2010 wird ein gutes Jahr werden!

Sag mal! Wo nimmst du plötzlich diesen Optimismus her?

Ich war ja noch nicht fertig. 2010 wird ein gutes Jahr werden für die Hoteliers und Gastwirte in der Gegend von Santiago de Compostela in Spanien.

Ach, das ist doch dieser Wallfahrtsort!

Genau. Und dort gibt es 2010 ein „Heiliges Jakobsjahr“, weil der Todestag des Heiligen Jakobus, der 25. Juli, mal wieder auf einen Sonntag fällt. Man erwartet einen neuen Pilgerrekord.

Ja, das ist ja seit Jahren eine regelrechte Renaissance der alten mittelalterlichen Pilgerwege. Aber sag mal, was findet man eigentlich so Besonderes dort?

In Santiago liegt angeblich der Apostel Jakobus begraben, der dort eine Zeitlang gelebt haben soll. Ist aber historisch nicht nachweisbar.

Jakobus? Das war doch der, in dessen Namen im Mittelalter die Mauren abgeschlachtet worden sind. Mit dem Kriegsruf „Santiago“ sind die spanischen Ritter in die Schlacht gezogen. Es ist schon bemerkenswert, was man dem Bruder des Jesus von Nazareth, der ja ein friedliebender Mensch war, ein Vegetarier, was man dem alles andichtet.

Ja, was ist Dichtung, was ist Wahrheit? Der bekannte spanische Literaturprofessor Fernando Sanchez Dragó vertritt ja die Auffassung, dass die ganze Santiago-Geschichte ganz anders verlief.

In Wirklichkeit, so schreibt er, liegt in Santiago womöglich nicht Jakobus begraben, sondern der Spanier Priscillian, der Ende des 4. Jahrhunderts in Trier geköpft worden war, weil er von der Kirche abweichende Meinungen vertrat.

Das ist ja lustig. Dann würden die Katholiken ja seit einem Jahrtausend zum Grab eines Ketzers pilgern! Noch dazu zum Grab des ersten Ketzers, den die Kirche hat umbringen lassen.

Genau so ist es. Priscillian, den Sanchez Dragó den „größten Spanier der Geschichte“ nennt, war ebenfalls Vegetarier. Er lehrte, dass Gott in der Natur zu erfahren ist und dass es eine wiederholte Einverleibung gibt, also die Reinkarnation. Damit lag er genau auf der Linie des Urchristentums, das seinerzeit von der entstehenden Machtkirche unterdrückt und in sein Gegenteil verkehrt worden war.

Ist ja spannend! Aber das wäre nicht der erste „Ketzer“, der von der Kirche später vereinnahmt worden ist.

Aber sag mal, das ganze Wallfahrten und Pilgern: Wo kommt das eigentlich her? Inzwischen hat diese Mode ja auch die Lutheraner voll im Griff.

Auf jeden Fall hat das mit Jesus von Nazareth nichts zu tun. Wallfahrten zu besonderen Orten, bevorzugt zu den Grabmälern von so genannten Halbgöttern, das gab es schon in der Antike in den zahlreichen heidnischen Religionen, den so genannten Mysterienkulten.

Du meinst richtig so Wallfahrten mit Pilgerstab und Pilgerabzeichen, mit Votivtafeln, mit Heiligenstatuen, mit geweihtem Wasser und mit angeblichen Wunderheilungen?

Alles ganz genauso, mit allen Details, die du genannt hast. Teilweise sogar im antiken Heidentum an genau denselben Plätzen wie später im kirchlichen Mittelalter. Bei Karlheinz Deschner in der Kriminalgeschichte des Christentums kannst du’s nachlesen.

Aber wandern an der frischen Luft, das tut schon irgendwie gut.

Nur gibt’s da ruhigere und schönere Wege als die ausgetretenen Pilgerpfade.

Im Mittelalter steckte ja hinter der Wallfahrt nach Santiago auch so etwas wie die Sehnsucht oder die Ahnung, dass es noch irgendwo ein wahres, ein reines Christentum geben muss, möglichst weitab von Rom und auch von Byzanz, das kannte man ja schon, also möglichst weit weg von der Herrschaft der Priesterkaste.

Nur in Santiago haben sie das auch nicht gefunden. Denn da sitzt ja auch wieder die Priesterkaste, die kassiert. Die Priesterkaste, die schon den Jesus, den Christus, auf dem Gewissen hatte.

Man kann noch so weite Wege im Äußeren gehen. Letztlich ist die Wahrheit doch in uns zu finden. Jedenfalls lehrte das Jesus von Nazareth: Das Reich Gottes ist inwendig in euch. Und: Jeder Mensch ist ein Tempel des Heiligen Geistes. Das heißt: Die eigentlich wichtige Reise, die geht nach innen!