(November 2010)
Die spanische Regierung unter Führung des Sozialisten José Luis Rodriguez Zapatero will die Kruzifixe aus den spanischen Schulen entfernen lassen. Anlass ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg, der feststellte, dass es einer italienischen Familie nicht zuzumuten sei, ihr Kind zwangsweise unter diesem Symbol unterrichten zu lassen.

Dieses Urteil zieht offenbar immer weitere Kreise und findet immer mehr Nachahmer. Sogar im ausgesprochen orthodoxen Griechenland forderten kürzlich vor Gericht zwei Kläger, vor der Verhandlung erst die Kruzifixe aus dem Gerichtssaal zu entfernen. Die Neue Rheinische Zeitung äußerte dafür Verständnis und stellte die Frage, ob es jedermann zuzumuten sei, an öffentlichen Plätzen mit „jener Darstellung einer grausigen Folterszene“ konfrontiert zu werden.

Weniger Verständnis hatte Kardinal Antonio Maria Rouco Varela, der Vorsitzende der spanischen Bischofskonferenz. Er bezeichnete den Gesetzesantrag der spanischen Regierung als „traurig und schmerzvoll“. Das Kreuz sei „nicht nur ein religiöses Zeichen, sondern auch ein Zeichen eines Humanismus, der der ganzen Welt Werte wie Vergebung und Barmherzigkeit vermittelt hat.“

Ein „religiöses Zeichen“ ist das Kruzifix ohne Zweifel, aber kein christliches. Christlich wäre nur das einfache, schlichte Holzkreuz. Das Kruzifix hingegen, das Kreuz mit Korpus, kannten die ersten Christen überhaupt nicht. Die glaubten an den auferstanden Christus, der in jedem Menschen weiterlebt. Und es wäre ihnen nie in den Sinn gekommen, den schrecklichen Foltertod ihres Erlösers in den Vordergrund zu stellen.

Aber wer hatte dann ein Interesse an dieser Darstellung?

Vielleicht diejenigen, die damals glaubten, den erstgeschauten Sohn Gottes besiegt zu haben. Dann wäre das Kruzifix so etwas wie eine grausige Siegestrophäe.
Und diese Rolle hat es ja gerade in Spanien immer wieder gespielt. Den Opfern der berüchtigten spanischen Inquisition wurde vor der Hinrichtung das Kruzifix unter die Nase gehalten. Genauso den Indios in Lateinamerika, die bei der Eroberung Amerikas einem der größten Völkermorde aller Zeiten zum Opfer fielen.

Und der spanische Bürgerkrieg im vergangenen Jahrhundert wurde von der Seite der Nationalisten als Kreuzzug im Namen Gottes geführt. Die Kirche fand nichts dabei, dass General Franco noch nach Ende des Krieges Zehntausende von Menschen umbringen und anonym verscharren ließ.

„Humanismus, Vergebung und Barmherzigkeit“ – dazu würde doch zunächst das Eingeständnis des eigenen Versagens, der eigenen Schuld gehören. Und die Aufklärung des Unrechts, das im Namen Gottes verübt wurde.

In ihren eigenen Schulen kann die Kirche das Kruzifix ja hängen lassen. Dann haben die Eltern wenigstens eine Wahl, womit sie ihre Kinder konfrontieren möchten und womit lieber nicht.