Erst vor knapp vier Jahren kam sie erstmalig an das Licht der Öffentlichkeit: die Gewalt, die etwa eine Million Kinder und Jugendliche zwischen 1950 und 1970 in kirchlichen Heimen erdulden mussten. Viele der Betroffenen, die heute noch leben, haben sich von dem Unrecht nie erholt und leben zudem heute in Armut.

Bisher haben die großen Kirchen die Misshandlungen und Demütigungen bis hin zu Sexualverbrechen, die in diesen Heimen für so genannte „schwer erziehbare“ Kinder an der Tagesordnung waren, als Einzelfälle abgetan. Doch nun zeigt sich eine Trendwende an, die das ganze Ausmaß der Tragödie ans Licht bringen könnte: Die Diakonie in Niedersachsen ist dabei die Vorfälle zu sichten und neu zu bewerten. Und sie gibt in einem Zwischenbericht zu: „Schwere Misshandlungen bis hin zu Vergewaltigungen seien zwar nicht von oben angeordnet, aber gängige Praxis gewesen.“ „Prügelstrafen waren an der Tagesordnung“. Fliesen mussten z.B. mit Zahnbürsten geputzt werden, Kinder wurden tagelang in fensterlose Verliese eingesperrt.
Nach einer Meldung des Norddeutschen Rundfunks schätzen Experten die Zahl der misshandelten Kinder in Niedersachsenn auf 50 000, in Deutschland insgesamt auf eine halbe Million.

Auf eine Entschädigung warten die damaligen Heim-Kinder und Jugendlichen, die heute zumeist im Rentenalter sind, fast alle vergebens. Dabei wurden sie nicht nur gequält und misshandelt, sondern, wie ein Filmbericht bei Frontal 21 feststellte, auch als billige Arbeitskräfte missbraucht. Sie mussten stundenlang beim Torfstechen, im Steinbruch oder am Fließband arbeiten, ohne einen Pfennig Entlohnung zu erhalten. „Es herrschte militärischer Drill ... Wir wurden wie Sklaven gehalten“, so lauten die erschreckenden Aussagen der Betroffenen.

Eine Entschädigung wäre das Mindeste, was die Kirchen den Geschädigten leisten sollten. Die Schäden an den Seelen von Kindern allerdings, die im Namen Gottes gequält wurden, sind dadurch wohl kaum wieder gut zumachen. Wie viele werden wohl den Glauben an Gott verloren haben, weil sie das, was mit ihnen geschehen ist, nicht der Kirche, sondern Gott zurechneten?