Sie sind die Schwächsten der Schwachen: Taubstumme Kinder aus armen Familien. Sie wurden vielfach in kirchlichen Heimen untergebracht; die Eltern meinten sie dort in guten Händen. Doch nun gingen mehr als 60 ehemalige Heimkinder aus der Provinz Verona in Norditalien an die Öffentlichkeit. „Wir wurden Opfer pädophiler Priester“. So lautet die Überschrift m 22. Januar im italienischen Magazin L’Espresso. Und diese Opfer berichten detailliert über Sexualverbrechen und andere Misshandlungen, die sie über viele Jahre hinweg in zwei Taubstummenheimen erlitten. Die Übergriffe erfolgten fast überall: In den Schlafräumen, unter der Dusche, im Beichtstuhl und sogar am Altar. Meist wurden die Kinder und Jugendlichen zuvor durch Schläge und Drohungen eingeschüchtert und gefügig gemacht.

Die Straftaten sind zwar verjährt, aber die Geschädigten wollen ohnehin weder eine Bestrafung noch eine Entschädigung. Sie fordern vielmehr, die betreffenden Priester, die zum Teil noch immer in Heimen arbeiten, endlich aus dem Verkehr zu ziehen, damit Gleiches oder Ähnliches nicht auch noch anderen Kindern widerfährt.

Doch selbst damit beißen sie bisher auf Granit. Laut L’Espresso erklärte sich der Bischof von Verona, dem sie die Vorfälle schilderten, für nicht zuständig und verwies sie an die Kirchengerichte. Doch die Taubstummen von Verona haben einen Anfang gemacht. Möglicherweise wird nun Weiteres ans Tageslicht kommen,
denn es ist anzunehmen, dass die Zustände in so manch anderem Heim nicht viel anders waren.

Weshalb eigentlich schweigen die Opfer von Sexualverbrechen so lange? Weil sie meist erst nach Jahren oder Jahrzehnten überhaupt in der Lage sind, über ihre alptraumartigen Erlebnisse zu sprechen. Ermutigt wurden die italienischen Taubstummen durch Enthüllungen in Irland, die durch den Film „Die unbarmherzigen Schwestern“ international bekannt wurden.

Auch in anderen Ländern, wie zum Beispiel in Deutschland, gab es über Jahrzehnte hinweg Misshandlungen, sexuelle Übergriffe und unbezahlte Zwangsarbeit in kirchlichen Erziehungsheimen. Man rechnet mit einer halben Million Betroffener, die meist ihr Leben lang unter den Ereignissen seelisch leiden. Diese ehemaligen Heimkinder haben sich zusammengeschlossen, sind aktiv geworden, und kürzlich wurde im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags ein runder Tisch eingerichtet, der alle Beteiligten zum Gespräch zusammenführen soll. Ein solches Gespräch ist mindestens ebenso wichtig wie eine angemessene Entschädigung. Denn Geld kann im äußeren helfen. Aber wer hilft den Seelen von Menschen, denen im Namen Gottes Leid zugefügt wurde und die nun in vielen Fällen an Gott und der Welt verzweifelt sind?