Skandal in Würzburg

Bischof Josef Stangl genehmigte den Exorzismus, an dem 1976 in Klingenberg Anneliese Michel starb. Anschießend belog er jedoch die Öffentlichkeit und lies es zu, dass zwei Priester statt seiner vor Gericht verurteilt wurden. Nun will ihn die Kirche feiern.

Sage mir, wen du feierst, und ich sage dir, wer du bist. Die bayerische Lutherkirche wollte 2006 den antisemitischen Landesbischof Hans Meiser (+ 1956) feiern. Erst nach heftigen Protesten blies man die Feiern ab. Nun ist die katholische Diözese Würzburg an der Reihe: 2007 soll ein "Stangl-Jahr" werden. Hat man aus der Geschichte nichts gelernt?

Wer war Bischof Josef Stangl? Er wurde 1907 in Kronach geboren und war von 1957 bis 1979 Bischof von Würzburg. 2007 ist ein dreifaches "Jubiläumsjahr" für ihn: 100. Geburtstag, 50. Jahrestag der Bischofsweihe - und vor 30 Jahren, am 28.5.1977, weihte Stangl einen gewissen Joseph Ratzinger zum Erzbischof von München.

67 Exorzismussitzungen

Zu diesem Zeitpunkt war Anneliese Michel schon fast ein Jahr lang tot. Die gläubige 23jährige Studentin starb am 1.7.1976 in Klingenberg am Main nach 67 von Stangl in Auftrag gegebenen vergeblichen Exorzismus-Sitzungen an Entkräftung. Ihre Verfassung lasse sich laut Obduktionsbericht "am ehesten vergleichen mit der getöteter Lagerinsassen im Zweiten Weltkrieg" (Felicitas Goodman, Anneliese Michel und ihre Dämonen, Stein am Rhein/Schweiz 1993, S. 14). Im Vorfeld des Prozesses wegen "fahrlässiger Tötung" und "unterlassener Hilfeleistung" erklärte Bischof Josef Stangl, er hätte "von allem nichts gewusst". Aufgrund dieser später als Lüge nachgewiesenen Erklärung wurden die beiden römisch-katholischen Exorzisten Arnold Renz und Ernst Alt kirchenrechtlich ins Unrecht gesetzt, denn der Bischof muss einen Exorzismus in seiner Diözese genehmigen. Und auch strafrechtlich wurden sie deshalb zur Verantwortung gezogen und zu Haftstrafen mit Bewährung verurteilt, obwohl sie im Auftrag des Bischofs handelten. Doch die beiden Priester deckten auf diese Weise ihren Dienstherrn Josef Stangl.

Doch Stangl hat sich von den Turbulenzen um den Tod der Studentin anscheinend nie mehr richtig erholt. Er baute gesundheitlich und geistig immer mehr ab und musste am 8.1.79 zurücktreten, starb dann am 8.4.1979. Am 11.4.1979 las wiederum Ratzinger, zu dem Stangl eine "tiefe Beziehung" hatte (Main-Post, 6.9.06), die Totenmesse im Würzburger Kiliansdom.

Wieder Kurse für Exorzisten eingerichtet

Der heutige Papst und der damalige Bischof Stangl teilten offenbar auch die Wertschätzung für das mittelalterliche Ritual der Teufelsaustreibung. Kurz nach seinem Amtsantritt lies Ratzinger weitere Kurse für Exorzisten einrichten. Während das Thema in der Vatikankirche Deutschlands nach dem schauerlichen Tod Anneliese Michels vorerst auf Eis gelegt ist, werden in Italien und anderswo noch immer munter die "Teufel" ausgetrieben - mit oft verheerenden Folgen für die Betroffenen.

Tod nach totaler körperlicher Entkräftung

Auch Anneliese Michel starb, weil man ihre seelischen Probleme nicht fachkundig linderte, sondern ihren aus einem zutiefst katholischen Milieu stammenden Aberglauben und ihre Höllenfurcht durch mittelalterliche Beschwörungsformeln und hysterische Rituale zur Psychose und zur totalen körperlichen Entkräftung steigerte. Anneliese Michel lebte zeitlebens in panischer Angst vor dem Teufel. "Ich habe Angst" waren auch ihre letzten Worte.

Juristisch wird der Tod Anneliese Michels am 21.4.1978 vor dem Landgericht Aschaffenburg abgeschlossen. Die Eltern Anna und Josef Michel und die von ihrem Bischof Josef Stangl beauftragten Exorzisten Arnold Renz und Ernst Alt werden wegen fahrlässiger Tötung bzw. unterlassener Hilfeleistung zu Freiheitsstrafen von je sechs Monaten verurteilt, die auf je drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Der verantwortliche Bischof und mit ihm die römisch-katholische Kirche als Institution kommen jedoch völlig ungeschoren davon. Hier stellt sich die Frage, wie ihnen das in der für ihr Ansehen und ihre Machtstellung nicht ungefährlichen Situation gelungen ist. Man wählte dabei einen schnellen und effektiven Weg: Durch seinen Sprecher lässt der Bischof von Würzburg nämlich kurz nach dem Tod Anneliese Michels verlauten: "Wir haben von allem nichts gewusst! ... Uns wurde der Fall erst nach dem Tode des Mädchens bekannt. Ich habe niemanden die Genehmigung zu den Exorzismus-Gebeten erteilt." (Welt am Sonntag, 25.7.1976)

Würzburg war schon mehrfach ein Ort düsterer Geschehnisse - Hexenverbrennung und Judenverfolgung sind Beispiele aus dem Mittelalter und der Neuzeit. Heute feiert die Kirche sogar einen Exorzisten-Bischof! Michel Anneliese Michel starb mit 23 Jahren nach 67 Exorzismen völlig entkräftet und körperlich total erschöpft. Das Grab Anneliese Michels in Klingenberg. Zahlreiche katholische Pilger verehren sie dort wie eine Selige oder Heilige.

Bischof Stangl täuschte die Öffentlichkeit
Tatsächlich hatte Bischof Stangl aber in seinem offiziellen Brief an Pater Arnold Renz vom 16.9.1975 geschrieben: "Hiermit beauftrage ich nach reiflicher Überlegung und guter Information H. H. P. Renz ... bei Fräulein Anna Lieser [ = Deckname für Anneliese Michel] im Sinne von CIC can. 1151 § 1 zu verfahren. Mein Gebet gilt seit längerer Zeit diesem Anliegen. Möge Gott uns helfen! Ich danke aufrichtig für diesen Einsatz. Mit herzlichen Segenswünschen; gez. Josef Bischof von Würzburg."
Aufgrund der eindeutigen Beweislage wird dies mittlerweile auch offiziell zugegeben. So heißt es unmissverständlich in einer offiziellen Presseerklärung der Deutschen Bischofskonferenz am 15.11.2005, kurz vor dem Kinostart des Films Der Exorzismus der Emily Rose: "Pfarrer Alt ersuchte im Sommer 1975 um die Erlaubnis zum Großen Exorzismus. Der damalige Bischof von Würzburg Josef Stangl erteilte diese nach Vorlage eines Gutachtens des Jesuiten P. Adolf Rodewyk, und P. Arnold Renz erhielt die Erlaubnis zur Durchführung." Im Jahr 1976 hatte man jedoch noch gelogen: "Wir haben von allem nichts gewusst."
Und man versuchte damals schon, die Diagnose des kirchlichen Exorzismus-Experten Rodewyk als unzutreffend abzutun: Der Pater habe sich eben geirrt, Anneliese sei gar nicht besessen gewesen - ein an Verlogenheit und Scheinheiligkeit kaum überbietbares Ergebnis. Denn: In ähnlichen Fällen ohne tödlichem Ausgang sind nach katholischer Lehre die Dämonen echt. Geht die Sache schief wie in Klingenberg, sind die Dämonen eben nicht echt gewesen.

Anneliese Michel - Opfer der Kirche
Anneliese Michel wird auf diese Weise auch nach ihrem Tod zu einem Opfer der Kirche - jetzt zusammen mit ihren Eltern und den kirchlichen Helfern. Anna und Josef Michel, Ernst Alt und Arnold Renz - sie alle sind verurteilt worden. Obwohl sie ihrer Kirche treu ergeben waren und nur das taten, was die Kirchenleitung ihnen auftrug und riet, werden sie von den Kirchenführern auf dem Altar der Justiz und der öffentlichen Meinung (die die unterlassene medizinische Hilfeleistung zurecht anprangerte) geopfert, während die eigentlich Verantwortlichen im Hintergrund bis heute unbehelligt bleiben. Und hier ist die Kirche auch im Einzelfall brutal: "Kein Wort des Trostes kommt aus Würzburg, kein Schuldbekenntnis, kein Eingeständnis, die Situation zumindest falsch beurteilt zu haben, nicht einmal Solidarität in der Trauer", schreibt Uwe Wolff in seinem Buch "Das bricht dem Bischof das Kreuz", S. 33.
Dieser Ausspruch stammt übrigens von einer Freundin Anneliese Michels, die damals schon ahnte oder wusste, was wirklich vorlag - und die das weitere Schicksal
des Kirchenmannes, der in geistiger Umnachtung starb, mit seinem Verhalten in Bezug setzte. So wurde zuletzt auch Stangl selbst zu einem Opfer seiner Kirche, die ihm dieselbe Höllenfurcht einpflanzte, an der auch sein Opfer Anneliese zugrunde ging. Die Rolle einer Institution, die all dies seit Jahrhunderten in die Welt setzt, die Menschen beständig Angst einjagt, um sie dann um so leichter manipulieren zu können, wird jedoch kaum hinterfragt - und dass sie selbst nicht im Traum daran denkt, Selbstkritik zu üben, sieht man überdeutlich im Stangl-Jahr 2007. Kardinal Wetter will am 23. September höchstpersönlich einen Gedenkgottesdienst im Kiliansdom halten. Eine kritische Auseinadersetzung mit dem Thema Exorzismus ist bis jetzt im Festprogramm nicht vorgesehen.

Wenn die Beschäftigung mit Bischof Stangl dazu führt, dass immer mehr Menschen die höllischen Abgründe der kirchlichen Lehre besser erkennen und verstehen, dann wäre auch das Leiden und Sterben Anneliese Michel nicht vergeblich gewesen.