Wenn man mal lange Menschenschlangen sehen wollte, so wie früher im Ostblock vor fast leeren Geschäften, dann musste man im Frühjahr 2010 nach Turin fahren. Dort wurdefür nu wenige Tage das Grabtuch Christi ausgestellt.

Na ja, ob das wirklich das Grabtuch Christi ist, das steht in den Sternen.
Die erste Erwähnung dieses Tuchs stammt aus dem Mittelalter. Und neulich hab ich im Fernsehen gesehen, wie ein italienischer Forscher das angebliche Bild des Gekreuzigten, das auf diesem Tuch zu sehen ist, mit original mittelalterlichen Werkzeugen und Stoffen nachmachte.

Auf jeden Fall ist es ein Bomben-Geschäft. Das Handelsblatt griff neulich das Thema auf unter der Überschrift: „Das Marketing des Vatikan. Die Geschäfte der Gott AG“.

Wallfahrtsorte und die dazugehörigen Reliquien waren ja schon immer ein einträgliches Geschäft.
Im Mittelalter hat man teilweise die entsprechenden Knochen immer dann „zufällig“ gefunden, wenn ein cleverer Bischof auf die Idee kam, mit einem neuen Wallfahrtsort das Geschäft anzukurbeln und die Bedeutung seines Bistums zu steigern. Erst war die Idee da – und dann die Knochen!

Der Wunsch ist also auch hier der Vater des Knochens. Aber dass das auch im 21. Jahrhundert so reibungslos funktioniert, ist doch bemerkenswert. Das Handelsblatt schreibt: „Noch im Johannes-Evangelium wirft Jesus die Verkäufer, die Opfervieh feilbieten, aus dem Heiligtum. So genau nehmen es seine Nachfahren heute nicht mehr.“ Zitat Ende.
Und die Kirche ist schlau: Das kirchliche Organisationskomitee in Turin steuert laut Handelsblatt für einen Etat von 5 Millionen Euro gerade mal 250 000 aus der Kirchenkasse bei. Den so genannten „Rest“ bezahlen staatliche Stellen. Und die 4500 freiwilligen Helfer bekommen keinen Cent.

Und dann laufen zwei Millionen Leute hin, kaufen teure Souvenirs und stehen stundenlang an, um drei Minuten auf ein Stück Stoff zu starren.
Dabei wäre es doch viel wichtiger, Gott in sich zu finden. Wallfahrten sind im Übrigen eine Erfindung des antiken Heidentums. Die ersten Christen kannten so etwas nicht.

Gott in sich finden ... Aber das wollen die Priestermänner ja seit Jahrtausenden verhindern, dass die Menschen das tun. Wenn jeder Gott in sich finden würde, dann würden sie ja arbeitslos werden, und keiner zahlt mehr Kirchensteuern.

„Jeder Mensch ist ein Tempel des heiligen Geistes“, und: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Steht alles schon in der Bibel. Dass Jesus von Nazareth Priester einsetzte und Reliquien ausstellen ließ, steht nicht drin.