosse. Er ist ein enger Freund Ratzingers und nicht ohne Zutun desselben 1998 Vorsitzender des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften geworden, welchen Vorsitz er bis heute innehat. Dieser im Vatikan residierende Chefhistoriker der Kurie erklärt also in einem Gespräch mit Henryk M. Broder vom »Spiegel« frank und frei, aber auch zynisch und verächtlich: Giordano Bruno „war ein verruchtes und unmoralisches Genie“. Also ein überragender Geist wie Giordano Bruno, der fast alle größeren Denker der Neuzeit inspiriert und beeinflusst hat: die Ethik Spinozas, die Lehren von Leibniz, einen Goethe, Schelling, Schopenhauer; der Darwins Evolutionstheorie in ihrem Kampf ums Dasein und ihrem Ausleseprinzip, aber auch bezüglich des Instinkts als einer Entwicklungsstufe des Intellekts vorweggenommen hat; bei dem sich sogar lange vor Einstein Gedanken zu einer allgemeinen Relativitätstheorie finden und ebenfalls ganz modern anmutende Ideen zur Atomlehre – der war in den Augen des Chefhistorikers des Vatikans ein verruchtes und unmoralisches Genie. Klar doch! Denn wie konnte dieser Dominikanermönch, der doch die Lehren der Kirche von Kindesbeinen an eingetrichtert bekommen hatte, sich zu einer derartigen Höhe des freien Geistes aufschwingen, dass er diesen Lehren überzeugend und mit Einsatz seines Lebens entgegentrat und ganz neue Konzepte entwickelte, die mit dem abgestandenen Mief der kirchlichen Doktrin nichts mehr zu tun hatten.

Die jahrhundertelang im „christlichen“ Abendland wütende Inquisition der Kirche, die der Chefhistoriker des Vatikans und sein päpstlicher Freund Ratzinger heute in ihrer Schrecklichkeit zu verharmlosen suchen, mordete ja nicht nur Tausende und Hunderttausende von Unschuldigen, deren Namen heute niemand mehr kennt, sondern auch bis heute namentlich bekannte und geschätzte Geistesriesen, ohne die es keinen Fortschritt der Wissenschaften gegeben hätte. Ja, die Inquisition der Kirche diente als ganz besonders exzellentes und brutales Instrument zur Knebelung und Unterdrückung der Wissenschaft und des Geistes. Galilei und Bruno, diese beiden, im Denken, Verhalten und Schicksal doch so unterschiedlichen Persönlichkeiten beweisen, dass die Reaktion der Kirche auf Neues, auf neue Entwicklungen und Konstellationen, bis zum heutigen Tag stets die eine und gleiche ist, nämlich die der Bespitzelung, Verunglimpfung, Verächtlichmachung, Verfolgung, wenn irgendmöglich sogar der Vernichtung dieses Neuen und der Geister, die es vertreten. Nicht die Wahrheit, sondern die Demonstration und Bewahrung ihrer Macht steht dabei stets im Mittelpunkt der Interessen dieser Institution.

Giordano Bruno und Galileo Galilei stellen zwei geradezu klassische Beweise für den grundlegend antiwissenschaftlichen Hassaffekt dieser Institution dar. Es ist eine der traurigsten, ja tragischsten Ereignisse innerhalb der gesamten Wissenschafts- und Philosophiegeschichte, dass die Kirche einen ihrer größten Denker und ihren ersten modernen Naturphilosophen, nämlich den Dominkanermönch Giordano Bruno, am 17. Februar 1600 auf dem in «christlicher Nächstenliebe« (an)gezündeten Scheiterhaufen des Campo dei fiori in Rom öffentlich verbrannte.

Machthaber haben ein sensibles Gespür für geistige Größen, die ihnen gefährlich werden könnten. Die kirchlichen Machthaber hatten dementsprechend bald erkannt, dass der Geist eines Giordano Bruno ihrer Macht noch sehr viel gefährlicher werden konnte als ein Galilei oder Kopernikus, weil Bruno aus den Entdeckungen dieser Männer die weitreichendsten naturphilosophischen Schlussfolgerungen zog.

Dieser Mönch, der von der Inquisition in Venedig als »Fürst der Ketzer« an Rom ausgeliefert worden war und sieben lange Jahre, von 1593 bis 1600, in einem kalten, feuchten Verlies im Halbdunkel dahinvegetierte, dabei jede Barbarei und Folter, den Hass der Papstmacht und eines unvorstellbaren Glaubensfanatismus ertragen musste, dieser Mönch war nicht zu brechen.

Und im Unterschied zu Galilei widerrief er auch nicht. Sein letztes Wort auf das Urteil der Inquisition lautete: „Mit größerer Furcht vielleicht verkündet
Ihr das Urteil, als ich es empfange!“ Und während der Vernehmungen hatte er zu den Inquisitoren gesagt: „Auch ich habe einen Glauben, nicht unedler, als es der christliche ist! Ich bin erfüllt von der göttlichen Harmonie unseres Weltganzen, wie sie – die Märtyrer – es waren von dem göttlichen Schmerz ihres gekreuzigten Messias. Ich fühle mich wie ein Stäubchen im Angesicht der Unendlichkeit und dennoch größer als die Gewalt der Himmelskräfte, da ich sie begreife und teilhabe an der ewigen Weltseele. Ihr habt einen Glauben, der mir geringer scheint als der meine!“
Das war’s. Vor dem Glauben, vor der neuen Weltsicht Giordano Brunos hatten die kirchlichen Ideologen unerhörte Angst, denn er lehrte die „Gleichhaftigkeit und Göttlichkeit aller Wesen“, also nicht bloß Seiner Heiligkeit, des Papstes als des Stellvertreters Gottes auf Erden, sondern aller Menschen, aber auch aller Lebewesen überhaupt. In jedem spiegle sich das Universum, das All im einzelnen. Der Weltgeist lebe in allem und jedem und daher habe jedes Lebewesen seine unveräußerlichen, unzerstörbaren Rechte, denn „ein Ding, sei es so klein und winzig, wie es wolle, es hat in sich einen Teil der seelischen Substanz“ und „Seele (als Empfinden) findet sich in allen Dingen und es ist auch nicht das kleinste Körperchen, das nicht einen solchen Anteil davon hätte, dass es sich nicht belegen lassen könnte“.

Deshalb werden die römisch-katholische Kirche und das Papsttum die Anklage der geistigen Menschheit nie loswerden, einen Genius gemartert und bei lebendigem Leib verbrannt zu haben.“

Aber Giordano Bruno sah auch voraus – das beweist seine »Esels-Hymne« -, dass die Macht der Kirche noch lange bestehen bleiben werde, weil sie sich ständig mit allen ungerechten Mächten dieser Welt verbünde und auf dem »Eseltum« der Massen basiere. Dieses »Eseltum« sei der eigentliche »Fels Petri«, der die Herrschaft des Papsttums sichere.

Giordano Bruno war ein kühner, mutiger Geist, der direkt, unverblümt, ungeschützt, rückhaltlos und rücksichtslos die von ihm erkannten Wahrheiten verkündete. Dieser strahlende, vitale Herold eines neuen, nicht mehr von der Kirche geprägten Zeitalters wäre nicht er selbst gewesen, wenn er seine revolutionären Einsichten in Watte verpackt, mit vielen »Wenn und Aber« versehen, mit diplomatischen Verschleierungen und Verbeugungen vor den Glaubenswächtern im Vatikan ausgestattet hätte. Ihn traf deren tödlicher Bannstrahl deshalb direkt und mit voller Wucht.

Ganz anders mussten die wissenschaftsfeindlichen Großinquisitoren des Papstes gegen Galileo Galilei vorgehen, weil dieser ihnen der Form nach keine so große Angriffsfläche bot. Galilei war diplomatisch, formulierte geschickt, geschmeidig, dialektisch, bisweilen opportunistisch und raffiniert; ironisierte, ja persiflierte immer wieder einmal in seinen Schriften die eigenen Ansichten; gab sie mitunter als lediglich hypothetisch aus, obwohl er an sich von ihrer unumstößlichen Wahrheit und Gewissheit felsenfest überzeugt war. Aber das behielt er oft für sich. Er suchte auch ständig den Kontakt zu den Herrschenden, den Fürsten, Kardinälen und dem Papst, besuchte sie, machte ihnen Komplimente, lobte deren Ansichten, widmete manchem von ihnen die eine oder andere seiner Schriften; betonte stets seinen festen katholischen Glauben und dass er ein treues Kind der Kirche sei. Letzteres war tatsächlich seine Überzeugung und keinerlei Taktik.

Dass die Inquisition aber selbst einen solchen Mann zu vernichten suchte, beweist mit unüberbietbarer Deutlichkeit, dass es ihr – unabhängig von Person, Charakter, Kirchentreue etc. – entscheidend um das Eine ging: die Behinderung, ja Zunichtemachung des Fortschritts der Wissenschaft.

Galilei war zwar in vielem ängstlich und opportunistisch. Aber auch in ihm war die »Macht der Wahrheit«, die Strahlkraft der neuen Erkenntnisse über das Universum und seine Gesetzlichkeiten so groß, dass er nicht schweigen konnte, dem neuen Weltbild beredten Ausdruck verliehen musste. Das neue Weltbild – das war vor allem das kopernikanische System, wonach die Erde nicht mehr der von Gott festgesetzte Mittelpunkt des Universums ist, um den sich die Sonne dreht. Kopernikus selbst hatte in seinem Buch De revolutionibus orbium coelestium (1545) sein System derart vorsichtig vom bisher herrschenden, kirchlich abgesegneten geozentrischen des Ptolemäus abgesetzt, indem er ersteres lediglich als mathematische Hypothese »zur Rettung der Erscheinungen« ausgegeben hatte, dass die Inquisitoren kaum darauf aufmerksam geworden waren.

Galilei aber schuf die exakten Grundlagen, die die »kopernikanische Hypothese« in den Rang einer unbezweifelbaren Wahrheit erhoben. Zu diesem Zweck kreierte er eine mathematische Theorie der Bewegung der auf der Erde befindlichen Gegenstände, die er dann auf die Bewegung der Planeten anwandte. Diese Erkenntnis der Bewegungsgesetze einfacher mechanischer Systeme war die Geburtsstunde der neuzeitlichen, empirisch-mathematisch vorgehenden Naturwissenschaft.

„Exemplifiziert an einfachsten Beispielen wie schwingenden Pendeln oder eine schiefe Ebene herabrollenden Kugeln demonstrierte er nicht nur, dass das >Buch der Natur< tatsächlich mathematisch abgefasst ist, sondern dass die gekonnte Lektüre sicheres Wissen zu produzieren vermag. Gestützt nur auf >sensate esperienze e necessarie demonstrazioni< - also auf Sinneserfahrungen und notwendige Beweise -, entwickelte Galilei die Methode exakter Forschung im fruchtbaren Dreiklang von Empirie, mathematischer Spekulation oder Hypothesenbildung und experimenteller Überprüfung. Dieses Paradigma wird wohl gültig bleiben, solange Menschen Naturgesetze aufdecken wollen.“ Aber den Herren der Kirche konnte dieser fruchtbare Dreiklang keineswegs recht sein.

War nicht mit Aristoteles, den der größte Kirchenlehrer der Christenheit, Thomas von Aquin, christianisiert, »getauft« hatte, alles Erkennen der Natur im Prinzip abgeschlossen? Genügte es nicht, bei allen strittigen Fragen sich einfach auf seine Autorität zu berufen, so dass der Mühe, die Natur selbst zu beobachten und zu befragen, sich niemand zu unterziehen brauchte und sollte?

Waren nicht dem Irrglauben, der Ketzerei Tür und Tor geöffnet, wenn man sich um der Erwerbung der wahren Erkenntnis willen nicht mehr auf anerkannte Autoritäten in Kirche und kirchlich abgesegneter Naturphilosophie stützen sollte, sondern auf die Erfahrung der Sinne und deren experimentelle Überprüfung? Akademischer und theologischer Obskurantismus fuhr daher schwerstes Geschütz bösartiger Intrigen und Unterstellungen gegen Galilei auf, die der päpstlichen Inquisition die willkommene »wissenschaftliche« Basis für ihren Prozess gegen diesen Mann lieferten. Dass den Inquisitoren die ganze Reichweite und Bedeutung der anbrechenden neuen Naturwissenschaft oder gar deren heutige negative Folgen im Sinne der Hybris eines totalen, alles ausbeutenden technischen Machbarkeitswahns bewusst gewesen wäre, behaupten heute zwar einige Apologeten der immer schon alles (voraus-) wissenden Catholica, wird aber von allen seriösen Wissenschaftstheoretikern ins Reich der nachträglich rechtfertigenden Fabeln verwiesen.

Nein, viel verstanden die Päpste und ihre Helfershelfer auf Lehrstühlen und Kanzeln von den komplizierten Berechnungen der Kopernikus, Galilei usw. nun keineswegs. Ein Blick auf die damaligen Kontroversen, von den »Verteidigern« der Kirche oft mit unglaublicher Niveaulosigkeit geführt, beweist das ganz eindeutig. Was sie aber mit Gewissheit kapierten, war die »ungeheure Anmaßung«, die »gottversucherische Hybris« Galileis, der es wagte, zwei »furchtbare« Thesen zu proklamieren:

Die von den zwei gleichberechtigten Offenbarungsarten des Göttlichen, der durch die Bibel und der durch die Natur, wobei diese letztere der ersteren an Exaktheit und Eindeutigkeit überlegen sei, so dass wohl die Heilige Schrift der Interpretation durch die Theologen bedürfe, nicht aber die Natur und die auf sie bezogene Wissenschaft; 2. Die Gottgleichheit der mathematischen Erkenntnisse des Menschen, der zwar weniger mathematische Wahrheiten besitze als der göttliche Geist, aber dessen Erkenntnis der tatsächlich erworbenen mathematischen Wahrheiten ebenso vollkommen und präzis sei wie die Gottes.
„Freilich erkennt“, so Galilei, „der göttliche Geist unendlich viel mehr mathematische Wahrheiten, denn er erkennt sie alle. Die Erkenntnis der wenigen aber, die der menschliche Geist begriffen, kommt meiner Meinung nach an objektiver Gewissheit der göttlichen Erkenntnis gleich; denn sie gelangt bis zur Einsicht ihrer Notwendigkeit, und eine höhere Stufe der Gewissheit kann es nicht geben!“

Was Giordano Bruno überschwänglich pries: das Universum als kosmischen Leib Gottes, als solcher eine größere, in vielem eindeutigere Offenbarung des Göttlichen als die Bibel und alle anderen heiligen Bücher der Menschheit, das formulierte Galilei nüchterner, gemäßigter. Aber auch seine Darlegungen über die Offenbarung des Göttlichen in der Natur und die Betonung der Eigenständigkeit dieser Offenbarungsquelle neben der und gleichberechtigt im Verhältnis zur Bibel mussten die Vertreter der Kirchenmacht herausfordern. Ähnlich wie sein genialer Zeitgenosse Johannes Kepler, der die Astronomie vor allem als »Anbetung Gottes im Medium der Mathematik« verstand, hat Galilei die »ausgezeichnete« Offenbarung des »Buches der Natur« immer wieder hervorgehoben: „Nichts Physisches, das die Sinneserfahrung vor unsere Augen stellt oder das notwendige Beweisführungen uns deutlich machen, sollte daher in Frage gestellt – und viel weniger noch verboten – werden auf Grund des Zeugnisses von Textstellen aus der Bibel, hinter deren Worten ein ganz anderer Sinn verborgen sein kann, denn die Bibel ist nicht in jedem ihrer Ausdrücke an Bedingungen gebunden, die so strikte sind wie jene, die das Wirken der Natur beherrschen; noch offenbart sich Gott in der Natur in weniger ausgezeichneter Weise als in den geheiligten Sätzen der Bibel.

„In der Schrift war es zudem notwendig, damit sie dem allgemeinen Verständnis zugänglich ist, die Dinge in ihrer Erscheinung und in der Bedeutung der Worte sehr unterschieden von der absoluten Wahrheit zu formulieren; andererseits überschreitet die Natur, unerbittlich und unveränderlich und sich nicht darum kümmernd, ob die verborgenen Gründe ihrer Verfahrensweise der Fassungskraft des Menschen einsichtig sind, niemals die Grenzen der ihr gesetzten Ordnung ... nicht alles in der Schrift unterliegt so strikten Notwendigkeiten wie jede physikalische Wirkung.“

Mit Recht hat man darauf aufmerksam gemacht, dass trotz der von Galilei noch betonten Ebenbürtigkeit der beiden Offenbarungsquellen – der Natur und der Bibel – emanzipatorischer Explosivstoff in seiner Auffassung der ersteren als einer stringenteren Wahrheit lag.
„Im historischen Kontext stellte sie eine dramatische Aufwertung der Natur gegenüber dem irdischen Jammertal der Theologie dar, und im Anspruch sicherer Naturerkenntnis durch Berufung allein auf >Sinneserfahrung und notwendige Beweisführungen< etablierte sie eine Wahrheit unabhängig von jeder Offenbarung. Im Licht dieser Wahrheit war nach Galileis Auffassung zum großen Ärgernis der Theologen die Bibel interpretationsbedürftig, während die Naturwissenschaft einer theologischen Begründung letztlich entraten konnte.“

Dafür musste Galilei natürlich büßen. Die Rachsucht der kirchlichen Machthaber kannte keine Grenzen. Man verbrannte ihn zwar nicht, wie man das mit Giordano Bruno getan hatte. Aber man ließ ihn die beschämendsten Unterwerfungsakte unterzeichnen, die man dann höhnisch und als Zeichen des Triumphes an alle Universitäten Europas verschickte, um Galilei bloßzustellen, seine wissenschaftliche Reputation zu untergraben. Bis an den Rand des Wahnsinns und des Suizids trieb man ihn, überwachte den schwerkranken Greis, stellte ihn unter Hausarrest, verbot ihm sogar den Besuch bestimmter Kirchen, obwohl der den Mut völlig verloren habende Galilei ständig devoteste, unterwürfigste Bittgesuche an den Papst richtete, ließ ihn von durch die Inquisitoren ausgesuchten Ärzten mehrfach penibelst untersuchen und bezüglich der Frage kontrollieren, ob er nicht doch gesundheitlich im Stande sei, zum wiederholten Mal vor dem päpstlichen Inquisitionstribunal zu erscheinen usw. usf. Der Racheakte gegen Galilei gab es kein Ende, weil der die absolute theologische und wissenschaftliche Autorität des „Heiligen Stuhls“ in Misskredit gebracht hatte. Noch über seinen Tod hinaus währte der Hass. In schroffster, gehässigster Weise lehnte der Papst einen Antrag auf Errichtung eines Denkmals für Galilei ab.

Und da kommt die kirchliche Überheblichkeit und Arroganz in Gestalt des vatikanischen Chefhistorikers von Ratzingers Gnaden daher und erklärt salopp und leichthin und ohne den leisesten Anflug von Gewissensbissen, die ganze Auseinandersetzung zwischen Kirche und Galilei sei halt ein Missverständnis gewesen und beide Seiten hätten sich damals geirrt. Wo, bitte schön, hat Galilei geirrt? Das ist doch vielmehr ein weiterer Beweis dafür, dass die Kirche die Erkenntnisse Galileis im Grunde bis heute nicht anerkennen will.

Wir haben hier so ausführlich den Fall Giordano Bruno und den Fall Galileo Galilei dargestellt, weil sie Musterbeispiele dafür sind, wie das Papsttum und seine Theologen stets mit dem Geist der Wissenschaft und der autonomen Philosophie umgesprungen sind und auch in Zukunft umspringen werden. Kirchliche Theologie, auch die von Papst und Bischöfen eingesetzte Theologie an den Universitäten, hat niemals neue Erkenntnisse gebracht, war stets ihrem Wesen nach »Apologie«, d.h. Verteidigung und Rechtfertigung der alten Lehren der Kirchen gegen den neuen Geist neuer Entdeckungen und Erkenntnisse! Und dafür zahlt unser Staat jedes Jahr Hunderte Millionen zum Nachteil und auf Kosten seiner Bürger.

Schlimm ist dabei, dass der Ratzinger-Papst und sein oberster Vatikan-Historiker Brandmüller ihre konstitutiv prokirchliche Apologetik stur und unentwegt als »rationale Theologie« verkaufen. „Die katholische Position“, so Brandmüller, ganz wie sein päpstlicher Boss, „war immer die Verteidigung der Vernunft.“ „Immer? Auch während der Inquisition?“ fragt ihn der »Spiegel«-Redakteur. „Erst recht während der Inquisition“, antwortet Brandmüller arrogant, hartherzig und bedenkenlos: „Es ging (ja) darum festzustellen, ob einer irrt oder nicht – durch rationale Argumentation.“ Dann war wohl, fragt der »Spiegel«-Redakteur sich selbst, leider aus Höflichkeit nicht den Monsignore, die „Folter die Fortsetzung der rationalen Argumentation mit anderen Mitteln“ und die Verbrennung Giordanos auf dem Scheiterhaufen ein rationaler Schlussakkord. Und da posaunt der Ratzinger-Papst in seiner Caritas-Enzyklika, dass nur die von Gott erleuchtete theologische Vernunft die autonome Vernunft vor Perversionen zu schützen vermöge. Man ist an einen der seriösesten, um objektivste Erkenntnis bemühten Philosophen des 20. Jahrhunderts, den keineswegs kirchenfeindlichen Existentialisten Karl Jaspers erinnert, der trotzdem wiederholt feststellte, Kirche sei ständig auf dem Sprung, die Scheiterhaufen wieder aufflammen zu lassen. Aus rein rationalen Gründen, versteht sich!

Wenn diese schwarze Bruderschaft im Vatikan wieder die Macht hätte wie einst im Mittelalter, es würden wieder Köpfe rollen und Leiber brennen! Natürlich nur, um der (kirchlichen) Vernunft zum Sieg zu verhelfen. Dem „Vernunft“-Gott und seinem Stellvertreter auf Erden zum Gefallen! Diese Brüder haben nichts dazugelernt, sind so uneinsichtig und unfehlbar wie zu Zeiten der Inquisition. Die größte und furchtbarste Sünde für einen waschechten Katholiken ist, nicht mehr das Attribut »katholisch« in Anspruch nehmen zu können, die katholische „Wahrheit“ nicht mit allen Mitteln durchsetzen zu wollen. Alle anderen von ihm begangenen Sünden, und seien sie noch so schwer, sind dagegen Bagatellen! „Wer einen Ketzer tötet, begeht keine Sünde“, hatte Papst Innozenz III. dekretiert!

Ratzingers Chefhistoriker Brandmüller lässt noch ein weiteres Bonmot vom Stapel, das uns anschaulich demonstriert, von welchem „Geist“ vatikanisch-päpstliche Theologie geprägt ist. Die geschichtlich wie sachlich außerordentlich belastete Problematik des Verhältnisses von Naturwissenschaft und Theologie fegt Brandmüller einfach vom Tisch, indem er die Methodenbereiche der beiden Disziplinen scharf voneinander trennt. „Die Naturwissenschaft erklärt, wie die Welt entstanden ist, die Theologie erklärt, warum sie entstanden ist.“ Schluss, basta, Dass hier die Grenzen von Naturwissenschaft und Theologie durch ein oberflächliches Diktum willkürlich festgelegt werden, bemerkt der Vatikan-Theologe nicht, oder es kümmert ihn nicht.

Sachlich aber ist festzuhalten, dass das »Wie« vom »Warum« nicht so einfach zu trennen ist. Wer das »Wie« bei der Entstehung des Universums herausbekäme, erführe zwangsläufig auch so einiges über das »Warum« dieser Entstehung. Und darüber könnte und dürfte die Naturwissenschaft dann auch nicht schweigen, nur weil ihr die Theologie das verbietet. Die Theologie aber ist in der viel misslicheren Lage, hier überhaupt nichts bieten zu können. Sie behauptet zwar zu wissen, warum Gott die Welt geschaffen hat, nämlich aus Liebe. Aber die Weltwirklichkeit, die Evolution mit ihren Irrwegen und Sackgassen, der Vernichtung bzw. dem Absterben Tausender von Arten, die ganze Theodizeeproblematik bestätigen diese Behauptung nicht, erweisen sie als pure Setzung des Glaubens und Glaubenwollens. Die Vernunft kann diese Setzung nicht mitvollziehen. Es ist auch nicht so, dass die Theologen bei der Entstehung der Welt auf dem Schoß Gottes gesessen und von ihm gesagt bekommen hätten, warum er die Welt erschaffen habe. Ja, nicht einmal die Erschaffung der Welt ist ein unbezweifelbares Faktum, sie könnte auch anfangs und endlos in verschiedensten Seinszuständen der Ausdehnung und der Verdichtung der Materie existieren und pulsieren.

Der Satz: »Gott schuf die Welt aus Liebe« ist eine dogmatische Setzung der Theologie. So wörtlich steht er nicht einmal in der Bibel. Und dass die beiden Schöpfungsberichte des Buches Genesis mythische Erzählungen sind, das sollte sich auch bis zu den obersten Vatikantheologen, von denen Brandmüller einer ist, herumgesprochen haben. Aber sein Chef Ratzinger macht es ja ebenso. Er gibt im Frühjahr 2007 über Jesus ein Buch heraus, in dem er die teils mythischen, teils naiv-theologisch konstruierten, teils einfach erfundenen, teils aus der heidnischen Umwelt übernommenen Berichte der Evangelien als weitgehend historisch-real darstellt, die gesicherten, mithilfe der historisch-kritischen Methode erbrachten Resultate der Jesus-Forschung aber als im großen und ganzen unbedeutend desavouiert.

Am Schluss seines Gesprächs mit Herrn Broder vom »Spiegel« haut Brandmüller noch einmal auf die Pauke, indem er die Überlegenheit des Gottesglaubens mit einem ganz einfachen Vergleich evident zu machen versucht: „Wenn ein Mensch nicht mehr an Gott glaubt, glaubt er nicht an nichts, er glaubt an alles Mögliche.“ Das ist nicht bloß ein Diktum des Vatikan-Theologen und –Historikers Brandmüller, so rieselt es von Hunderten von theologischen Lehrstühlen in der ganzen Welt auf die Köpfe der Priesteramtskandidaten und der künftigen Religionslehrer unentwegt herab.

Trotzdem ist daran so ziemlich alles falsch. Es ist doch nicht so, dass ein Mensch, der an den Kirchen-Gott glaubt, deshalb an gar nichts anderes mehr glaubt. Der glaubt an noch viel mehr Dinge als der nicht an diesen Gott Glaubende, er glaubt an Engel, Dämonen und Teufel, an Hölle und Fegefeuer, an den Ablass zur Verminderung der Fegefeuerqualen und ihrer zeitlichen Ausdehnung, an die Wundertätigkeit von Heiligenbildern und –skulpturen, an den Segen von Wallfahrten und Fronleichnamsprozessionen, an die magische Kraft der Sündenvergebung durch den Priester im Sakrament der Beichte, überhaupt an die gnadenhafte Wirkung von Sakramenten und Sakramentalien, an die Bannung böser Geister durch die Besprengung mit Weihwasser, an Exorzismen als Methode zur Heilung Besessener usw. usf. Die Kirche selbst begnügt sich doch keineswegs damit, die Gläubigen nur zum Glauben an Gott zu verpflichten. Die haben bei Strafe der Todsünde noch an Jesus Christus, Maria als jungfräuliche Muttergottes, an die Apostel und Heiligen, an die Dogmen und Sakramente zu glauben und den lehramtlichen Aussagen der Päpste und Konzilien Glauben zu schenken. Ein einigermaßen vernünftiger Mensch, der nicht oder nicht mehr an den Kirchen-Gott glaubt, kann beim besten Willen gar nicht an so viele Dinge, an so viel Mögliches und Unmögliches glauben wie einer, der im Sinne der Kirche und kirchlichen Theologie an Gott glaubt.

Damit löst sich das Argument des Vatikan-Theologen und –Historikers Brandmüller und seiner Kollegen auf vielen theologischen Lehrstühlen in nichts auf, ja es wendet sich direkt gegen sie.

Zugegeben, wir haben hier ziemlich weit ausgeholt. Aber damit sollte ausführlich und unwiderlegbar demonstriert werden, was für ein kompletter Unsinn es ist, die Theologie an den der Wissenschaft gewidmeten staatlichen Universitäten zu belassen und sie auch noch durch den Staat auf unsere Kosten zu bezahlen.

Der Staat zahlt aber noch viel mehr. Er zahlt auch für den Konfessionsunterricht, genannt Religionsunterricht, an den staatlichen Schulen, und zwar die gewaltige Summe von etwa zwei Milliarden und 450 Millionen Euro pro Jahr, obwohl sich hier die Misere der Theologie und theologischen Fakultäten wiederholt, sowohl inhaltlich bezüglich der Irrationalität der Glaubensinhalte als auch strukturell in Bezug auf den Dualismus eines katholisch und eines evangelisch gelehrten „christlichen“ Religionsunterrichts. Kopf und Gemüt der Kinder und Jugendlichen können da nur verwirrt werden, wenn jede der Konfessionen »ihre« Wahrheit lehrt und diese als einzig christliche hinstellt. Doch viele Religionslehrer stellen ja inzwischen die Wahrheitsfrage zurück. Aber dann stellt sich um so dringlicher die Frage: Wozu ein zweigleisiger Religionsunterricht, für den der Staat doppelt zahlen muss? Die einzige rationale Lösung wäre ein Ethik- und Religionskunde-Unterricht für alle Schüler, unabhängig von Religion und Konfession. Aber dagegen laufen die Kirchen Sturm, und der Staat knickt ein, außer in Berlin, wo es dem Senat gelang, diesen Unterricht als Pflichtfach trotz heftigster Proteste und Prozesse der Kirchen endlich durchzudrücken.

Der Ratzinger-Papst lamentiert ja immer wieder über den um sich greifenden praktischen Materialismus der Menschen als ärgsten Feind der Entwicklung von Geistigkeit und Spirtualität. Dass seine Kirche mehr als alle anderen in diesen Materialismus verstrickt ist, sagt er nicht. Was wäre das doch für ein Großereignis echter Spiritualität und Materialismusüberwindung geworden, wenn der nach Deutschland, genauer nach Bayern gekommene Papst erklärt hätte: „Lieber Staat, liebes Bayern, wir haben Geld genug, werft es nicht mehr in unseren Rachen, wie Ihr es seit Jahrhunderten getan habt, sondern gebt es den Armen, den Obdachlosen, den sozial Schwachen, den Hartz IV-Empfängern oder auch den Menschen in den wirtschaftlich unterentwickelten Ländern“. Das wäre praktizierte Spiritualität und Religiosität gewesen. In jedem anderen Fall ist Religion nämlich wirklich »Opium des Volks« (Karl Marx).

In Zukunft sollte man die Kirche, ihre Ratzingers, Lehmanns, Hubers et cetera nicht mehr an ihren heuchlerischen Worten der Liebe und des Mitleids für die Armen, sondern nur noch am einzig echten Kriterium messen, der Frage der Bereitschaft zum Verzicht auf ihre einzigartigen finanziellen Privilegien im Kirchenstaat Deutschland.

Der doch laut den Lobpreisungen der Medien vom Oberscharfmacher im Vatikan zum liebend-gütigen Vater der Menschheit mutierte Ratzinger-Papst muss sich also die ganz konkrete Frage gefallen lassen, ob er weiterhin die milliardenschweren Subventionen des Staates an die Kirchen gutheißen und zusammen mit der evangelischen Kirche einstreichen will; ob er weiterhin daran festhält, dass die Kirche von Körperschaftssteuern, Vermögenssteuern, Grundsteuern, Zinsabschlagssteuern, Kapitalertragssteuern und der Umsatzsteuer befreit bleibt, wodurch der Staat und damit der Bürger – zusammen mit der Absetzbarkeit der Kirchensteuer – auf 6,25 Milliarden Euro zugunsten der Kirchen verzichtet; ob er weiterhin die materialistische Schamlosigkeit seiner Kirche mitverantworten will, die darin besteht, an den direkten Subventionen des Staates für Denkmalpflege, Militärseelsorge, für Zuschüsse an Missionswerke, Orden, Medien, Kirchentage, Bauwerke, für den konfessionsgespaltenen Religionsunterricht und die theologischen Fakultäten festzuhalten: Summa summarum weitere 7,9 Milliarden Euro, die im Schlund der Kirche verschwinden! Eine so fette, vom Staat gemästete Kirche kann nämlich trotz aller schönen Predigten und »Worte zum Sonntag« keinerlei Spiritualität entwickeln, geschweige denn ausstrahlen.

Weitere Frage an den Ratzinger-Papst: Will er weiterhin die „soziale“ Lüge der Kirche aufrechterhalten? In der obigen Summe von 14,15 Milliarden Euro (6,254 Mrd. Euro + 7,9 Mrd. Euro) sind nämlich die staatlichen Subventionen für kirchliche Altenheime, Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen u.ä. noch nicht einmal enthalten. Denn der Staat finanziert auch noch diese Einrichtungen mit weiteren ca. 10 Milliarden Euro im Jahr, also zu weit über 90 % der Gesamtkosten dieser Institute. Der oft gehörte Spruch »Aber die Kirche tut doch so viel Gutes« basiert auf krassem Unwissen. In Wirklichkeit zahlt weit überwiegend der Staat, d.h. letztlich immer der Bürger. „Von der Volkssteuer bezahlt die Kirche einen großen Teil ihrer Einrichtungen, sie greift selten in die eigene Tasche“. Und wird etwa ein neuer Kindergarten gebaut, trägt zwar der Staat 2/3 der Kosten, aber die Kirche gilt als alleiniger Eigentümer. „Und sie missachtet die Grundrechte, z.B. das normale Arbeitsrecht.“ Heiratet z.B. eine Angestellt einer kirchlichen Sozialeinrichtung einen geschiedenen Partner, wird sie entlassen. Bei den vielen in Kirchenbesitz befindlichen Sozialeinrichtungen hat ein Arbeit Suchender, der nicht Kirchenmitglied ist, keinerlei Anstellungschancen, obwohl doch der Staat und die Bürger, damit auch er, diese Einrichtungen zum größten Teil finanzieren. Die Kirche als Staat im Staat hat ihre eigenen Gesetze, die häufig mit den Grundrechten des Menschen nicht übereinstimmen. Aber von der Kirche lässt sich der Staat alles gefallen, jault aber wie ein getretener Hund auf, wenn auch nur der geringste Verdacht des Verstoßes gegen Grundrechte seitens irgendeiner sogenannten Sekte aufkommt. Nichtkirchliche Religionsgemeinschaften haben das Grundrecht der Religionsfreiheit und das Antidiskriminierungsgesetz strengstens zu beachten, Kirchen brauchen sich darum kaum zu kümmern. Wo bleibt da das Gerechtigkeitsgefühl des obersten, d.h. päpstlichen Richters der Moral, der eben diese Doppelmoral anprangern und abstellen müsste.

Ein bekannter Autor spricht sogar von „der neuesten Übung von Klerikern, Konfessionslose, die ihre Kinder in Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft schicken, als >Parasiten< zu bezeichnen.“ Dabei ist oft in der betreffenden Gemeinde kein anderer Kindergarten vorhanden, vor allem aber finanzieren ja die Konfessionslosen im Rahmen der staatlichen Zahlungen für kirchliche Kindergärten diese mit, so dass der Parasitenvorwurf wie ein Bumerang auf die Klerikalen zurückschlägt. Wer in der Bundesrepublik wirklich in Milliardenhöhe von den Steuerleistungen anderer profitiert, ist die Kirche. Wer aber kirchliche Sozialeinrichtungen, Theologenausbildung, kirchlichen Religionsunterricht und die Militärseelsorge mitfinanziert, sind die Konfessionslosen. Wer also sind die wirklichen Parasiten, die wahren Schmarotzer?

Otto Normalverbraucher mit seinem Irrglauben an die selbstlose karitative Tätigkeit der Kirche weiß auch nicht, dass Caritas und Diakonie in Deutschland der zweitgrößte Konzern nach Daimler-Chrysler sind, also größer als Telekom, Post und Bahn zusammen, dass die römisch-katholische Kirche „die größte nichtstaatliche Grundbesitzerin in der Bundesrepublik ist und die Kirchen in der ehemaligen DDR über alle Enteignungen hinweg einen Besitz an Agrar- und Waldfläche behielten, der gut und gern der Größe eines westdeutschen Bundeslandes entsprach“; dass die Zinsgewinne der beiden Großkirchen in Deutschland sich jährlich auf über eine Milliarde Euro belaufen. Es wäre demnach nicht einmal eine große spirtuell-ethische Tat, wenn Ratzinger und seine offiziellen Vertreter in Deutschland angesichts dieses gewaltigen Kirchenvermögens auf alle staatlichen Zuwendungen verzichteten, wo sie doch gerade in diesem Moment an ihre Schäfchen verstärkt appellieren, die an den Geldbeutel der Bürger gehenden Steuerreformen des Staates in „christlichem Gehorsam“ zu akzeptieren.

Stattdessen aber hat die Kirche unter tätiger Mithilfe des Professors Ratzinger, des Münchener Erzbischofs Ratzinger und des Ratzinger-Papstes – genau im Rahmen dieser drei Phasen seiner Tätigkeit, die immer mehr intensiviert wurde – ihre „wunderbare Partnerschaft“ mit dem Staat derart institutionalisiert, dass es diesem immer schwerer fallen muss, aus den Fesseln der Kirche herauszufinden. „Allein ein – vorläufiges – Verzeichnis der institutionalisierten Mitwirkungsrechte der Großkirchen im staatlichen Bereich umfasst 17 Druckseiten. Es verwundert unter diesen Umständen nicht, dass die längst ihres Fußvolks entleerten Minderheits-Kirchen noch dieselben Privilegien wie vor Jahrzehnten von Seiten unseres Staates beanspruchen, als habe sich nichts Wesentliches zu ihren Ungunsten geändert. Die Willfährigkeit der Parteipolitiker lädt gerade zu einem solchen Vorgehen ein ... Gingen die Kirchen in Geldangelegenheiten von der Zahl der praktizierenden Gläubigen aus, wären ihre Organisationen pleite. Nur die statistische Unehrlichkeit, von Bedenken gegen die Rechnung mit der (längst nicht mehr existierenden) Volkskirche zu schweigen, erhält die Großkirche hierzulande überlebensfähig.“

Auch wenn der Autor der eben zitierten Aussage vermutet, dass nicht wenige Kirchenvertreter „mit Vorsatz handeln und bewusst alle Karteileichen ihrer Organisation mit ins politische Kalkül einbeziehen“, um große Zahlen ins Feld zu führen, mit denen sie Vorteile gegenüber anderen Organisationen und Gruppierungen herausschlagen können, haben sie vom Staat her nichts zu befürchten. Ratzinger alias Benedikt XVI. beweist dies geradezu mega-konkret. Bei seiner Wallfahrt nach Bayern kamen die Herren des Staates in derart überwältigender Anzahl angepilgert, dass auch der leiseste Hauch einer Möglichkeit, diese Herren könnten doch einmal an den Versuch einer sauberen Trennung von Staat und Kirche und einer Reduzierung der milliardenschweren Zahlungen an diese denken, allsogleich vom Winde verweht wurde.

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber, sonst gewohnt, dass man selbstverständlich auf ihn wartet, harrte geduldig, fast demütig still auf dem Sportplatz von Altötting aus, um den per Hubschrauber von München her einfliegenden Papst (»vom Himmel hoch da komm‘ ich her«) freudestrahlend zu begrüßen. Ein „wunderbares“ Symbol der einträchtigen und wenigstens für die Kirche einträglichen Partnerschaft von Kirche und Staat war dann die Art, wie man die Honoratiorenblöcke A + B angeordnet und aufeinander abgestimmt hatte. Block A bildete natürlich die Kirche: Drei Dutzend Kardinäle, Bischöfe, Erz- und Weihbischöfe, Block B der Staat, repräsentiert durch Stoiber und drei bayerische Landesminister, den Landtagspräsidenten, aber auch den Bundesverteidigungsminister und den Generalinspekteur der Bundeswehr. Und auch Ratzingers heimliche Liebe, die Adligen, durften natürlich nicht fehlen, allen voran Herzog Franz von Bayern; auf 63 Stühlen hatte sich praktisch das ganze Haus Wittelsbach breitgemacht (Reihe 6 – 9); zwei weitere Reihen waren für den weniger prominenten Adel reserviert. Das Volk durfte stehen, gaffen und ehrfürchtig bewundern!

Und auch in Marktl am Inn, wo der Papst vorher war, hatten die Behörden dafür gesorgt, dass Ehrfurcht herrschte. Nur 2.150 Personen ließen die Behörden auf dem Marktplatz zu, darunter natürlich Fürstin Gloria von Thurn und Taxis und den kleinen Mann, der uns die Renten „so sicher“ machte: Norbert Blüm, der einst bei Ratzinger Theologie studierte und jetzt sein hochkarätiges Ruhegehalt genießt; daneben aber war auch Halbprominenz zu sehen, etwa der Bruder von Thomas Gottschalk, der selbst sicher auch gern gekommen wäre, wo er doch eine katholische Journalistenschule besucht hat. Man weiß ja, wem man etwas verdankt, und Wohlverhalten gegenüber der Kirche bringt doch jedermanns Karriere in Deutschland weiter!
Soweit ich sehe, hat nur ein einziger Theologe die total unchristliche, dem Geist des Meisters absolut widersprechende Vermengung von Staatlichem und Kirchlichem beim Bayernbesuch des Papstes beanstandet: Michael Plathow, der Leiter des Konfessionskundlichen Instituts in Bensheim. Dass sich der Papst als Kirchen- und Staatsoberhaupt zugleich feiern lasse, sei „Ausdruck einer Vermischung von geistlichem und weltlichem Regiment.“

Das kümmert allerdings unsere Politiker nicht die Bohne. Im Gegenteil: Als die Münchner SPD-Vizechefin Adelheid Rupp zu einer Anti-Papst-Demo aufrief, wurde das als Beleidigung eines Kirchen- und Staatsoberhaupts sowie als Verstoß gegen die Gastfreundschaft einem solch hohen Gast gegenüber angeprangert. Christian Ude (SPD), Münchens Oberbürgermeister, packte sofort die schärfste Waffe in solchen Fällen, die Sektenkeule, aus, denn man könne zwar sehr wohl gegen Diskriminierung in der Kirche und für Gleichberechtigung kämpfen, müsse deshalb aber doch nicht „das Oberhaupt einer Weltkirche kränken und sich dabei in eine sektiererische Außenseiterposition begeben.“

Merke: Nicht nur in der Sicht der evangelischen und der katholischen Staatskirche in Deutschland, auch in der Sicht zumindest der Politiker der CDU/CSU und SPD ist jede von den Auffassungen dieser Kirchen abweichende Position sektiererisch und dégoutant, mit einem negativen Vorzeichen behaftet. Ude ging sogar noch weiter. Er deutete solche Abweichungen geradezu als diametralen Gegensatz zur Position der SPD. Er bestehe deshalb darauf, „dass nun geklärt werden müsse, wer im Namen der SPD etwas fordern dürfe, was im diametralen Gegensatz zu unserer ansonsten guten Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche steht“. Ein solches „eigenmächtiges Vorpreschen“ müsse unterbunden werden. „Wir müssen klären, wer darf im Alleingang wie viel Porzellan zerschlagen.“ Bravo, Herr Ude, das ist ergeben und unterwürfig genug! Das wird dem Papst als Entschuldigung für das Vorgehen der Münchner SPD-Vizechefin genügen.

Mit seiner Empörung ob der vermeintlichen Provokation von Papst und Kirche stand der Münchner Oberbürgermeister natürlich nicht allein. Die ganze Polit-Klase bellte mit. Der Münchner SPD-Chef Franz Maget beeilte sich von Italien her, wo er gerade weilte, zu versichern, dass „der Papst uns in München herzlich willkommen ist“, dass „aus einer christlich-religiösen Überzeugung heraus eine große Freude“ über den Papstbesuch in München herrsche.CSU-Fraktionschef Hans Podiuk bedauerte, „dass sich eine SPD-Politikerin zu einer Schmähkritik hinreißen ließ, die alle Regeln der Gastfreundschaft verletzt.“ Der CSU-Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer machte seinem Namen alle Ehre und hämmerte, es sei geradezu „bizarr“, dass eine SPD-Politikerin den Papst „mit einer Demonstration willkommen heißen“ wolle. Dem Mann kam nicht mal in den Sinn, dass das Gegenteil bizarr ist, indem Politiker der SPD und CSU einen geistlichen Diktator, den mit allen diktatorischen, absoluten Vollmachten ausgestatteten Herrn über eine Milliarde Schafe, überschwänglich begrüßen und feiern bzw. sich bei ihm devot entschuldigen. Kein Zweifel, in München und ganz Bayern braucht Ratzinger keine kirchlichen Hintermänner mehr, um den Forderungen der Kirche gegenüber dem Staat Nachdruck zu verleihen. Hier machen die Politiker selber in vorauseilendem Gehorsam die Sache der Kirche!

Mit den devoten Politikern konnte also der Ratzinger-Papst bei seinem Besuch in Bayern zufrieden sein, nicht nur in München, sondern auch in Altötting, wo er sich denn auch nach der ganzen Politiker-Schwärmerei für ihn entspannt und erfreut ins Kapuziner-Kloster (Konvent St. Magdalena) zurückziehen konnte, um sich dort derb-bajuwarisch, keineswegs spirituell, Schweinebraten mit Semmelknödeln servieren und munden zu lassen. Die Kapuziner, Jünger des hl. Franz von Assisi wie die Franziskaner, aber von angeblich strengerer Observanz, behaupten zwar, dem Vorbild dieses Heiligen radikaler nachzufolgen als diese, halten jedoch von dessen Liebe zu den Tieren und seiner Ablehnung der Tiertötung und des Fleischgenusses rein gar nichts; ebenso wenig wie Ratzinger selbst und die 2000 geladenen Gäste, die sich den Braten zusammen mit einem Silvaner bzw. einem Rotwein, geliefert aus dem Weingut Johann Ruck in Iphofen, schmecken ließen. Was ein waschechter bayerischer Katholik ist, und als solcher fühlt sich Ratzinger (deswegen wollte er auch bei seinem zweiten Besuch nicht mehr nach Deutschland, sondern nur noch nach Bayern), der weiß genau, dass Gott die gesamte Natur nur für ihn, zu seinem Nutzen und Genuss, geschaffen hat. Wir erinnern uns an die schon zitierte Aussage Ratzingers, wonach dem Hasen oder Schwein gar nichts Besseres passieren könne als vom Menschen gejagt, geschlachtet und gegessen zu werden, denn damit erfüllten sie ihren ganzen Daseinszweck. Das ist theologische Anthropozentrik, nein: Egozentrik pur!

Nach Bayern, und besonders ins oberbayerische Altötting, das katholische Herz Bayerns, wollte der Papst aber nicht nur wegen seiner Heimatliebe und um die Kontakte zu den Regierenden noch zu verstärken, sondern weil dieser im Grunde stockkonservative und keineswegs so rationale Mensch hier genau das vorfindet, was für ihn typisch katholisch ist: die Wallfahrten und Prozessionen, das Pilgern zur „wundertätigen“ Madonna, der jungfräulichen Muttergottes Maria (die war zwar in der Realität keine Jungfrau – laut Evangelium bemerkte Josef, ihr Verlobter, dass sie schwanger war, ohne dass er sich das erklären konnte; die Zeugung durch den Hl. Geist hat man später nachgereicht -, und sie war auch nicht die Mutter Gottes, weil Jesus, wenn er denn gelebt hat, ein Mensch, kein Gott war; es sei denn, man kehrt zu den heidnischen Mythen zurück, wonach vor dem männlichen Vater-Gott die mütterliche Urmaterie liegt, aus der erst Götter und Menschen entstanden seien).

Schon als kleiner Bub pilgerte Ratzinger mit seinen Eltern und Geschwistern zum »Gnadenort« Altötting, was, wie er schreibt, zu seinen „frühesten und schönsten Erinnerungen“ gehöre. „Der stärkste Eindruck war natürlich die Gnadenkapelle, ihr geheimnisvolles Dunkel, die kostbar gekleidete schwarze Madonna, umgeben von Weihegeschenken, das stille Beten vieler Menschen, dazu dann der Umgang, in dem die Menschen ihr Kreuz sichtbar tragen.“ Das schreibt Ratzinger in einem Beitrag für einen Altöttinger Stadtführer und merkt offenbar nicht, wie sehr seine Beschreibung der Schilderung heidnischer Wallfahrten in vorchristlicher Zeit oder nichtchristlichen Regionen entspricht, wobei ja auch diese Wallfahrten oft die »Große Mutter« zum zentralen Gegenstand und Zielpunkt hatten.

Einen Unterschied allerdings gibt es, und der ist makaber: Die heidnischen Pilger trugen keine Kreuze vor sich her, diese Symbole der grausamen Tötung eines Menschen, die trotzdem das Markenzeichen des Kirchenchristentums wurden, weil dieses lieber das Leid, den Schmerz, die Schuld predigte als die Auferstehung. Aber Ratzinger gefällt genau dies: das sichtbare Tragen des Kreuzes, das ja auch die Bischöfe, freilich vergoldet, auf der Brust tragen. Das reale Tragen der Kreuze des Lebens überlassen sie allerdings dann lieber den Armen und Unterdrückten dieser Erde. Aber hier gibt es doch wenigstens eine ökumenisch gleiche Grundgesinnung zwischen Ratzinger und Luther, dem Papst der Protestanten, denn auch letzterer hielt ja das Kreuz für das unterscheidend christliche Erkennungszeichen: „Leiden, leiden, Kreuz, Kreuz“, so Luther, „ist der Christen Recht, das und gar nichts anderes ... Ein Christ lässt jeden rauben, nehmen, drücken, schinden, schaben, fressen und toben, wer nur will; denn er ist ein Märtyrer.“ Und da reden die evangelisch-lutherischen Bischöfe ständig von den Grund- und Menschenrechten, die Staat und Gesellschaft ihrer Art von Christentum verdankten!

In Regensburg an der Uni verkündet Papst Benedikt die Rationalität des Glaubens, in Altötting die irrationale Marienfrömmigkeit. Die Kirche will eben immer allen alles sein: den Gebildeten suggeriert sie den Gott der Vernunft und die Vernünftigkeit des Glaubens, den »Armen im Geiste« predigt sie die Demut der »Magd des Herrn«. Die »Zwei-Klassen-Theologie« - da steht Ratzinger in guter Tradition – bringt man ja schon den Priesteramtskandidaten im Seminar bei.

In Altötting also, wohin sich kein säkularisierter Intellektueller, mit dem man auf Augenhöhe diskutieren müsste, verirrt, kann Ratzinger den Leuten eine neue, ganz schlichte Marienfrömmigkeit offerieren. Maria habe uns gelehrt, „nicht unseren Willen und unsere Wünsche Gott gegenüber durchsetzen zu wollen, sondern ihm zu überlassen, was er tun wird“, sie habe dem Herrn stets als gehorsame Magd gedient, habe sich seiner „Macht, die über menschliches Können und Vermögen hinausgeht“, vertrauensvoll unterworfen. Das ist vor allem ein deutliches Signal an die organisierte katholische Frauenwelt, der er ja den Wunsch einer Begegnung mit ihm während seiner Bayernreise abgeschlagen hat. Sie sollen dienen und nicht Priesterinnen und Diakoninnen spielen wollen, denn in der Stimme der Päpste, die das verbieten, komme der Wille Gottes und das Vorbild Marias zum Ausdruck. Also: Jede Frau sei die „demütige Magd des Herrn“.

Der Ratzinger-Papst verkündet hier nicht nur Theologisch-Theoretisches, er hat es auch ganz praktisch stets so gehandhabt. Frauen waren in Ratzingers praktischem Umgang mit ihnen nie gleichwertig, höhere Funktionen und Aufgaben teilte er stets nur Männern zu. „Selbst geniale weibliche Köpfe verwandelt er in Hausdamen, die sich unsichtbar machen. Seine kunstsinnige Schwester gab ihre gut dotierte Stellung als Chefsekretärin auf, um den Professor Ratzinger in Münster zu umsorgen. In der Todesanzeige rühmte er ihr nach, sie habe ihm ‚in unermüdlicher Hingebung und mit großer Güte und Demut gedient‘. Und die Hamburger Dozentin für Viola da Gamba Ingrid Stampa vertauschte ihren Hochschuljob aus lauter Begeisterung für den Kurienkardinal mit der Position einer Haushälterin.“ Obendrein hat Benedikt noch ein paar Nonnen, die ihm die Wäsche bügeln und seine Gewänder und Schuhe putzen dürfen. Sie alle sind eben »Mägde des Herrn«! Ob all die Damen dabei auf die Dauer glücklich sind oder werden, danach fragt sie Seine Heiligkeit sicher nicht, denn Glück ist ja eine zu weltliche Kategorie, um im Begriffskatalog der katholischen Theologie oder in der Mentalität von Kirchenfürsten, vor allem wenn es um das Glück anderer geht, irgendeine Rolle zu spielen. „Jede Religion, die Männern mehr Rechte bzw. Würde einräumt als Frauen, ist für die weltweiten Menschenrechtsverletzungen gegenüber Frauen mitverantwortlich. Unsere römisch-katholische Kirche gehört leider immer noch dazu“, schreibt eine der über 200 Frauen und Männer, die im September 2006 einen »Kirchenvolksbrief« an den Papst gerichtet haben. Eine Antwort vom Papst höchstpersönlich werden sie nicht erhalten. Allerhöchstens eine von Ratzinger-Adlatus Georg Gänswein, etwa dergestelt: „Seine Heiligkeit hat Ihren Brief mit großer Aufmerksamkeit gelesen und dankt dafür. Leider erlauben es ihm seine vielfältigen Amtsgeschäfte nicht, näher darauf einzugehen.“
Der schöne Georg vermittelt ja auch sonst gern im Auftrag seines Chefs. Wer hätte auch gedacht, dass der vermeintlich so rationale, in abstrakt-theologischen Höhen schwebende Ratzinger-Papst seinen Sekretär eigens beauftragen würde, dafür Sorge zu tragen, dass ihm der Altöttinger »Liebfrauenbote«, diese provinzielle katholische Wochenschrift, unbedingt regelmäßig zugestellt werde, weil Benedikt „untröstlich sei, dass der >Bote< nicht regelmäßig bei ihm ankomme, sondern immer wieder in den Weiten des vatikanischen Bürobetriebs versande“, wo er, der Papst, doch „nie ein Hehl daraus gemacht hat, dass er den >Liebfrauenboten< gerne und mit Gewinn liest.“ Klar doch, denn welche Zeitung oder Zeitschrift mit überregionalem Anspruch befasst sich heute noch intensiv und umfänglich mit der total irrationalen, der historischen Sachlage zuwiderlaufenden Marienfrömmigkeit, die aber Päpste wie Pius XII. (mit seinem Dogma der Aufnahme Mariens in den Himmel), den Maria-Erotiker Johannes Paul II. und eben den »Liebfrauenbote«-Leser Benedikt als »marianisches Trio« brüderlich vereint.

Also wendet sich Gänswein an Peter Becker, den Chefredakteur persönlich, er möge doch den »Liebfrauenboten« der Zustellsicherheit halber nicht an die Adresse des Vatikans, sondern an Gänswein direkt schicken, denn von dem bekomme Ratzinger das Blättchen garantiert überreicht. Natürlich wird Becker jetzt nicht mehr müde, immer wieder über die Ehre zu erzählen, die ihm zuteil wurde, als des Papstes Sekretär höchstpersönlich bei ihm im kleinen Altötting in dieser Sache anrief. Aus solchen Dankbarkeiten erbaut sich ein felsenfester Glaube!

Wahrscheinlich wird der Papst den »Liebfrauenboten« auch deshalb gern lesen, weil er durch ihn immer wieder mal etwas über die Leute erfährt, die er am sympathischsten findet, die seinem Herzen am nächsten stehen, nämlich die „Katholiken der strengen Observanz, Glaubensbündler und latent sektiererische Gruppierungen“, auf die der Wallfahrtsort Altötting „eine starke Anziehung ausübt“. Merke: Ratzinger hasst nur die nichtkirchlichen Sekten. Gegen die hat er ja jüngst einen neuen, sie systematisch bekämpfenden Lehrstuhl in Rom errichtet. Innerkirchliche Sekten, die dem Papst kritiklos treu sind, dürfen sich dagegen seines höchsten Wohlwollens und Wohlgefallens erfreuen, vor allem das »Opus Dei«, aber auch die vielen »Herz Jesu«- und »Herz Mariä«-Sekten.

Auch sonst reist unser „Vernunft“-Theologe wie schon sein Vorgänger auf dem Papstthron gern zu Orten der Irrationalität, zu Zentren des Aberglaubens und der Wundergläubigkeit, nicht bloß also nach Altötting, auch z.B. nach Tschenstochau zur Schwarzen Madonna, der „Königin Polens“, oder vor Altötting noch schnell nach Manoppello, zum „Schweißtuch Christi“. Dabei treibt ihn nicht bloß seine eigene irrationale Marien- und Christusfrömmigkeit, sondern auch die strategische Überlegung, dass „das Wunder des Glaubens liebstes Kind ist“ (Goethe), dass also den Massen die Dogmen der Kirche sch...egal sind, sie aber durch das allergeringste Anzeichen eines Wunders oder auch nur eines Gnadenerweises magisch angezogen, elektrisiert und mobilisiert werden und natürlich auch die Kassen der Kirche an den Wallfahrtsorten entsprechend ausgiebig füllen. Da müssen alle rationalen Bedenken des doch sonst vor der Weltöffentlichkeit stets vernünftig erscheinen wollenden Ratzingers eben zurückgestellt werden.

Die Papstverherrlicher unter den Intellektuellen rätselten, warum „der als nüchterner Denker bekannte Papst Benedikt XVI“ im italienischen Abruzzendorf Manoppello vor einem Tuch knien und beten müsse, das das Gesicht Jesu zeigen soll. So »Der Spiegel«. Aber auch die in ihrer Papsttreue nicht zu erschütternde »FAZ« fragt zaghaft: „Wie kommt’s, dass der Intellektuelle auf dem Papstthron jetzt zu diesem Linnen reist?“ Ein doch „auf Vernunft pochender Büchermensch“! „Muss“ denn, so fragt noch einmal fast schon verzweifelt »Der Spiegel«, „Benedikt wirklich diese Wallfahrt machen?“

Die Brüder von der schreibenden Zunft können es sich nicht erklären. Sie haben halt dem Papst das Image des nüchtern-rationalen Intellektuellen verliehen und stehen jetzt vor einem Scherbenhaufen. Zwei Dinge sind es, die sie nicht kapiert haben: zum ersten, dass dieser Papst keineswegs so rational ist wie sie meinen, dass ein Mann der Kirche, wie intelligent er sonst auch sei, überhaupt nie ganz und wirklich rational sein kann; zum zweiten, dass der Katholizismus im wesentlichen und in der Hauptsache eine primitive, niedrige Massenreligion ist; und die hat den Reliquienkult absolut nötig, sonst kann sie die Massen nicht an der Stange halten. Die Massen wollen Sinnliches, Sichtbares, Berührbares, Greifbares. Die Kirche liefert es bedenkenlos, indem sie vermeintliche Reliquien (Überbleibsel) von Christus, Maria und anderen Heiligen produziert und multipliziert. Eine wahre Reliquienindustrie, die immer wieder die wundersamsten Blüten treibt.

Aus den obigen zwei Gründen pilgert eben auch ein Ratzinger-Papst zu „heiligen“ Reliquien. Die Wahrheitsfrage, ob diese Reliquien echt seien, ob etwa das Schweißtuch Christi in Manoppello eine Fälschung darstellt, spielt da gar keine Rolle. Da hat auch Benedikt wie alle seine Vorgänger einen gar nicht rationalen, sondern ganz und gar pragmatischen Wahrheitsbegriff: »Wahr ist, was die Massen anzieht und uns Macht über sie verleiht!« Trotzdem fragt z.B. »Der Spiegel« in aller Einfalt: „Ist es das Schweißtuch Christi oder eine Fälschung?“ Heilige Naivität, kann man da nur sagen: Da soll (1. Hypothese) eine Frau namens Veronika Jesus auf seinem Leidensweg durch Jerusalem ein Tuch gereicht haben, auf dem sich sein Gesicht abgezeichnet habe; dann soll sich (2. Hypothese) das Tuch über vierhundert Jahre (!) gewissermaßen unsichtbar gemacht haben, bis es (3. Hypothese) nach diesem langen Zeitraum in wunderbarer Weise gefunden wird und (4. Hypothese) erst im Jahr 1506 in Manoppello landet, sich aber (5. Hypothese) gleichsam vervielfacht hat, weil es inzwischen zwanzig solcher Gesichtstücher Christ auf der Welt geben soll, eines auch im Petersdom, in einer Säule am Papstaltar. Jetzt ist »Spiegel Online« schon ganz durcheinander: „Kann das Tuch (noch) echt sein? ... Der Vatikan hat also das Tuch – das Dorf Manoppello hat es aber anscheinend auch, sonst wäre der Papst doch nicht hingefahren.“ Des Rätsels einfache Lösung: „Nachdem von einer gläubigen Menge die Nachfrage da war, hat man natürlich auch das Angebot vergrößert. Es gibt nicht nur zwei solche Tücher, es gibt eine ganze Menge ... Das weiß auch der Papst. Aber der Papst weiß auch, dass er für seine Klientel etwas machen muss. Das ist mit seinem Amt verbunden ... und Klientel ist Klientel.“

Aber Ratzinger wäre nicht Ratzinger, wenn er eine solch grobe, massendienliche Veranstaltung nicht ideologisch-religiös überhöhen, „sublimieren“ würde, damit ihr pragmatisch-utilitaristischer Zweck nicht so krass heraussticht. Also berichtet ein anderes Magazin ganz beglückt, dass „Benedikt XVI. im italienischen Berg-dorf Manoppello bewegt vor dem ‚Schweißtuch der Veronika‘ kniete“ und dass „der deutsche Journalist Paul Badde, Autor eines Bandes über ‚Das göttliche Gesicht‘, sich an einen ‚zutiefst glücklichen‘ Papst erinnert“ und an dessen Worte: „Wir suchen gemeinsam nach dem Antlitz des Herrn“.Dann sucht mal schön! Denn auch in Turin auf dem berühmten Turiner Grabtuch gibt es ja ein »Gesicht des Herrn«, von dem kirchliche Apologeten schon wieder behaupten, es sei mit dem Manoppello-Gesicht des Herrn deckungsgleich. Müssen sie auch, sonst hätten sie schon wieder einen Erklärungsnotstand. Aber komisch bleibt es schon, dass Ober-Apologet Ratzinger als „Grund für seinen Besuch“ Manoppellos angibt: „Damit wir zusammen versuchen können, das Gesicht unseres Herrn besser kennenzulernen, damit wir darin Stärke in Liebe und Frieden finden können, die uns den Weg zeigen kann“. Armseliger Glaube, armselige Spiritualität, die nach Manoppello pilgern müssen, um das Gesicht unseres Herrn besser kennenzulernen! Aber das stimmt eben mit dem Faktum überein, dass es den Hierarchen der katholischen Kirche gar nicht um echte, aus dem Innersten kommende Spiritualität geht, sondern nur um Spiritualität als ideologischen Überbau, als verdeckend-verschleierndes Dach über dem eigentlichen Zweck der Anziehung der Menge, der man sich eben an „Gnadenorten“ präsentieren muss, um sie bei Laune und bei der Kirche zu halten.

Das ist der nicht zu leugnende, durch die gesamte Geschichte der Kirche bestätigte Tatbestand in Sachen Wallfahrten, Prozessionen und Reliquienverehrung. Aber den können und wollen papstverherrlichende Intellektuelle nicht akzeptieren. Also sind sie, nachdem sie sich vom »Schock von Manoppello« endlich erholt haben, raffiniert genug, die gekünsteltsten Argumente dafür zu liefern, dass der Papst doch dahin pilgern und dort anbeten musste. Den Vogel schießt da wieder einmal Redakteur Geyer von der »FAZ« ab. Er nennt gleich zwei Gründe. Zum einen: Der so rationale Papst sei tapfer, sei mutig, er „lasse sich nicht erschrecken“, auch nicht von einem irrationalen Wallfahrtsort. Zum anderen: Der Papst wollte „der Vernunft eine Lektion erteilen. Die Vernunft soll bemerken, dass ihr das eine oder andere Bedürfnis entspringt, welches sie nach ihren eigenen Regeln nicht befriedigen kann und das deshalb die römische Kirche unter ihre Obhut nimmt, bevor es anderweitig – dämonisch auftrumpfend – aus dem Ruder läuft.“

Wo bitte, Herr Redakteur Geyer, ist das Pilgern zu Wallfahrts-, Gnaden-, Wunderorten ein Bedürfnis der Vernunft? Die hat im Gegenteil nur das Bedürfnis, den Aberglauben als Aberglauben zu entlarven und seine Hintergründe rational aufzudecken. Sie würde sich gegen das Wunder nicht einmal wehren, wenn es denn Fakt wäre, aber sie hat bisher an diesen kirchlichen Wunderorten keines zweifelsfrei ausmachen können. Aber es gibt eben keinen Blöd- und Unsinn, den sich papsttreue Intellektuelle nicht ausdächten, um ihren Guru reinzuwaschen. Macht sich Herr Geyer klar, was geschieht, wenn die Kirche etwas unter ihre Obhut nimmt? Sie selbst läuft dann dämonisch aus dem Ruder! Ketzer- und Sektenverfolgung, Hexenverbrennung, Bücherindex, Indianervernichtung usw. usw. unter dem Banner Mariens und dem Kreuz Christi beweisen es. Die Wallfahrerei des Papstes Benedikt wie die seines Vorgängers sind nur ein Aspekt und ein weiterer Beweis der Tatsache, dass Papsttum und Kirche eine riesige Macht- und Profitmaximierungsmaschinerie unter dem Deckmantel der Religion sind.

Aber solange unsere führenden Zeitungen und Zeitschriften diesen evidenten, jetzt wieder zum Vorschein gekommenen Tatbestand nicht erkennen wollen und ihn nicht radikal kritisieren, vielmehr einige ihrer Redakteure sich ängstlich und lächerlicherweise mit dem Problem beschäftigen, wie sie dem Papst die Hand küssen sollen, bleibt die deutsche Medienlandschaft in ihrer Papstberichterstattung hoffnungslos im feudalistisch-höfischen Mittelalter stecken.





Anmerkungen

Mehr zu diesem strukturellen Gegensatz bei: H. Mynarek, Verrat an der Botschaft Jesu – Kirche ohne Tabu, Rottweil a. N. 1986 (Verlag Das Wort).
F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Leipzig 1930 (Alfred Kröner Verlag), Kap. „Vom Neuen Götzen“ 51-54.
E. Bloch, Atheismus im Christentum (Bd. 14 der Blochschen Gesamtausgabe, Frankfurt a.M. 1968), 170f, 177, 182; ders., Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt a.M. 1959, Bd. III, 1489-1491, 1402f, 1404. Eine Gesamtdarstellung von Blochs weitverstreuten religions- und kirchenkritischen Aussagen bietet H. Mynarek, Das Gericht der Philosophen, Essen 1997 (Verlag Die Blaue Eule), Teil I, der ausschließlich E. Bloch gewidmet ist.
Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Bd. III, 1492.
E. Bloch, Thomas Müntzer als Theologe der Revolution, (Bd. 2 der Blochschen Gesamtausgabe, Frankfurt a.M. 1969), 148f.
Ebd. 149f, 155.
E. Bloch, Experimentum Mundi (Bd. 15 der Blochschen Gesamtausgabe, Frankfurt a. M. 1975), 206.
Bloch, Atheismus im Christentum 348.
E. Fromm, Die Entwicklung des Christusdogmas, in: ders., Das Christusdogma und andere Essays, München 1984, 24f.
Ebd. 20f.
Ebd. 35f.
Ebd. 38f, 40, 61.
J. Ratzinger, Vorwort zu: Johannes Paul II., Aus der Kraft der Hoffnung leben, in: F. Jona (Hrsg.), Jahreslesebuch, Freiburg 1995, 3f.
Vgl. die im Verlag Das Wort herausgegebene Zusammenstellung der Umweltsünden der Kirche u. d. T. „Der Schattenwelt neue Kleider“, Marktheidenfeld 2006; weitere Aspekte bei H. Mynarek, Mystik und Vernunft, Münster 22001, Kap.: „Die Ökologie und die Machtverflechtungen der Kirche“, 106ff.
H. J. Stehle, Wie ein Ruf in der Wüste, in: G. Denzler (Hrsg.), Das Papsttum in der Diskussion, Regensburg 1974, 196.
Vgl. H. Mynarek, Die Neue Inquisition, Marktheidenfeld 1999 (Verlag Das Weiße Pferd), passim.
K. Schuller, Getroffen, in: »FAZ«, 27.12.2006, 8.
Dazu ausführlich: H. Mynarek, Zwischen Gott und Genossen. Als Priester in Polen, Berlin 1981 (Ullstein Verlag). Das Buch ist vergriffen, wird auch nicht mehr neu aufgelegt (zu heißes Eisen für Ullstein?), ein paar Exemplare sind noch über den Autor beziehbar.
Mehr über den anarchischen, zu Kirche, Gesellschaft und Staat im Gegensatz stehenden Jesus bei: H. Mynarek, Jesus und die Frauen, Schlusskapitel.
Das ganze Gespräch des Großinquisitors mit Christus ist wiedergegeben und kommentiert bei Markus Mynarek, Geistiger Neubeginn oder Werteverfall? Gesellschaft, Politik und Religion auf dem Prüfstand der Ethik, Norderstedt 2003 (Verlag: Books on Demand), Anhang-Kapitel: „Fjodor Dostojewski über Macht – Kirche – Inquisition“, 94ff.
M. Luther, Ein Brief an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührischen Geist, Juli 1524, in: G. Wehr (Hrsg.), Thomas Müntzer, Schriften und Briefe, 1973, 196.
M. Luther, Werke, Bd. VI, 1888, 347.
Dazu ausführlicher: Mynarek, Die Neue Inquisition 106ff.
Nietzsche, a.a.O. 144 (Kap.: „Von großen Ereignissen“).
Nietzsche, a.a.O. 145.
Vgl. „Was kostet uns der Papst?, in: »Mahnmal Aktuell« (www.KirchenOpfer.de), 2/2006, 1f.
Vgl. a.a.O. 2.
Zit. nach »Mahnmal Aktuell«, a.a.O.
Zit. nach R. Müller, Nur mit weißer Weste, in: »Berliner Zeitung«, 19.06. 2006, Nr. 140.
Vgl. »Berliner Zeitung«, a.a.O.
Ebd.
Der Autor des vorliegenden Buches hat in seiner Biografie „Herren und Knechte der Kirche“ seine Erfahrungen mit der bayerischen Justiz niedergelegt. Die Biografie konnte wegen einstweiliger Verfügung des LG und OLG München erst 30 Jahre später erscheinen. Den Herren der Kirche war in allen Punkten entgegengekommen worden („Herren und Knechte der Kirche“, 1. Auflage beim Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 1973; 2. Auflage im Historia Verlag, Ulm 2002. Jetzt nur noch über den Ahriman Verlag, Freiburg, und den Verlag »Das Weiße Pferd«, Marktheidenfeld, beziehbar).
Zit. nach »Berliner Zeitung«, a.a.O.
Zit. nach „Was kostet der Papstbesuch?“ in: Regensburger Wochenblatt, 09.08.2006.
J. Bossenz, Moralische Entlastung, in: »Neues Deutschland«, 03.12.2006.
A. Fleischer, Ein etwas anderer Papstbesuch, in: »Süddeutsche Zeitung«, 18.09.2006.
Moderatorin und Sprecher in der »Panorama«-Fernsehsendung vom 17.10.2002.
Ebd.
Die angegebenen Summen in diesem Absatz: ebd.
Ebd.
Ebd.
„Papst: Mutig der Säkularisierung stellen“, in: »FAZ«, 11.11.2006.
H. Herrmann, Ein unmoralisches Verhältnis, Düsseldorf 1974; ders., Die Kirche und unser Geld. Wie die Hirten ihre Schäfchen ins trockene bringen, München 1992 (Goldmann TB); ders., Kirche, Klerus, Kapital. Hintergründe einer spezifisch deutschen Allianz, Münster 2003.
Broschüre „Spart Euch die Kirche! Eine Dokumentation für Bürger, die nicht ewig weiterzahlen wollen“, Würzburg 2004, 67 (die Broschüre ist erhältlich bei: Initiative „Ein Mahnmal für die Millionen Opfer der Kirche“, Theaterstr. 25, 97070 Würzburg, www.KirchenOpfer.de); vgl. auch die umfängliche Recherche von C. Frerk, Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland, Aschaffenburg 2002, sowie die exakte Analyse von G. Rampp „Kirche und Geld. Die untrennbaren Siamesischen Zwillinge“ in: C. und P. Ramsdorf (Hrsg.), Drahltzieher Gottes, Aschaffenburg 1995.
„Der Gummi-Katechismus“ in: »Der Spiegel« 48/2006.
Ebd.
Ebd.
Ebd.
Vgl. H. Mynarek, Eros und Klerus, Essen 51999; ders., Casanovas in Schwarz, Essen 22001 (beide im Verlag Die Blaue Eule).
»Der Gummi-Katechismus«, a.a.O.
Ein Theologe muss eine ganze Reihe von Bedingungen erfüllen, die mit Wissenschaft nichts zu tun haben, wenn er sich in Theologie habilitieren oder auf eine theologische Professur berufen werden will. Das hängt alles vom Ortsbischof und/oder vom Vatikan ab; siehe dazu ausführlich: Mynarek, Herren und Knechte der Kirche 155ff.
Nach »FAZ«, a.a.O. (s. Anm. 46).
Dazu ausführlich und erfahrungsgesättigt (mit Biografien geschasster Theologen): Mynarek, Herren und Knechte der Kirche 113-294.
Nach »FAZ«, a.a.O.
W. Kinzig, Vorbild für Amerika, in: »FAZ«, 27.10.2006, 43.
H. M. Broder, Unsere Männer im Vatikan, in: »Der Spiegel« 48/2006, 184.
Ausführlicher zu Giordano Bruno: H. Mynarek, Kritker contra Kriecher, Ulm 2005 (Historia Verlag), 21ff. Dort auch die Quellenverweise für die zitierten Stellen.
A. Kaiser, Giordano Bruno, in: K. H. Deschner (Hrsg.), Das Christentum im Urteil seiner Gegner, München 1986, 59.
Giordano Bruno, „Die Kabbala des Pegasus mit der Zugabe des Kyllenischen Esels“.
A. Fölsing, Galileo Galilei – Prozess ohne Ende, München 1983, 14.
Galileo Galilei, Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme, übersetzt von E. Strauß, 1891; reprograph. Nachdruck: Stuttgart 1982, 108.
Fölsing, a.a.O. 17.
Galilei, Brief an die Großherzogin Christine, zit. nach A. Favaro (Hrsg.), Le Opere di Galileo Galilei, Edizione Nazionale, Bd. V, 315. (Nach dem Nachdruck dieser Ausgabe von 1966).
Galilei, Brief an Castelli vom 21.12.1613, zit. nach Favaro, a.a.O. 281f.
Fölsing, a.a.O. 23.
Nach Broder, a.a.O.
Ebd.
Ebd.
Ebd.
Zu diesem Zitat und Jaspers überhaupt: H. Mynarek, Das Gericht der Philosophen, Essen 1997 (Verlag die Blaue Eule), dritter, diesem Philosophen gewidmeter Hauptteil.
Nach Broder, a.a.O.
Vgl. zu dieser Problematik das Buch: Mynarek. Jesus und die Frauen (das eine Darstellung der Gesamtgestalt Jesu enthält, nicht bloß, wie der vom Verlag eingesetzte Titel andeutet, das Verhältnis Jesu zu den Frauen beleuchtet).
Nach Broder, a.a.O.
D. Potzel, »Bürgerbewegung Mehr Geld für den Bürger« (Kurzbroschüre), 6.
Ebd.
H. Herrmann, Die Caritas-Legende, Hamburg 1993, 310, Anm. 254.
Vgl. ebd.
Die Zeitschrift »Mahnmal Aktuell«, Nr. 3/2006, 1.
Herrmann, a.a.O. 94; vgl. ders., Die Kirche und unser Geld, München 1992, 158f.
Nach »Mahnmal Aktuell«, a.a.O.
Das am umfassendsten zum Thema „Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland“ recherchierende und informierende Buch ist das von Carsten Frerk, Aschaffenburg 2001.
Herrmann, Die Caritas-Legend 99; vgl. P. v. Tiling, Die Kirche in der pluralistischen Gesellschaft, in: Ztschr. f. ev. Kirchenrecht XIV, 238 ff.
Herrmann, a.a.O. 99f.
Nach »Publik-Forum«, Nr. 20/2006, 58.
„Der Besuch Benedikts löst politischen Wirbel aus ... Oberbürgermeister Ude ‚sehr erbost‘“, in: »Süddeutsche Zeitung«, 06.09.2006.
Ebd.
Ebd.
Ebd.
Ebd.
„... ich wollte“, so Papst Benedikt, „noch einmal die Orte, die Menschen sehen, wo ich groß geworden bin, die mich geprägt und mein Leben geformt haben“ (zit. nach: »FAZ«, 09.09.2006, 1.)
Ausführlich und argumentativ dazu: Mynarek, Jesus und die Frauen.
Zit. nach: A. Schäffer, Die Bändigung des Papstrummels, in: »FAZ«, 09.09.2006, 3.
Vgl. M. Luther, Hauptschriften, Berlin 1951, 281-298.
Zitate bei P. Winterer / C. Gahlau, Heimspiel für Benedetto in Altötting, in: »SWT WÜS«, 12.09.2006, Nr. 210, 9.
C. Feldmann, Die Lichtgestalt kämpft mit dem Finsterling, in: »Publik-Forum«, Nr. 17/2006, 36.
Uschi Heppenstiel, zit. in: ebd., 38; vgl. auch Fr. Fritzen, In ewiger Lauerstellung. Der Papst hat in Bayern für den katholischen Frauenbund keine Zeit, in: »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«, 10.09.2006, 66.
H. Unterstöger, Überm Kapellplatz vibriert der Himmel, in: »Süddeutsche Zeitung«, 05.09.2006, 3.
Ebd.
»Spiegel Online«, 01.09.2006.
C. Geyer, Runter von der Wunderbremse, in: »FAZ«, 03.08.2006.
»Spiegel Online«, 01.09.2006.
Ebd.
Ebd.
E. M. Kallinger, Sucht mein Angesicht, in: »Focus« 48/2006, 50.
»Spiegel Online«, a.a.O.
Geyer, a.a.O.
Wie ein Schuljunge benahm sich z.B. der Redakteur der ach so kritisch-liberal-aufgeklärten Wochenzeitung »Die Zeit«, Christoph Amend, bei seiner Begegnung mit dem Papst in Rom. „Was sagt man eigentlich dem Papst? ... Was sagt man dem Papst, wenn man nur einige Sätze hat?“, fragt er sich ein ums andere Mal. „Wie begrüßt man den Papst, wenn er einen zu einer Audienz empfängt?“ Dann der demutsvolle Handkuss: „Man hatte mir einen Hinweis gegeben. Benedikt XVI. hat den Kuss auf den goldenen Siegelring zwar nicht abgeschafft“ (denn das wäre ja schon eine zu große, eines der Symbole seiner Herrschaft als „König des Erdkreises“ abschaffende Reform gewesen, meine Hinzufügung), „aber er mag es nicht, wenn man den Ring mit dem Mund berührt, eine Andeutung reicht.“ (Da geht’s um die Hygiene, sonst dürften sie küssen!) Dann die lächerliche Nervosität eines gestandenen Mannsbildes und Redakteurs: „Neben mir sitzt Manuel Herder, der Verleger des Herder-Verlags ... Obwohl er dem Papst, seinem Autor, schon einige Mal begegnet ist, tröstet es, dass auch Herr Herder ein wenig nervös ist. Werde er sich verbeugen, frage ich ihn ....“ Danach wie eine Offenbarung: „Und dann steht er vor mir, die Sonne scheint ihm ins Gesicht, er streckt seine Hand aus ... Ich ergreife sie, sehe den Ring, deute den Kuss an und sage >Heiliger Vater<.“