Im Sommer 2010 ging eine Meldung durch die deutsche Medien: Zwei Staatsbürger klagen vor dem bayerischen Verfassungsgerichtshof gegen die Angabe der Konfession in der Lohnsteuerkarte

Und worum geht es da?

In Deutschland hat jeder Arbeitnehmer eine Lohnsteuerkarte, die muss er beim Arbeitgeber abgeben. Auf dieser Karte ist die Konfession des Arbeitnehmers eingetragen.

Und warum wollen die Arbeitnehmer das nicht?

Einer der Arbeitnehmer ist aus der Kirche ausgetreten. Und sein Pfarrer aus Burgreppach in Unterfranken hat ihm daraufhin angedroht, dass er nirgendwo mehr Arbeit finden werde, wo die Kirche Einfluss hat.

Das ist ja ungeheuerlich! Hat er das wirklich gesagt?

Ja, er hat wörtlich geschrieben:" auch werden sie bei keinem evangelischen oder katholischen Arbeitgeber mehr Anstellung finden können".

Das ist wirklich eine Ungeheuerlichkeit. Aber das geht doch gar nicht, das verstößt doch gegen die Menschenrechte und gegen die Verfassung!

Das ist doch verbotene Diskriminierung! Wie will die Kirche denn das machen?

Na, eben mit der Lohnsteuerkarte. Da muss jeder sein religiöses Bekenntnis dem Arbeitgeber offenbaren. Der Arbeitgeber muss gar nicht danach fragen, der Arbeitnehmer kann dann nicht beweisen, dass er wegen seines Glaubens diskriminiert wird.

Jetzt verstehe ich, warum diese Bürger klagen. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter, als man Ketzer verfolgt und verbrannt hat. Aber sag mal: Warum muss man deswegen eigentlich klagen? Das leuchtet doch jedem ein, dass diese Angaben auf der Lohnsteuerkarte nichts verloren haben.

Die Kirchen behaupten, sie bräuchten diese Angaben, damit der Staat für sie die Kirchensteuern von den richtigen Personen einzieht.

Was heißt, damit der Staat die Kirchen Steuern einzieht? Wieso zieht eigentlich der Staat für die Kirchen Steuern ein? Ich denke, wir sind kein Kirchenstaat, sondern bei uns gilt die Trennung von Staat und Kirche!

Da bist Du nicht richtig informiert. In Deutschland ist die Kirche stärker mit dem Staat verflochten als in den meisten anderen Ländern dieser Welt. Der Staat ist auf vielen Gebieten der Büttel der Kirchen. Besonders wenn es ums Geld geht.

Der Staat setzt nicht nur seine vom Steuerzahler bezahlten Beamten für den Einzug der Kirchensteuer ein, er zwingt auch noch sämtliche Wirtschaftsbetriebe dazu, in ihren Buchhaltungen dasselbe zu tun.

Und seit wann ist das so?

Seit 1933, also seit der Vatikan mit Hitler ein Konkordat geschlossen hat. Aber es kommt noch etwa hinzu: Der Staat schüttet das von den Steuerzahlern hart erarbeitete Geld in Kübeln über die Kirchen aus, mehr als 14 Milliarden Euro jedes Jahr!

Noch ein Grund mehr, die Angabe der Religionszugehörigkeit auf der Lohnsteuerkarte abzuschaffen. Wie schätzen denn die Fachleute die Chancen einer solchen Klage ein?

Theoretisch sehr gut. Aus vielen Prozessen, an denen die Kirchen beteiligt waren, weiß man, dass die Richter, die diese Prozesse entscheiden müssen, es strikt ablehnen, dem rechtsuchenden Bürger zu offenbaren, welches Glaubensbekenntnis sie haben.

Also müssten die Richter doch Verständnis dafür haben, dass auch der normale Bürger sein Glaubensbekenntnis für sich behalten möchte, besonders, wenn von Seiten der Amtskirche offen damit gedroht wird, Bürger wegen ihres Glaubens zu diskriminieren.

Da kann man ja optimistisch in die Zukunft schauen. Wieder ein wenig weniger Kirche, ein wenig mehr Demokratie. Zumindest, wenn die Richter am bayerischen Verfassungsgericht genauso denken. Aber sie dachten nicht so und lehnten die Klage im Oktober 2010 ab. Wir sind halt in Bayern ...