Lutherdekade – Historiker warnt vor Heldenverehrung
„Luther kommt!“
unter diesem Slogan startete am 21.09.2008 - 500 Jahre nach der Ankunft Martin Luthers in Wittenberg - die Lutherdekade. Bis 2017, dem großen 500-jährigen Jubiläum des Thesenanschlags, gehen die Festivitäten rund um Luther an verschiedenen Orten weiter. Dann wird der Thesenanschlag Luthers an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg, der der Überlieferung zufolge am 31.10.1517 stattfand, gefeiert.
Diesen Akt sehen fast ein halbes Jahrtausend später die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD im Reformationsjubiläum 2017 als ein „welthistorisches Ereignis“ und erwarten von der Bundesregierung Unterstützung für die an der Lutherdekade beteiligten Bundesländer und Kommunen.

Es geht also wiederum ums Geld, vermutlich auch bei den Einheimischen. Denn was Rom für die Katholiken ist, das ist bekanntlich Wittenberg für die Lutheraner. Und dort wird Luther schon heute sehr intensiv vermarktet. Auf den kurzen Wegen vom Lutherhaus zur Schlosskirche und vom Melanchthonhaus zur Stadtkirche kann man „Luther-Bier“ kaufen, sich mit frühneuzeitlich verkleideten Marktfrauen unterhalten und sich im Schlosskeller mit einem „Erotik-Menü“ – die Gänge heißen „Vorspiel“ oder „Scharfmacher“ – „in die Zeit Martin Luthers“ hineinversetzen.
Mit dieser weltlichen Vermarktung des Reformators hat die Evangelische Kirche in Deutschland auch keine Probleme. „Luther ist nun einmal eine volkstümliche Figur, die auch folkloristisches oder rein kulturgeschichtliches Interesse auf sich zieht“, sagt Stephan Dorgerloh, der die Luther-Aktivitäten der EKD in Wittenberg koordiniert. Von der Katholischen Kirche wünscht sich Dorgerloh, dass sie „im Laufe dieser Luther-Dekade klärt, wie sie zu Luther steht.“ Doch auch der EKD steht eine solche Klärung bevor. So dürfte sie gefragt werden, welche Aspekte von Luthers Theologie und Aussagen sie noch teilt und welche nicht.

Eine interessante Frage, denn die meisten Protestanten kennen nur die Sonnenseite des Reformators, seine zweite Seite wird von der Lutherkirche gern verschwiegen. Der renommierte Historiker Hartmut Lehmann, der bis 2004 an der Spitze des Göttinger Max-Plank-Instituts stand und zuvor Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Instituts in Washington war, brachte einige Schattenseiten Luthers zur Sprache und warnte in einem Artikel der Volksstimme.de vom 18.09.2008, vor einer Heldenverehrung des Reformators.

Unter der Überschrift: „Lutherdekade: Historiker warnt vor Heldenverehrung – Ein populäres Fest mit populären Klischees?“ war zu lesen: „500 Jahre später muss man viele Ansichten Luthers anders sehen“, betonte Lehmann. Die evangelische Kirche täte gut daran, hier längst bekannte Forschungsergebnisse angemessen zu berücksichtigen, etwa zu Luthers Antisemitismus, zu seiner Beurteilung anderer religiöser Glaubensauffassungen oder dem Gehorsam gegenüber Landesherren.“
Luthers Antisemitismus, den der Historiker Lehman ansprach, ist eine der schlimmsten Schattenseiten Luthers, über die Protestanten in der Regel nicht aufgeklärt werden. Kaum ein Deutscher weiß, dass Adolf Hitler nicht zuletzt unter dem Einfluss Martin Luthers zum aggressiven Antisemiten wurde. Einige Theologen nennen Luther später sogar stolz den "ersten Nationalsozialisten".
Martin Luther erklärt z.B. den Bürgern, die Juden seien ihr "Unglück" - Zitat:
"Ein solch verzweifeltes durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist´s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen. "
Der Satz "Die Juden sind unser Unglück" wird zu einer der schlagkräftigsten Parolen der nationalsozialistischen Zeit.
Bereits Martin Luther forderte den Staat dazu auf, die jüdischen Mitbürger zu verfolgen. Luther fordert: „ Man soll ihre "Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecken ... unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien ..."
Das tun die Nationalsozialisten, z. B. in der Reichspogromnacht 1938, an Luthers Geburtstag.
Abschließend forderte Martin Luther: "Summa: ... dass ihr und wir alle der ... teuflischen Last der Juden entladen werden ..."

Gut 400 Jahre später wurde auf dramatische Weise sichtbar, wohin solche Aussagen führen können: Sechs Millionen Juden wurden beim Holocaust auf grausamste Art und Weise ermordet. Der Philosoph Karl Jaspers stellte 1962 fest: Luthers "Ratschläge gegen die Juden hat Hitler genau ausgeführt".
Adolf Hitler selbst rechtfertigt in einem Gespräch mit Bischof Hermann Wilhelm Berning von Osnabrück vom 26.4.1933 die Judenverfolgung damit, "dass er gegen die Juden nichts anderes tue als das, was die Kirche in 1500 Jahren gegen sie getan habe".
Der Reformator aus Wittenberg hat also entscheidenden Anteil an der Vorgeschichte des Holocaust in Deutschland. Den geistigen Brandstifter nun mit einer „Luther-Dekade“ zu ehren ist in Anbetracht dieser Leistung wohl kaum zu rechtfertigen. Was unsere jüdischen Mitbürger wohl dazu sagen werden? Sollten diese zehn Jahre nicht viel mehr genützt werden, um die Martin-Luther-Straßen und -Plätze in Deutschland Zug um Zug umzubenennen, ähnlich wie es bereits mit denen dem evangelischen Landesbischof Meiser gewidmeten Straßen in München und Nürnberg erfolgte, nachdem Meisers Haltung gegenüber den Juden an die Öffentlichkeit kam?

Es bleibt nun jedem selbst überlassen ob er sich künftig noch als Lutheraner bezeichnen lassen möchte, oder lieber den Schritt in die Freiheit geht und austritt.