Ruanda: Finsterstes Mittelalter noch lebendig

Massaker in Gotteshäusern: B 5 aktuell - Hintergrund berichtete am 09.06.2001:

In einem historischen Völkermordprozess hat ein belgisches Gericht heute vier Angeklagte aus Ruanda schuldig gesprochen. Ihnen wird vorgeworfen, sich 1994 an Massakern an Tutsis oder gemäßigten Hutus beteiligt zu haben. Es handelt sich um einen ehemaligen ruandischen Minister, einen Universitätsprofessor und zwei katholische Nonnen. Über das Strafmaß wird noch beraten, aber es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die Angeklagten lebenslange Haftstrafen erhalten.

Die Ordenfrauen wurden in allen Anklagepunkten für schuldig befunden, sie sollen tausende Menschen an die mordenden Melizen ausgeliefert haben. Und dies ist offenbar kein Einzelfall.

Ruanda - Schauplatz des grausamsten Völkermords in der jüngsten afrikanischen Geschichte ist ein von Missionaren geprägtes Land. 90% der Bevölkerung nennen sich Christen, 63 % der Ruanda sind Katholiken. Das Wort der Kirche hat enormen Einfluss in dem Zwergstaat, und die katholische Kirche spielte zum Zeitpunkt des Völkermords auch in der ruandischen Politik eine wichtige Rolle. Der katholische Erzbischof der ruandischen Hauptstadt Kigali saß im Präsidium der Hutu-Einheitspartei. Der höchste Würdenträger der katholischen Kirche war also sehr genau über die mörderischen Pläne der Hutu-Diktatur informiert. Er wusste, dass Zehntausende von Macheten aus China importiert wurden und die Bürokraten bereits die Todeslisten mit den Tutsi-Namen zusammen stellten. Doch der Erzbischof von Kigali schwieg.

Als dann im April 94 der Völkermord an der Tutsi-Minderheit begann, da wurden vor allem katholische Klöster, Kirchen und Missionsstationen zu Schlachthäusern. Der Fall der beiden ruandischen Nonnen, die jetzt von einem belgischen Gericht wegen Beihilfe zum Völkermord verurteilt wurden, ist kein Einzelfall. Es gab viele ruandische Nonnen und Priester, die mit den Henkersknechten kolaborierten. Einige von ihnen stellten den Hutu-Milizen sogar die Folterwerkzeuge zur Verfügung. Andere öffneten bereitwillig ihre Kirchen- und Klostertüren, damit die Tutsi-Flüchtlinge massakriert werden konnten. Selbst die Kathedrale im Zentrum der ruandischen Hauptstadt Kigali wurde für Hunderte von Tutsi-Flüchtlingen zur mörderischen Falle. Gnadenlos lieferte Pater V. alle Frauen, die nicht mit ihm schlafen wollten, den Mördermilizen aus.

Unmittelbar nach dem Völkermord zog Pater V. nach Frankreich. Im französischen Nevreux durfte er fortan unbehelligt die Messe lesen und die Kommunion austeilen. Obwohl eine einhundertseitige Dokumentation von Zeugenaussagen gegen die Priester vorliegt, sieht sich der Vatikan zu keinerlei Schritten veranlasst. 250 ruandische Priester und Nonnen wurden selber während des Völkermords Opfer der Hutu-Milizen. Es gab katholische Geistliche und Schwestern, die unter Einsatz ihres Lebens hunderte von Verfolgten versteckten und retteten. Doch die Mehrheit der katholischen Amtskirche war auf Seiten der mörderischen Hutu-Diktatur. Bis heute warten die Überlebenden des Ruanda-Genozids auf eine Entschuldigung des Papstes.

Siehe auch: Unschuldige Opfer, Ruanda