Wenn ein Deutscher, der noch als Hitlerjunge und Flakhelfer dienen musste, Papst wird und nach Israel reist, halten jüdische Zeitgenossen die Luft an, um zu hören, was er dort sagt. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem sprach er bewegende Worte. Aber ein zentraler Punkt wurde vermisst: Eine Entschuldigung des Papstes für die Verbrechen der Kirche an den Juden. Als man dies kritisierte, sagte ein Vatikansprecher: Der Papst habe zum Verhältnis der Kirche zum Holocaust schon wiederholte Male Stellung genommen und alles gesagt.

Zum Beispiel bei seiner Rede auf dem Jugendtreffen in Köln. Wer die Rede nachliest, muss allerdings feststellen, dass Josef Ratzinger die kirchlichen Wurzeln des Antisemitismus dort ausblendet. Er bezeichnet den Holocaust als Folge einer „neuheidnischen Rassenideologie“, also der Ideologie Hitlers von den reinrassigen Germanen und den minderwertigen Semiten.

Das ist also des Rätsels Lösung. Der Papst geht davon aus, dass der Holocaust nicht auch von seiner Kirche, sondern ausschließlich von Hitler zu verantworten sei.

Neueste historische Forschungen wie beispielsweise des amerikanischen Historikers David Kertzer zeigen jedoch, dass Benedikt eine unverantwortliche Geschichtsfälschung begeht, wenn er behauptet, die Ausrottung der europäischen Juden sei allein auf die „neuheidnische Ideologie“ der Nazis zurückzuführen. Wörtlich schreibt der Historiker in seinem Buch „Die Päpste gegen die Juden – Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus“: „Die Vorstellung, die katholische Kirche hätte nur die religiöse Ablehnung des Judentums gestärkt, aber keine dem modernen Antisemitismus zugerechneten Negativurteile über die angeblich schädliche soziale, wirtschaftliche, kulturelle und politische Rolle der Juden verbreitet, wird von der historischen Wirklichkeit ad absurdum geführt. Als Ende des 19. Jahrhunderts die modernen antisemitischen Bewegungen entstanden, gehörte die katholische Kirche, die ständig vor einer wachsenden jüdischen Gefahr warnte, zu den bedeutendsten Akteuren.“

Die Parolen, um die es hier ging und die Kertzer noch einmal resümiert, lauteten unter anderem: Juden seien raubgierig und gnadenlos; sie würden um jeden Preis versuchen, alles Gold der Welt in die Hände zu bekommen und sich nicht darum kümmern, wie viele Christen sie dabei ruinieren; Juden seien unpatriotisch, ein Fremdkörper der Sicherheit und Wohlfahrt der Völker usw.

„Jedes dieser Elemente des modernen Antisemitismus“, so schreibt Kertzer, „wurde von der katholischen Kirche nicht nur geduldet, sondern auch von ihren offiziellen und inoffiziellen Organen aktiv vertreten.“

Der Papst hätte also allen Grund gehabt, sich in Jerusalem für die Mitverantwortung seiner Kirche für den Holocaust zu entschuldigen. Dass er es nicht getan hat und dass ein Vatikansprecher fast schnoddrig sagte, es sei ja schon alles gesagt, wirkt peinlich. Denn die Aussage lautete in Köln: Wir sind gar nicht schuld, es waren allein die Nazis.