Die Vatikankirche nutzt normalerweise ihre eigene Geschichte, um sich und ihren Gläubigen immer wieder neu das "angeborene" katholische Überlegenheitsgefühl zu bestätigen. Doch ganz allmählich dringt ins öffentliche Bewusstsein, dass diese Geschichte eine sehr problematische ist, weil die Kirche in allen Jahrhunderten Gewalt und unermessliches Leid über Millionen von Menschen gebracht hat. Und auch die Kirche selbst kann sich dieser Erkenntnis nicht mehr ganz entziehen.
"1000 Jahre Bistum Bamberg - feiern Sie mit!", so wird man im Internet auf der Seite des Erzbistums Bamberg begrüßt. Empfänge, Ausstellungen, Festgottesdienste, Vorträge reihen sich das ganze Jahr über aneinander. Die zahlreichen Opfer dieser 1000-jährigen Geschichte tauchen zunächst im Programm nicht auf.
Doch Anfang März veranstaltet Erzbischof Ludwig Schick im Bamberger Dom einen Vespergottesdienst, bei dem er konkrete Verbrechen der Kirche benennen lässt, die sich in Bamberg abspielten: Die Ermordung von Juden und "Hexen", die Beteiligung an Kreuzzügen, Sexualverbrechen durch Priester und anderes mehr. Es folgt eine Bitte um Vergebung - gerichtet allerdings nicht an die Seelen der Gequälten und Ermordeten, die ja nach katholischer Lehre noch existieren, sondern an Christus.

Schuldeingeständnis nur »Eintagsfliege« ?

Stellt sich die Kirche ihrer Vergangenheit? Es wird sich bald zeigen, ob dieses unerwartete Schuldbekenntnis eine "Eintagsfliege" war, um lästigen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, oder ob ihm eine ernsthafte Auseinandersetzung und historische Aufarbeitung folgen wird.

Bistumsgründer Heinrich: ein Gewaltverbrecher und Ausländerfeind

Dann müsste man sich auch an ein besonders heißes Eisen heranmachen, das bislang unerwähnt blieb: An die Bistumsgründung selbst, die man jetzt zu feiern gedenkt, und an den Bistumsgründer, Kaiser Heinrich II. Die Kirche hat ihn als einen von wenigen Kaisern und Königen heilig gesprochen. Ein "Heiliger" ganz nach katholischem Geschmack. Denn Heinrich war äußerst kriegerisch. Er führte schon in den ersten Jahren seiner Regierung einen Krieg und Bürgerkrieg nach dem anderen, von Italien (wo das grausame Massaker von Pavia 1004 auf sein Konto geht) bis Polen (gegen das er allein drei Kriege führte).
Das könnte man noch als "zeitbedingt" abtun - obwohl ja gerade die Kirche immer so viel Wert darauf legt, angeblich über den Zeitläuften zu stehen. Doch auch die Bistumsgründung selbst (1007) steht unter äußerst problematischen Vorzeichen: Sie erfolgte mit dem Ziel, "dass das Heidentum der Slawen vernichtet werde und der Name Christi dort für immer in feierlichem Andenken stehen soll", so ein offizielles Protokoll. Im Namen Christi feiert man tatsächlich noch tausend Jahre später - doch mit dem Nazarener hat ein solches Ziel nicht das geringste zu tun. Die Vernichtung einer anderen Religion ist nicht nur in höchstem Maße intolerant. Das Vorgehen Heinrichs im Namen der Kirche ist - so würde man es heute ausdrücken - zutiefst ausländerfeindlich und rechtsradikal. Denn hier wurde nicht nur eine Religion bekämpft, sondern es wurden Menschen mit Krieg und Gewalt überzogen.
Der Krieg deutscher Kaiser, Könige und Fürsten gegen die Slawen (die zum Teil längst christianisiert waren) dauerte mehrere Jahrhunderte und wurde äußerst brutal geführt - ein bis heute kaum beachtetes dunkles Kapitel der deutschen Geschichte. Die Rechtfertigung dieser Gewaltexzesse lieferte ein ums andre Mal die Kirche, die teilweise sogar zu "Kreuzzügen" gen Osten aufrief.
Während sich das Erzbistum bislang wenigstens vorsichtig in Richtung Vergangenheitsbewältigung vorarbeitet, hat ein anderer mit ungeschminkter Geschichtsbetrachtung und Selbstkritik bislang offenbar nur wenig am Hut: Papst Ratzinger, genannt Benedikt XVI. In seinem Grußwort, das er zum Bistumsjubiläum nach Bamberg sandte, spricht er nebulös von "tiefgreifenden politischen, kulturellen und religiösen Umbrüchen" und betont dann: "Dass in all diesen Stürmen Hirten und Gläubige‚ den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet und den Glauben bewahrt' (2 Tim 4,7), ja auch Zeiten kraftvoller Blüte des Glaubens erlebt haben, ist wahrlich Grund genug, aus dankerfülltem Herzen ein freudiges ´Te Deum` anzustimmen, das nun das ganze Jubiläumsjahr nicht verstummen soll." Und er bedauert, nicht "in eigener Person" nach Bamberg kommen zu können, "wie es mein Vorgänger Benedikt VIII. im Jahre 1020 getan hat."

Damit hat Joseph Ratzinger schon den nächsten Täter erwähnt, an dessen Händen Blut klebt: Theophylakt von Tusculum, von 1012 bis 1024 Papst Benedikt VIII., inszenierte zwei Mal Pogrome gegen die Juden von Rom. 1017 ließ er viele von ihnen köpfen, 1020 wählte er das Verbrennen als Hinrichtungsart, weil die Juden angeblich einen Orkan und ein Erdbeben ausgelöst hätten.

Im Sinne der Kirche gekämpft: Mord und Totschlag

Denkt Ratzinger bei den "Gläubigen", die im Sinne der Kirche kämpften, etwa auch an jenen unseligen Ritter Rintfleisch, der 1298, angestachelt von kirchlichem Judenhass, mit seiner Rotte 130 Bamberger Juden folterte, erschlug und verbrannte? Zählt er zu den "Hirten", die den "guten Kampf gekämpft", etwa auch Gestalten wie Bischof Johann Gottfried von Aschhausen oder Georg Fuchs von Dornheim, die das Bistum und die Stadt Bamberg im 17. Jahrhundert zu einem der schaurigsten Plätze Deutschlands machten, zum Grab von mindestens 900 grausam gemarterten und ermordeten "Hexen" und "Zauberern"? Meint er damit auch den Bamberger Erzbischof Kolb, der noch im Januar 1944 den Krieg Hitlers indirekt unterstützte, indem er schrieb: "Wenn Armeen von Soldaten kämpfen, dann muss eine Armee von Betern hinter der Front stehen"?
Wir sehen: Es gibt noch vieles zu klären und aufzuarbeiten. Vielleicht münden ja die erfreulichen ersten Schritte in diese Richtung eines Tages in die Errichtung eines Mahnmals für die Opfer der Kirche in Bamberg. Hoffentlich noch, ehe weitere tausend Jahre ins Land gegangen sind.

Mehr zum Thema: http://www.theologe.de/erzbistum_bamberg.htm