Das Wort „Exkommunikation“ hat beste Chancen, zum Unwort des Jahres 2009 zu werden. Viele, die es bislang gar nicht kannten, erfuhren erst davon, als der Papst jüngst eine so genannte Exkommunikation zurücknahm, nämlich die der drei Bischöfe der rechtsextremen Pius-Bruderschaft. Da einer davon den Holocaust leugnete, wurde das Ganze zum öffentlichen Ärgernis. Manche empfanden es auch als Ärgernis, dass sich eine Institution wie die Kirche, die sich christlich nennt, anmaßt, Menschen auszuschließen und damit zu Kandidaten für die ewige Hölle zu stempeln. Denn nach kirchlicher Meinung sind die Exkommunizierten vom ewigen Heil ausgeschlossen. Die meisten Menschen gehen zur Tagesordnung über und sagen sich: Das mag ja gut katholisch sein, doch christlich ist es sicher nicht. Leider ist die römisch-katholische Institution zu einem Namenswechsel bislang nicht bereit.

Stattdessen erregt sie nun in Brasilien erneut Ärgernis. Dort wurde eine 9-jährige von ihrem Stiefvater über Jahre hin sexuell missbraucht und schließlich schwanger. Sie erwartete Zwillinge. Das Mädchen war nur 1,33 m groß und wog nur 36 Kilo. Es war in höchster Lebensgefahr. Also entschlossen sich die Mutter und die Ärzte zur Abtreibung der Schwangerschaft. Daraufhin trat der zuständige Erzbischof Cardoso Sobrinho auf den Plan: Er exkommunizierte die Mutter und das Ärzteteam. Wie sich später herausstellte, wollte er die Mutter dazu überreden, die Schwangerschaft nicht abbrechen zu lassen. Sie lehnte dies ab und die Ärzte hielten das ganze Unternehmen für lebensgefährlich. Das weltliche Gesetz erlaubte den Abbruch. Hat der zürnende Erzbischof die Ärzte befragt? Weiß er, was in der Mutter vor sich ging? Er weiß es nicht und schickte dennoch erbarmungslos seinen kirchlichen Bannstrahl. Der Berliner Tagesspiegel schreibt dazu: „Das symbolische und politische Kuddelmuddel, das die katholische Kirche da anrichtet, scheint an Irrsinn zu grenzen. Sind es bewusst oder unwissentlich begangene Provokationen?“ Der 23-jährige Vergewaltiger, der sich drei Jahre lang an dem Mädchen vergangen hat, wurde nicht exkommuniziert.

Auf eine Provokation mehr oder weniger kommt es im Grunde nicht mehr an. Der kirchliche Irrsinn, von dem der Tagesspiegel schreibt, spiegelt sich im übrigen in der viel grundsätzlicheren Frage wider: Warum schützt die Kirche nur das ungeborene Leben und geht mit dem geborenen Leben so großzügig um, dass im Laufe der Geschichte Millionen von Menschen auf kirchliches Geheiß oder mit kirchlichem Segen umgebracht wurden – bei Kreuzzügen und Hexenverbrennungen, bei der Missionierung in Südamerika, bei so genannten gerechten Kriegen in Europa und dem Massenmord in Kroatien an 700.000 orthodoxen Serben in den 40-iger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der katholische Kriegsverbrecher Pavelic, der all dies dirigierte, wurde nicht exkommuniziert, sondern von Papst Pius XII. empfangen und mit den besten Segenswünschen für seine Arbeit verabschiedet.