Gebt die geraubten Schätze zurück!

Zur Ehre und Erhöhung des Apostolischen Stuhles« - so wurde die Plünderung Konstantinopels im Jahre 1204 genannt. Mord und Totschlag im Namen der Kirche - abermals bittet der Papst um Vergebung - doch wieder sagt er nur die halbe Wahrheit. Und die geraubten Schätze hat er auch noch nicht zurück gegeben. Anfang Mai 2001 reist der Papst nach Athen und bittet um Vergebung für die Sünden, die »Söhne und Töchter der katholischen Kirche« an orthodoxen Christen begangen haben. Er erwähnt dabei ausdrücklich die Eroberung und Plünderung Konstantinopels durch katholische Kreuzfahrer im Jahre 1204. Damals war die Stadt der glänzende Mittelpunkt der griechisch-orthodoxen Welt. Die Hauptstadt des byzantinischen Reiches erholte sich von diesem Schlag nicht mehr und wurde 1453 von den Osmanen erobert.

Papst schiebt Schuld »auf die Söhne und Töchter« ab

Wie am Karfreitag 2000 spricht der Papst in seinem Schuldbekenntnis von fehlgeleiteten »Söhnen und Töchtern der Kirche«, die gesündigt hätten - aber nicht von der Kirche selbst, geschweige denn vom Papst. War das Papsttum an der damaligen Katastrophe wirklich unschuldig? Auf den ersten Blick könnte man es glauben. Als Papst Innozenz III. erfuhr, dass die Kreuzfahrer Konstantinopel - und nicht, wie ursprünglich geplant, direkt Jerusalem - ansteuern wollten, untersagte er es ihnen schriftlich. Doch dieser Brief wurde viel zu spät abgeschickt - »wohlberechnet«, so Hans Wollschläger in seinem Buch »Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem«. Der Papst hatte 1197 zum Kreuzzug aufgerufen. Als die Kreuzritter dann, unter venezianischer Anleitung, als erstes die katholische Stadt Zadar eroberten, exkommunizierte sie der Papst zwar zunächst - doch dann löste er sie wieder aus ihrem Bann. Es ging ihm schließlich um »Größeres«: Den Venezianern ging es v.a. um die Macht im Mittelmeer, um die Beseitigung der byzantinischen Konkurrenz. Als Geldgeber bestimmten sie im Wesentlichen den Kurs. »Den Kurswechsel nach Konstantinopel«, so Wollschläger, hatte der Papst jedoch »zumindest halb hingenommen, abwartend, lauernd - denn es konnte ja immerhin sein, dass auf diesem Wege der hohe Zweck der Kirchen-Union erreicht wurde, und damit wären die Mittel geheiligt gewesen«.

Die Triebfeder des Vatikans heute

Die Rückgewinnung der orthodoxen Kirche, die sich 1054 von der katholischen getrennt hatte, ist bis heute ein Hauptanliegen des Vatikans - und die Triebfeder einiger Papstbesuche. »In Wirklichkeit hat Innozenz gewusst, wohin die Verhältnisse trieben, und er war zufrieden damit und nur noch darauf bedacht, seine formelle Rechtfertigung zu sichern«, so der Historiker Wollschläger weiter.

Sündenvergebung durch Mord?

Vor dem letzten und entscheidenden Angriff auf die Stadt erklären nach Augenzeugenberichten »die Kleriker und diejenigen, die vom Papst mit Vollmachten ausgestattet waren« den Kreuzrittern, dass jeder die Sündenvergebung erlangen würde, der bei diesem Angriff sterbe. Damit, so Peter Milger (»Die Kreuzzüge«), »wird die Operation gegen das christliche Byzanz ein richtiger Kreuzzug«. Mit entsprechenden Ergebnissen: Nachdem ein Drittel der Stadt abgebrannt, Tausende Einwohner versklavt, vergewaltigt, erschlagen worden sind, nachdem die Stadt restlos ausgeraubt, die Kirchen geplündert und geschändet sind, zeigt der Papst seine wahre Gesinnung. Als ihm der von den »Lateinern« eingesetzte neue König Balduin überschwänglich von den »Wundern« der Eroberung berichtet und davon, »dass die Hand des Herrn dies alles ausgerichtet hat«, schreibt der Papst ebenso euphorisch zurück: »Wir freuen uns in dem Herrn und in der Gewalt seiner Stärke, dass Er ... mit dir so herrliche Wunder zu wirken geruht hat, ... zur Ehre und Erhöhung des Apostolischen Stuhls und zum Nutzen und Jubel des Christenvolkes ...«

Entschuldigung reicht nicht - Wo bleibt die Wiedergutmachung?

Nach christlicher Lehre genügt eine Entschuldigung nicht, wenn nicht auch die Wiedergutmachung erfolgt. Doch bis heute hat die Kirche die damals geraubten Schätze nicht zurück gegeben. Und für die Gotteslästerung seines Vorgängers Innozenz hat sich der Papst auch nicht entschuldigt. Ob die Seelen der Erschlagenen und Beraubten ihm und seiner Kirche dann wohl vergeben können?

Siehe dazu auch: Offener Brief der Freien Christen an den Papst
Der Brief blieb unbeantwortet.