Jetzt hat es auch die Jesuiten erwischt.

Du meinst sicher den Skandal am Berliner Canisius-Gymnasium, das von Jesuiten geführt wird?

Sexualverbrechen von katholischen Priestern werden ja fast am laufenden Band aufgedeckt. Warum soll es bei den „schlauen Jungs“ anders sein?

Wieso „schlaue Jungs“?

Das ist ein Spitzname der Jesuiten, weil sie ja alle ein „SJ“ hinter dem Namen haben für „Societas Jesu“. Man kann es aber auch als „Schlaue Jungs“ lesen.

Immerhin war ja der Rektor des Canisius-Kollegs, der Jesuit Klaus Mertes, so schlau oder so mutig, dafür zu sorgen, dass der Skandal publik wurde, indem er alle Opfer aufforderte, sich zu melden. Bisher sind es schon über 40.

Dieser Schritt war sicher richtig, aber er kommt mindestens 20 Jahre zu spät. Schon Anfang der 80er Jahre gab es einen Brief von Schülern des Kollegs, die über sexuelle Übergriffe von Jesuitenpatres berichteten. Doch der Brief verschwand in der Schublade, ohne dass etwas passierte.

Doch! Es passierte etwas: Die beiden Patres, die gemeint waren, wurden versetzt und trieben ihr Unwesen weiter: in Hamburg, in Hildesheim, in Bonn, Göttingen, Hannover, im Schwarzwald, sogar in Chile. Und als vor zehn Jahren einer der beiden dann von sich aus den Orden verließ und seine Verfehlungen offen eingestand, passierte wieder nichts.

Das einzige, was passierte ist, dass die Verbrechen inzwischen verjährt sind.

Richtig. Der deutsche Bundestag hat erst vor zwei Jahren eine Petition zur Aufhebung dieser Verjährungsfristen abgelehnt.

Damit gehören auch zahlreiche Politiker mit zu dem „Schweige-Kartell“, von dem die Berliner Zeitung sprach. Aber das scheint ja jetzt endlich vorbei zu sein. Sogar der Vatikan hat verlauten lassen, dass er die Aufklärung der Jesuiten voll unterstütze und daher keine eigene Stellungnahme nötig sei.

Na ja! So kann man die eigene Vergangenheit geschickt verschleiern. In Wirklichkeit gab der Vatikan bereits in den 60er Jahren ein Dokument heraus, wonach Kinderschänderverbrechen seiner Angestellten umgehend nach Rom zu melden seien, ansonsten aber unbedingt geheim gehalten werden müssten.

Und der heutige Papst?

Der hat noch im Jahre 2001 als Kardinal Ratzinger in einem Brief an alle Bischöfe auf dieses Dokument Bezug genommen und erneut bekräftigt, dass solche Vergehen dem Vatikan zu melden seien, der dann über das weitere Vorgehen entscheide.

Man soll sie also nicht der Polizei melden?

Davon ist keine Rede.

Dann wusste also Papst Ratzinger von allen Kinderschänderverbrechen seitdem und hat nichts unternommen?

Es heißt ja, wer schweigt, macht sich mitschuldig. Allerspätestens seit er Papst ist, hätte Joseph Ratzinger eine neue Politik beginnen können, hätte zurückliegende Fälle öffentlich aufklären und bei neuen Fällen umgehend die weltlichen Behörden einschalten können.

Ist er dann nicht indirekt verantwortlich für all die Verbrechen dieser Art, die seither passieren, wenn immer noch Priester versetzt statt angezeigt werden und immer noch vertuscht statt aufgeklärt wird? Für all die Opfer solcher Verbrechen, die meist lebenslang unter schweren seelischen Schäden leiden?

Sagen wir’s mal so: Wenn der Papst der Chef eines großen Wirtschaftskonzerns wäre, dann würde man ihn wohl spätestens jetzt zum Rücktritt zwingen.

Weshalb sagst du „wäre“? Die katholische Kirche ist ja von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung her so etwas wie ein Wirtschaftskonzern. Nur Rücktritte von Vorstandsvorsitzenden sind da äußerst selten.

Aber das geht auch nur, solange die Aktionäre das mitmachen.

Die Aktionäre? Seit wann ist der Vatikan denn eine Aktiengesellschaft?

Die Aktionäre, das sind die Kirchenmitglieder, die mit ihren Kirchensteuern den Konzern unterstützen.

Als der Jesuit Friedhelm Mennekes zu diesen Vorfällen befragt wurde, sagte er gegenüber der Frankfurter Rundschau: „Trauen Sie keinem Pfarrer!“