Der Vatikan hat die jüngste Entschuldigung von Richard Williamson als vage und unzureichend zurückgewiesen. Dieser schrieb nach seiner erzwungenen Ausreise aus Argentinien einen Brief an den Vatikan und entschuldigte sich darin „vor Gott“ bei allen, die er durch seine Leugnung der Judenvernichtung im Dritten Reich verletzt habe. Nun hat die katholische Kirche den rechtskonservativen Bischof dazu aufgefordert, seine Leugnung des Holocausts vollständig zu widerrufen.
Kann es sein, dass das vatikanische Staatsoberhaupt diese konsequente Entschuldigung in erster Linie aufgrund des öffentlichen Drucks fordert? Denn außer dem Bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer, der dem Papst die „bayerische Solidarität“ zusicherte werden die Forderung nach konsequenten Schritten an den Vatikan immer lauter.
Das kann gut sein. Doch an welchem Maßstab werden Entschuldigungen in der Katholischen Kirche eigentlich gemessen? Vergleichen wir doch einmal:
Am 12. März 2000 sprach Papst Johannes Paul II das große Mea Culpa für „Die Kirche und die Verfehlungen der Vergangenheit“. Drei Jahre lang arbeiteten sieben internationale Theologen unter Leitung des damaligen deutschen Kardinals Joseph Ratzinger an diesem Dokument. Zur Shoa heißt es darin: Man kann „sich fragen, ob die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten nicht doch auch von antijüdischen Vorurteilen begünstigt wurde, die in den Köpfen und Herzen einiger Christen lebendig waren.“ Nach historischen Forschungen, beispielsweise des amerikanischen Historikers David Kertzer, muss man sich jedoch nicht mehr fragen, ob die Kirche einen Anteil am Antisemitismus hat, denn dieser ist nachweisbar. Kertzer schreibt z.B. „Als Ende des 19. Jahrhunderts die modernen antisemitischen Bewegungen entstanden, gehörte die Katholische Kirche, die ständig vor einer wachsenden jüdischen Gefahr warnte, zu den bedeutendsten Akteuren.“
Und als Joseph Ratzinger während seiner Polenreise 2006 das Konzentrationslager Auschwitz besuchte und viele gerade von einen deutschen Papst auf eine Entschuldigung hofften, sprach Benedikt hauptsächlich vom Schweigen – allerdings nicht vom Schweigen Papst Pius XII., sondern vom Schweigen Gottes. Eine Entschuldigung blieb aus, ebenso wie eine Entschuldigung, die Venezuelas Präsident Hugo Chávez forderte, nachdem Benedikt den Völkermord an den Ureinwohnern Lateinamerikas leugnete, indem er bei der Eröffnung der lateinamerikanischen Bischofskonferenz im Mai 2007 äußerte, dass die Ureinwohner sich die Christianisierung „unbewusst herbeigesehnt“ hätten.
Stellt sich hier nicht die Frage, ob auch die Entschuldigungen des Papstes unzureichend sein könnten? Und müsste eine Institution, die Christus im Namen und im Mund trägt, an sich nicht den christlichen Maßstab der Reue, der Bitte um Vergebung, der gegenseitigen Vergebung und so möglich auch der Widergutmachung anlegen?