Stellen Sie sich einmal vor, im deutschen Bundestagswahlkampf hätte ein katholischer Bischof von der Kanzel gesagt: Der nächste Bundeskanzler muss ein Katholik sein, und zwar ein praktizierender Katholik! Was wäre da passiert?

Da wäre wohl große Empörung gewesen. Die Leute hätten wahrscheinlich gesagt: Die Kirche soll sich gefälligst da raus halten. Sie lassen sich nicht vorschreiben, wen sie wählen sollen. Und überhaupt: Bei einem Staatschef ist es doch wichtig, dass er gute Politik macht. Das Gebetbuch ist da zweitrangig.

In ist Kroatien vor wenigen Tagen genau das passiert: Bischof Slobodan Stambuk aus Hvar hat während einer Sonntagsmesse verkündet, das Land bräuchte bei der Wahl nächstes Jahr einen gläubigen Katholiken als Präsidenten.

Ist der jetzige Präsident also kein Katholik?

Doch, Stipe Mesic ist getaufter Katholik, aber er legt sich mit der Kirche an. Einige Kirchenvertreter haben schon geäußert, er sei wohl psychisch nicht ausgeglichen genug für so ein Amt.

Wenn man nicht tut, was die Bischöfe wollen, wird man scheinbar gleich für verrückt erklärt. Aber Stipe Mesic: War das nicht derjenige, der gefordert hat, die Kreuze sollten aus Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden verschwinden?

Ja genau. Er fordert nichts weniger als die konsequente Trennung von Kirche und Staat. Und er sagt, es sei nicht in Ordnung, dass die Kirche jedes Jahr 30 Millionen Euro an Subventionen vom Staat erhält, sie sollte sich ab sofort selbst finanzieren.

Das sind doch eigentlich sehr berechtigte Forderungen. Und ich wundere mich, dass solche Töne in einem Land wie Deutschland bisher kaum zu hören sind – obwohl der deutsche Steuerzahler nicht 30 Millionen, sondern mindestens 14 Milliarden pro Jahr an Subventionen und Steuerbefreiungen an die Kirchen zahlt.

Und auch in der Schweiz wird bisher nicht an dem System gerüttelt, dass dort in den meisten Kantonen sogar Wirtschaftsunternehmen Kirchensteuern bezahlen müssen, auch wenn deren Chefs und Angestellte Juden, Muslime oder Atheisten sind. Obwohl doch sicher noch niemand ein Wirtschaftsunternehmen gesehen hat, das am Sonntag in die Kirche geht.

Wir sehen also, die Trennung von Staat und Kirche ist in vielen Ländern noch nicht vollzogen, obwohl sie doch zu den Grundlagen eines Staates gehören würde, der von der Bekenntnisfreiheit und der Gleichberechtigung aller Bürger ausgeht.

Auch in Polen forderte vor kurzem der Jurist Prof. Pawel Borecki von der Universität Warschau, die zahlreichen finanziellen Privilegien und Steuerbefreiungen des polnischen Staates für die katholische Kirche endlich abzuschaffen.

Aber ein Staatschef, der solche Forderungen aufstellt – das hat schon Seltenheitswert. Der Mann hat Mut.

Wir finden, die Zeiten sind viel zu ernst und die Not ist viel zu groß, als dass wir uns, gleich in welchem Land, noch verkrustete Traditionen und althergebrachte Privilegien leisten könnten – zumal für die steinreichen Kirchen.

Die Kirche mag zwar äußerlich reich sein – aber wer sich auf Kosten des Steuerzahlers bereichert, ist der nicht in Wirklichkeit arm im Geiste? Christlich sollte er sich dann jedenfalls nicht nennen.