Hexe bleibt Hexe
Schweiz, 1782: Europa befindet sich im Zeitalter der Aufklärung. An Hexen und Unholde samt ihren Zaubereien glaubt lange schon keiner mehr – anscheinend. Der letzte Hexenprozess liegt 80 Jahre zurück. Doch dann wird im Schweizer Kanton Glarus Anna Göldi enthauptet – die letzte Hexe Europas.

Die Dienstmagd Anna Göldi soll die 9-jährige Tochter ihres Dienstherren, des mächtigen und einflussreichen Doktor Tschudi, verhext haben, sodass sie Stecknadeln spuckt. Schon der normale Menschenverstand sagt uns, dass dies nicht die Wahrheit sein kann. Was steckt wirklich hinter der Geschichte?

Der Schweizer Autor und Rechtswissenschaftler Walter Hauser beleuchtet nicht nur die tragischen Vorgänge um die Dienstmagd Anna Göldi selbst, sondern auch deren soziale und politische Hintergründe, etwa die Machtverhältnisse in der damaligen Eidgenossenschaft, die unter einflussreichen Schweizer Adels- und Bürgerfamilien hart umkämpft waren. Die Familie Tschudi hat viel an Ansehen zu verlieren. Schon eine Dienstmagd, die zuviel weiß, wäre sehr gefährlich, erst recht ein außereheliches Verhältnis des hochangesehenen Hausherrn zu einer Hausangestellten – das wäre ein Skandal, der um keinen Preis bekannt werden darf.

Bei der Lektüre des Buches wird immer klarer, dass auf Anna Göldi wohl beides zutraf. Sie musste aus dem Weg geschafft werden – egal wie.

Wesentlicher Drahtzieher im Hintergrund ist der Geistliche und oberste Sittenwächter von Glarus, ebenfalls der Familie Tschudi angehörig. Er treibt die Beweisführung, die mehr als rätselhaft vor sich geht, eifrig voran und ist sehr bemüht, die Schuld Anna Göldis als bewiesen darzustellen. Er gehört der reformierten Kirche an und übt seinen Einfluss auch auf den Evangelischen Rat aus, der in diesem Fall die Gerichtsbarkeit darstellt.

Anna Göldi setzt sich zunächst mutig zur Wehr, wird jedoch dann gefoltert und so zu einem „Geständnis“ gezwungen. Weil man eine Anlage wegen „Hexerei“ vermeiden will, macht man ihr wegen „Vergiftung und Verzauberung“ den Prozess. Dann muss man sie auch nicht verbrennen, sondern „nur“ enthaupten.

Dennoch sind die Reaktionen schon damals heftig. Während in den Zeitungen der Schweiz nichts vom Prozess in Glarus und nachfolgend auch keine Berichte über dessen Ausgang oder die Verurteilung zu finden war, ist man in Deutschland und Frankreich empört über das Vorgehen im Nachbarland, ja man macht sich über die Schweizer lustig, weil sie anscheinend immer noch an Hexen glauben. Doch auch das führt nicht zu einer öffentlichen Reaktion seitens der Schweiz, im Gegenteil: Man lässt ausländische Journalisten verfolgen, weil sie in der Schweiz recherchierten, um Licht in diesen mysteriösen Fall zu bringen. Anna Göldis Fall wird schlichtweg unter den Teppich gekhrt.

Die Schweiz, 225 Jahre später. Im Jahr 2007 setzt sich der der Buchautor Walter Hauser bei Kirche und Regierung für eine Rehabilitierung Anna Göldis ein. Ein nahe liegender Gedanke – denn z.B. in Schottland, den USA und England wurden in vielen Ländern die damals zu Unrecht Verurteilten von Schuld frei gesprochen, und man gab öffentlich zu, viele Unschuldige hingerichtet zu haben. Doch in der Schweiz scheint die Zeit – oder der Menschenverstand – bei Kirche und Obrigkeit stehen geblieben zu sein. Sowohl die Glarner Kantonsregierung als auch der evangelisch-reformierte Kirchenrat bekundeten, eine offizielle Rehabilitierung der als „Zauberin“ verurteilten sei nicht mehr vonnöten – die Geschichte sei ja längst aufgearbeitet worden. Tatsächlich? Mit solchen Ausreden schiebt man die damaligen Geschehnissen von sich weg und will nicht zugeben, das die Geistlichkeit damals ins Horn der Mächtigen geblasen hat, anstatt ihrem – christlichen ? – Gewissen zu folgen und Anna Göldi freizusprechen.

Doch wen wundert es? Auch heute noch kann es Andersdenkenden und Menschen, die ihren Mund aufmachen und unbequeme Dinge äußern, passieren, dass sie diskriminiert werden, oft unter maßgeblicher Beteiligung der Kirchen mit ihren sogenannten Weltanschauungs- und Sektenbeauftragten.

Die moralische Verantwortung der Kirchen für die Hexenverfolgung wird heute noch immer von zahlreichen Kirchenvertretern abgestritten gestellt, obwohl der Hexenwahn durch den mit päpstlicher Druckerlaubnis von einem Dominikaner verfassten „Hexenhammer“ erst richtig angeheizt und später von den Reformatoren Luther, Zwingli und Calvin eins zu eins übernommen wurde.

Walter Hauser, „Der Justizmord an Anna Göldi – Neue Recherchen zum letzten Hexenprozess in Europa“, Limmat-Verlag Zürich 2007, ISBN 978-3-85791-525-3, € 20,80