Für Sie gelesen



„Die grausige Kehrseite des
Heiligenkalenders“





Eine „kalendarisch erfasste Kirchengeschichte unter dem Gesichtspunkt ekklesiogener Kriminalität“ nennt Rainer Schepper sein Buch „Das ist Christentum“. Unter jedem Datum führt er mehrere konkrete Schicksale auf: die der Menschen, die zu Opfern der Kirche wurden, die der Täter - aber auch die derjenigen, die gegen das Unrecht ankämpften. Eine Auswahl finden Sie im Kasten unten.

Ein notwendiges Buch. Man kann es dem Autor nicht verdenken, dass er angesichts all des Unrechts, das er hier exemplarisch zusammenträgt, das Christentum als solches zum Urheber macht. Denn dies war sicherlich auch in vielen Fällen die Perspektive der Opfer, die ihren grausamen Untergang Christus anlasteten und nicht den Institutionen, die seine Lehre in ihr Gegenteil verkehrten.

„Die verbrecherischen Systeme Nationalsozialismus und Stalinismus sind überwunden“, schreibt Schepper, „Kirche und Papst dagegen, die sich jahrhundertelang in ungeheuerlicher Weise an der von ihnen befohlenen Vernichtung schuldloser Menschen bereichert und davon nie etwas zurückerstattet, nie etwas wiedergutgemacht haben, werfen sich noch immer ungeachtet ihrer erschütternden Kriminalgeschichte zur moralischen Instanz auf.“

Der Autor beschreibt seinen Weg, auf dem er dazu kam, dieses „Kalendarium des Martyriums’“, diese „grausige Kehrseite des Heiligenkalenders der katholischen Kirche“ zusammenzustellen. Das Leid in der Tierwelt, das kein Pfarrer erklären konnte (und wohl auch kaum einer beenden wollte), war ein Impuls zum Nachdenken. Ein anderer waren die Erzählungen seiner Mutter, die auf einem Münsteraner Gymnasium von einem Lehrer unterrichtet wurde, der den Beinamen „Höllen-Bautz“ trug. Seine Mutter wurde mitsamt ihren Mitschülerinnen „jahrelang mit seinen Höllendrohungen in den schauerlichsten Ausmalungen der ihnen für den Fall des Sündigens bevorstehenden Höllenstrafen eingeschüchtert und verängstigt mit dem Ergebnis, dass sie noch als 94jährige Frau kurz vor ihrem Tod in der festen Überzeugung und unsäglichen Angst lebte, sie komme in die Hölle“. Diese Höllenangst hatte auch der Autor später zu durchleiden - bis er begann, sich davon zu befreien.

Schepper hat auf seine Weise den Opfern der Kirche ein Denkmal gesetzt. Es ist bittere Wahrheit, wenn er über die von ihm stellvertretend ermittelten Namen schreibt: „Diese Gedenktafel stelle ich neben die Gedenkstätten Yad Vashem in Jerusalem, neben das immer noch umstrittene Holocaust-Denkmal in Berlin, neben das Dokument ‘Der Archipel Gulag’ von Alexander Solschenizyn.“



Rainer Schepper: Das ist Christentum - Informationen aus zweitausend Jahren Geschichte - Angelika Lenz Verlag 1999, 614 S., € 35,70 m







Opfer der Kirche

(Auszug)

7. Februar 1942: Franziskaner-Frater Miroslav Filipovic, Kaplan vom Kloster Petricevac bei Banja Luka, bricht mit einer Kompanie des Battaillons von Pavelic auf, um die in drei Höfen wohnenden Serben zu ermorden. Das erste Opfer, und zwar das Kind von Duro Glamocanin, wurde von diesem Priester mit einem Messer umgebracht, wobei er ausrief: „Ustaschen, dieses geschieht im Namen Gottes ...“ Schon um 4 Uhr morgens hatte Pater Filipovic mit einem Ustascha-Kommando das Bergwerk Rakovac besetzt und 37 griechisch-orthodoxe Arbeiter mit der Spitzhacke getötet.

8. Februar 1652: Der Pfarrer von Wächtersbach läßt die verwaiste Tochter des Schilling in Wittgenborn vorführen, weil sie eine Zauberin sei. Das Kind ist 11 bis 12 Jahre alt. Begründung des Pfarrers: Das Kind könne nicht beten. ...

9. Februar 1594: Im Spessart und Bachgau beginnt eine Hexenverfolgung, die bis zum 25. Februar 1614, also 20 Jahre, andauerte und in dieser Zeit 231 Todesopfer forderte. Als Prozessorte werden Aschaffenburg, Damm, Großostheim sowie Klein- und Großwallstadt genannt.

10. Februar 1629: Kurfürst Erzbischof von Köln fordert in einer Verhandlung, dass gegen das abscheuliche Laster der Zauberei ähnlich wie in benachbarten Landen nun auch in Köln endlich geeignete Maßnahmen ergriffen werden. - Vorbild für ihn ist u.a. Würzburg, wo ständig die Scheiterhaufen lodern. An diesem Tag wird dort der Kanoniker Dr. Michale Mair aus dem Stift Haug im 29. Hexenbrand hingerichtet.

17. Februar 1600: Giordano Bruno, Dominikaner, wird in Rom auf dem Campo dei Fiori beim Fest des Regierungsjubiläums des Papstes Clemens VIII. entblößt an einen Pfahl gebunden und öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Er war 52 Jahre alt, von denen er acht in den Kerkern der Inquisition verbracht hatte.